Ihre Ausbildung kostete mehr als 25.000 Euro, der eigenen Praxis droht das Aus – obwohl sie lange Wartelisten führt. Das anonyme Gehaltsprotokoll einer jungen Logopädin

Alter: 32
Beruf: Logopädin
Gehalt: 2.200 netto

Lange hatte ich gezögert. Doch nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Kindertagesstätte war für mich klar: Ich möchte unbedingt Logopädin werden. Ich hatte Zweifel, ob ich mir die Ausbildung leisten kann und es hat Monate gedauert, bis ich mich dazu überwand, meine Eltern um Hilfe zu bitten. Drei Jahre lang zahlten sie mein Schulgeld von 650 Euro im Monat. Dazu kamen Materialausgaben, Prüfungsgebühren und die teure Fahrkarte zur Logopädieschule. Dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar. Die meisten meiner Kolleginnen starten mit Schulden von mehr als 25.000 Euro in ihr schlecht bezahltes Berufsleben. Wer in meiner Region, im Süden Hessens, Logopädin werden will, der muss es wirklich wollen.

Meine ehemalige Schule wird demnächst geschlossen. Zu wenige möchten sich das antun: Die hohen Kosten, die schlechten Löhne, die unsichere Zukunft, all das schreckt ab. Dabei ist mein Beruf das Schönste, was ich mir vorstellen kann: Jeden Tag wartet eine neue Herausforderung auf mich. Morgens kommt der lispelnde Junge, mittags ein Mädchen, das immer "desprungen" und "deweint" sagt. Am Nachmittag Erzieher und Lehrerinnen, die Angst vor Stimmversagen haben. Mittlerweile häufen sich auch die Hausbesuche bei Schlaganfallpatienten, die das Sprechen wieder lernen müssen. Zwei Vormittage in der Woche fahre ich in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Man kommt mit so vielen Menschen in Kontakt – den meisten kann man helfen, die Sprache zu finden. Ohne zwischenmenschliche Kommunikation funktioniert nichts. Unsere Sprache ist die Grundlage für vieles im Leben. In der Therapie kann ich mich täglich über jeden Fortschritt meiner Patientinnen freuen.

Ich liebe meinen Beruf. Doch in zwei Jahren läuft der Mietvertrag meiner Praxis aus. Wenn sich an den Bedingungen nichts ändert, muss ich meinen Traum aufgeben. Eine Umfrage hat 2017 ergeben, dass jede zweite Logopädin darüber nachdenkt, ihren Beruf aufzugeben. Die psychische Belastung durch diese Unsicherheit ist groß. Mit meiner logopädischen Ausbildung kann ich nicht einfach einen anderen Job ausüben – ganz abgesehen davon, dass ich das auch gar nicht will.

Im Sommer vor zwei Jahren habe ich meine erste eigene Praxis gegründet. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Kartons, an das "Willkommen" in acht Sprachen, das ich an die Wand im Eingangsbereich geklebt habe. Schnell konnte ich gar nicht mehr zählen, wie viele Menschen ein Willkommen hören wollten. Nach wenigen Wochen waren alle Termine auf Monate hinweg ausgebucht. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen, ständig Anrufer vertrösten zu müssen. Deshalb habe ich in diesem Jahr eine Kollegin eingestellt. Eigentlich wollte ich nie Angestellte haben, doch alleine würde ich das nicht mehr bewältigen können.