Fast 70 Jahre hat das Berliner Studierendenwerk Weihnachtsmänner an Familien vermittelt. Doch jetzt ist Schluss. Ein Gespräch mit dem Oberweihnachtsmann von Berlin

Die Stiefel hat Stephan Antczack schon an, als das Interview beginnt, die weißen Stricksocken ragen hinaus. Nur den Bart muss der Oberweihnachtsmann noch weißen. In Antczacks Wohnung hängen Theaterkostüme über dem Bett, Bücher türmen sich bis zur Decke. Ein ganzes Regal besteht nur aus Bertolt-Brecht-Literatur, daneben regalweise Bücher zu Psychologie und Medizin, Geschichte und Kunst. Antczack setzt sich auf die Couch neben Papa Schlumpf, Schlumpfine und Ernie in Plüsch.

Antzcack ist Theaterpädagoge, psychiatrischer Pfleger und eben Oberweihnachtsmann. So heißen diejenigen, die die Weihnachtsmannvermittlung des Berliner Studierendenwerks organisiert haben. Seit 1949 hat das Berliner Studierendenwerk Weihnachtsmänner und -engel in Berliner Familien geschickt, doch jetzt hört es damit auf – zu wenig neue Studierende haben sich für den Job beworben.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Antczack, was bedeutet es, dass das Studierendenwerk in diesem Jahr zum ersten Mal seit 1949 keine Weihnachtsmänner mehr vermittelt?

Stephan Antczack, geboren 1966, ist Theaterpädagoge, Geschichtsvermittler und psychiatrischer Pfleger. Er trainiert Weihnachtsmänner und Clowns. Für das Berliner Studierendenwerk organisierte er die Weihnachtsmannvermittlung. © Hannes Schrader für ZEIT ONLINE

Stephan Antczack: Es ist eine große Zäsur. Ich glaube, es ist sogar ein riesiger kultureller Einschnitt. Der Weihnachtsmann ist in der Krise, uns fehlen aktuell 100 Weihnachtsmänner. Nächstes Jahr wäre die Berliner Weihnachtsmannvermittlung 70 Jahre alt geworden. Dass eine Einrichtung, die Jobs für Studierende vermittelt, so einen Aufwand betreibt, um zu über 3.000 Familien einen Weihnachtsmann zu schicken, ist weltweit einzigartig. Jetzt geht es um die Zukunft dieser Tradition: Wird es weiter Menschen geben, die uns bestellen, oder wird es einfach irgendwann vergessen werden und der Weihnachtsmann ist nur noch eine Figur, die im Bilderbuch vorkommt?

ZEIT Campus ONLINE: Wann waren die Hochzeiten des Weihnachtsmanns?

Antczack: Als die Mauer gefallen ist, kamen Studierende der ostdeutschen Universitäten dazu. Da war so viel im Umbruch und so viel Orientierungslosigkeit, dass irre viele Leute einen Weihnachtsmann bestellt haben – bis zu 10.000 Bescherungen gab es. Die Menschen wussten nicht: Was passiert jetzt? Deshalb wollten sie Weihnachten schön haben. Darauf konnte man sich verlassen.

ZEIT Campus ONLINE: Und zuletzt?

Antczack: Das Studierendenwerk hat 3.000 bis 4.000 Bescherungen gemacht. Die Berliner Weihnachtsmannzentrale vermittelt auch noch mal gut 1.000 Bescherungen, das Weihnachtsbüro vielleicht noch mal ungefähr 500, dann gibt es Angelas Engelagentur, die haben vielleicht auch noch mal so 200 Bescherungen.

ZEIT Campus ONLINE: Warum hat das Studierendenwerk die Vermittlung jetzt aufgegeben?

Antczack: Es gibt nicht genug Studierende, die sich melden. Ein Grund ist die Bologna-Reform von vor 15 Jahren. Die Studierenden müssen möglichst schnell durchkommen. Das führt dazu, dass man fast gar nicht mehr nebenbei arbeiten kann. Wer auf diese Art studiert, muss ein Stipendium bekommen oder Geld von Mama und Papa.

ZEIT Campus ONLINE: Vielleicht ist der Beruf des Weihnachtsmanns auch weniger attraktiv geworden?

Antczack: Nein, ich wüsste nicht, warum. Natürlich ist es kein Job, der einen dauerhaft ernährt. Weihnachtsmann ist man nur einen Tag im Jahr. Aber es ist was fürs Herz, weil man ganz viel Liebe gibt, aber auch viel Liebe und Anerkennung zurückbekommt. Man kriegt viel Applaus, viel Aufmerksamkeit.

ZEIT Campus ONLINE: Sind Sie auch deswegen dazugekommen?

Antczack: (zögert) Das hat sicher auch eine Rolle gespielt.