Der neue Staatsvertrag sollte die Zulassung zum Medizinstudium gerechter machen. Stattdessen wird er das Studium sozial noch selektiver machen.

Wenn sich fünfmal so viele Menschen auf einen Studienplatz bewerben, wie es Plätze gibt, wird es niemals eine Lösung geben, bei der alle zufrieden sind. Bei jedem Auswahlverfahren werden viele Menschen keinen Platz bekommen und deshalb unzufrieden und frustriert sein. Mitunter lösen sich, wenn Bewerber den Ablehnungsbescheid für das Medizinstudium in der Hand haben, Lebensträume in Luft auf. Nur klar, dass seit Jahren darüber gestritten wird, ob das Zulassungsverfahren fair ist.

Im vergangenen Jahr entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das bisherige Verfahren mit Numerus Clausus, Hochschulauswahl und Wartezeitquoten zumindest teilweise verfassungswidrig ist. Also musste die Kultusministerkonferenz (KMK) zusammenkommen und die Kritikpunkte des Gerichts einarbeiten. Das Bundesverfassungsgericht bemängelte vor allem zwei Dinge: Einerseits, dass die Wartezeiten zu lang geworden waren, andererseits, dass der Numerus Clausus vielerorts zu stark ins Gewicht fiel. Die KMK hat sich beider Dinge angenommen und dabei leider eine Chance verpasst. Denn die neuen Auswahlrichtlinien sind nicht gerechter, schon gar nicht, wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht.

Mehr Gewicht für den NC

Der erste Grund dafür: Der Numerus Clausus wird mutmaßlich noch wichtiger. Die Quote derer, die allein auf Grund ihrer Abinote zugelassen werden, steigt nämlich von 20 auf 30 Prozent. Zwar dürfen die Unis in ihrem eigenen Verfahren, über das bisher 60 Prozent der Studierenden zugelassen wurden, nicht mehr allein auf den NC zurückgreifen. Tatsache aber ist, dass das zuletzt nur noch die allerwenigsten Unis taten.

Als Grund dafür, dass künftig 30 Prozent der Studierenden über die NC-Quote zugelassen werden, nennt die KMK wieder einmal, dass diese über "allgemeine kognitive Fähigkeiten und persönlichkeitsbezogene Kompetenzen, wie Motivation, Fleiß und Arbeitshaltung" Aufschluss gibt und eine "hohe Prognosekraft für den Studienerfolg attestiert". Das stimmt tatsächlich. Ist aber nur die halbe Wahrheit.

Denn der NC ist mehr als ein Leistungsbarometer. Er ist das effektivste Mittel, um sozial zu selektieren. Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben im Schnitt deutlich schlechtere Abiturnoten. Menschen, die einen Bildungsaufstieg hinlegen – also aus einem Arbeiterhaushalt kommen, das Abitur machen, studieren und später in die Mittel- oder Oberschicht aufsteigen – sind oft Spätzünder. Weil sie aus ihren Elternhäusern oft schlicht weniger Unterstützung bekommen können, brauchen sie länger als bis zum Abitur, um zu Akademikerkindern aufzuschließen.

Während immerhin fast die Hälfte der Studierenden in Deutschland Eltern hat, die nicht studiert haben, sind es unter Studierenden, die auf Staatsexamen – also Jura, Pharmazie und Medizin – studieren, weniger als ein Drittel. So steht es in der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Nicht einmal jede zehnte Medizinstudentin hatte 2016 eine niedrige Bildungsherkunft, das bedeutet, dass eines oder keines der beiden Elternteile überhaupt eine Ausbildung hat. Was der NC einfach nicht leisten kann, ist die Leistung eines Studienbewerbers vor dem Hintergrund seiner Herkunft zu bewerten. Man kann das in eine plakative Frage verpacken: Hat ein 18-Jähriger, der in einem Professorenhaushalt groß geworden ist mit seinem 1,0-Schnitt mehr geleistet als eine 18-Jährige, deren Vater Kfz-Mechaniker und deren Mutter Altenpflegerin ist und in deren Haushalt es kein einziges Buch gab, mit einem Schnitt von 1,5?

Der NC siebt deshalb nicht allein Kinder aus bildungsfernen Haushalten aus. Er siebt auch Menschen mit Migrationshintergrund aus, denn sie haben dreimal so oft eine niedrige Bildungsherkunft wie ihre Kommilitonen ohne Migrationshintergrund.

Dass die Wartequote, so wie es das Bundesverfassungsgericht wollte, ebenso wegfällt, macht die Sache noch ungerechter. Natürlich war die Wartezeit mit zuletzt mehr als sieben Jahren viel zu lang. Zumindest aber wurden nach der Wartezeitregel immer wieder Menschen zugelassen, die es sonst niemals geschafft hätten, Nichtakademikerkinder zum Beispiel. Auch wenn sie dann öfter scheiterten als Medizinstudierende, die mit einem 1,0er-Abi direkt nach der Schule zugelassen wurden, bekamen sie so ihre Chance.

Kommen Bewerberinnen mit einem Akademikerhabitus besser an?

Der neue Staatsvertrag sieht vor, dass in Zukunft ein Gutteil der Studierenden Auswahlverfahren durchlaufen sollen. Das können Interviews sein oder Rollenspiele, in denen die soziale Kompetenz der Bewerberinnen und Bewerber getestet wird. Prinzipiell ist das gut. Aber auch hier muss man vorsichtig sein, denn soziale Situationen wollen genauso gelernt sein wie Schulnoten. Die Chancen, dass die, die schon in ihren Familien einen Akademikerhabitus erlernt haben, auch besser bei den Professoren ankommen, die sie bewerten, dürfte groß sein. Und neben Interviews und Rollenspielen werden mit großer Wahrscheinlichkeit vor allem die schon heute weit verbreiteten Medizinertests häufiger werden. Und auch bei denen geht es wieder vornehmlich um Exzellenz und weniger darum, wie weit ein Mensch vor dem Hintergrund seiner Möglichkeiten gekommen ist. Die Chancen dafür, dass der neue Staatsvertrag die soziale Selektivität des Medizinstudiums zementieren wird, stehen also gut.

Innerhalb der Logik, die die Kultusministerkonferenz vertritt, scheint der Staatsvertrag trotzdem sinnvoll zu sein. Er dürfte dafür sorgen, dass diejenigen einen Studienplatz in Medizin bekommen sollen, die besonders exzellent sind und bei denen die Chance besonders hoch sind, dass sie erfolgreich zu Ende studieren. Die große Frage aber bleibt: Sind das die Ärztinnen und Ärzte, die wir haben wollen? Oder wollen wir lieber Ärzte, die die soziale und kulturelle Vielfalt unseres Landes widerspiegeln? Es geht bei dieser Frage nicht um Bildungsgerechtigkeit und Diversität um ihrer selbst willen. Nein, es geht auch darum, dass Ärztinnen und Ärzte, die nicht allein aus weißen Akademikerfamilien kommen und damit die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt widerspiegeln, bessere Ärzte sein könnten. Einfach, weil sie ihren Patientinnen näher sind.