Maribel ist in einer Stadt im Süden Mexikos geboren, in der Frauen die Wirtschaft leiten und das gesellschaftliche Leben regeln. Doch sie will ein anderes Leben.

Schneewittchen lebt in Mexiko. Heute Morgen hat sie sich das blaue, eng anliegende Kleid angezogen, das sie so gerne trägt, ihre Lippen mit rotem Lippenstift bemalt und ihre langen dunklen Haare mit einem Tuch zusammengeknotet. Sie hat sich in ihr weiß bezogenes Bett gelegt, zwischen blutrote Hibiskusblüten und rosa Konfetti. 

Sie liegt da, wie Schneewittchen im Schrein. Schneewittchen heißt Maribel, ist 27, gestern hat sie sich verlobt. Sie wurde in ein Matriarchat geboren. Doch das verändert sich – gerade wegen junger Frauen wie ihr.

Hier existieren jahrhundertealte matriarchale Strukturen

Maribels Mutter und ihre Zwillingsschwester, ihre Tanten, Cousinen und Freundinnen kommen ins Zimmer. Sie tragen bunt bestickte Blusen und knöchellange Röcke, ihre Haare haben sie zu dicken Zöpfen geflochten und mit bunten Blumen und Bändern gekrönt. Sie sehen aus wie ein halbes Dutzend Frida Kahlos. Es sind die Frauen von Juchitán, einer Stadt im Süden Mexikos. Es ist einer der wenigen Orte der Welt, an dem jahrhundertealte matriarchale Strukturen bis heute existieren.

Zwar gelten hier die Gesetze Mexikos, trotzdem funktioniert die Stadtgesellschaft nach eigenen Regeln. Im Alltag werden die Traditionen der Juchiteken gelebt: Die Frauen sind Oberhaupt der Familie, als Händlerinnen bestimmen sie die lokale Wirtschaft und verwalten das Geld der Familie. Sie ernähren auch die Familienmitglieder. Keine der Frauen ist finanziell von einem Mann abhängig. Nach dem Tod der Matriarchin erben traditionell die Töchter das Haus und das Vermögen. Das ist die eine Seite des juchitekischen Matriarchats.

Die Frauen durchqueren das Zimmer und stecken über einer Kommode ihre Köpfe zusammen: Sie begutachten ein weißes Stofftaschentuch auf einem Tablett. Maribel streicht nervös das Bettlaken zurecht. Die Frauen murmeln, dann nicken sie zufrieden. Sie treten zu Maribel ans Bett, umarmen und beglückwünschen sie. Die Anspannung weicht aus Maribels Gesicht, sie lächelt und winkt mit schnellen Handbewegungen ihre Freundinnen näher zu sich heran. Sie sollen auf den Stühlen neben ihrem Bett Platz nehmen. Gläser klirren, die Frauen prosten sich zu. Sie trinken Mezcal, Sherry, Bier und Kirschlikör auf Maribels Wohl. Auf dem weißen Stofftaschentuch ist ein rosafarbener Fleck zu sehen – der Beweis, dass Maribel bis gestern Jungfrau war.

Der Jungfrauentest schütze die Frau, sagen die Frauen

Schon als Mädchen wurde Maribel eingeschärft, wie wichtig und wertvoll ihr Jungfernhäutchen sei. Erst von ihrer Mutter, später von der Mutter ihres Freundes. Rituale wie der Jungfrauentest sind die andere Seite des Matriarchats. Viele Frauen in Juchitán sind der Meinung, der Test schütze die Frau. Denn die Entjungferung wird mit einem großen Fest gefeiert, mit Leuchtraketen und haufenweise roten Blumen. Das ganze Dorf erfährt davon. Damit steht der künftige Vater fest – Männer, die ihre Freundin entjungferten, können sich dadurch ihrer Verantwortung als Vater nicht entziehen. "Der Test ist Quatsch", sagt Maribel. Doch ihrer Mutter und Schwiegermutter sei das Ritual wichtig, als Teil ihrer Tradition, die sie bewahren wollen. Deshalb macht Maribel mit. 

Während Maribel im Bett liegt, steigt im Hof eine rauschende Party: Die Frauen tragen Trachten, bestickt mit Blumen, goldene Colliers, Armreife, Ohrringe und Golduhren, massive Ringe und perlenbesetzte Haarbroschen; paarweise raffen sie ihre Röcke, tanzen bis spät in die Nacht Cumbia und trinken ein Bier nach dem anderen aus der Flasche. Die Männer schauen zu, nur vereinzelt betreten sie die Tanzfläche. 

Die Frauen bestimmen die Wirtschaft

Maribel steht auf und durchquert den Flur. Sie entknotet ihr Haarband, denn die schwarzen, glatten Haare trägt sie am liebsten offen, ohne Blumen und Flechtfrisur. Sie ist zierlich, das Armband an ihrem Handgelenk schmal wie ein Bindfaden. Sie lehnt sich in den Türrahmen und schaut hinüber zum Festgelage vor dem Haus. Das Besondere an Juchitán sei, dass jeden Tag mindestens eine größere Party gefeiert würde, sagt sie. In einem Hinterhof, auf einer Straßenkreuzung oder einem öffentlichen Platz. "Durch die vielen Feste wird die Wirtschaft angekurbelt. Die einen machen Musik, die anderen kochen, die Nächsten bringen die Deko mit", sagt Maribel und lässt ihre Zeigefinger umeinander rotieren: Diesen Kreislauf bestimmen und koordinieren die Frauen, das gefällt Maribel an Juchitán. 

Sie deutet zu einer breitschultrigen Frau, geschminkt und in Tracht. "Sie ist eine Muxe", sagt Maribel. So heißen in Juchitán Menschen, die weder Frau noch Mann sind, sondern sich als drittes Geschlecht begreifen. Seit Jahrhunderten sind sie Teil der Kultur. Ein Coming-out gibt es nicht. "Ob jemand Muxe ist, das bekommt die Familie irgendwann einfach mit", sagt Maribel. Auch der offene Umgang mit Geschlechterrollen ist eine Besonderheit im patriarchalen Mexiko. Darauf ist Maribel stolz.