ZEIT Campus: Nach dem Studium hast du alle zwei Jahre einen Film ins Kino gebracht. Gegen die Wand, Auf der anderen Seite, Soul Kitchen. Immer erfolgreich, aber völlig verschiedene Themen und Stimmungen. Warum?

Fatih: Ich hab viele Persönlichkeiten, die ich mit meinen Filmen ausleben kann. Ich lache viel und über den größten Quatsch, aber ich bin auch sehr nachdenklich oder heftig. Die Hollywood-Regisseure der guten alten Zeit, Billy Wilder und so, die hatten auch eine irre Bandbreite, haben abwechselnd Alkoholikerdramen und Parodien gedreht. Ich wäre gerne ein Filmemacher in dieser Tradition. Ich will unberechenbar sein, wie David Bowie in der Musik, wie Bruce Lee im Kampfsport.

ZEIT Campus: Dein teuerstes und aufwendigstes Projekt floppte: The Cut, ein historischer Film, der vom Genozid an den Armeniern erzählt, wurde von der Kritik verrissen und lief kommerziell schlecht.

Fatih: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Selbst die Scorseses, Coppolas und Wenders dieser Welt haben mal was richtig in den Sand gesetzt. Eigentlich sind das für einen Regisseur sogar wichtigere Filme als die erfolgreichen. Man muss nur die richtigen Schlüsse ziehen.

ZEIT Campus: Was waren deine?

Fatih: Kleinere Budgets, schneller drehen, nicht vier, fünf Jahre an einem Film rummachen. Einfach mal losgehen und drehen. Wie als Student eigentlich. The Cut ist nicht so beschissen, wie die Kritiker geschrieben haben, aber ich hab mich schon verzettelt. Zu viel darüber nachgedacht, wie Holz ausgeleuchtet werden muss, damit es aussieht wie Holz in Havanna im Jahr 1920. Und zu wenig, wie es in meinen Figuren aussieht.

ZEIT Campus: Dein neuer Film Aus dem Nichts spielt auf die NSU-Morde an. Einer der Anschläge war damals in deiner Nachbarschaft in Hamburg-Altona, 2001 wurde dort der Gemüsehändler Süleyman Taşköprü erschossen. Wie erinnerst du dich daran?

Fatih: Taşköprü war ein Bekannter von meinem Bruder. Ich habe gehört, was man damals gemunkelt hat, auf den Straßen, in den Fitnesscentern, in meinem Boxverein: Dönermorde, das war die Türkenmafia und so.

ZEIT Campus: Dann kam zehn Jahre später raus: Die Täter waren Neonazis.

Fatih: Das war schlimm. Auch zu merken: Der Rassismus, das sind nicht nur Glatzen mit Springerstiefeln. Der ist salonfähig im Establishment. Ich war so wütend, habe aber lange gezweifelt, dass da filmisch was drinsteckt.

ZEIT Campus: Was hat dich abgeschreckt?

Fatih: Ich wollte schon seit den Anschlägen in Mölln und Solingen Anfang der Neunziger was über Nazis machen, noch bevor ich hier studiert habe. Aber ich fand es zu schwierig, ohne Zeigefinger zu erzählen, nicht in so eine Selbstmitleidshaltung zu geraten als Türke in Deutschland. Das hat Erfahrung gebraucht, Reife, um damit filmisch umzugehen. Die Wut war dann mein Motor.

ZEIT Campus: Du fokussierst im Film die Opfer, die Angehörigen. Warum ist deine Heldin, Diane Kruger, blond und blauäugig?

Fatih: Mir war wichtig, zu zeigen, dass das Bedürfnis nach Rache nichts ist, was kulturell verordnet ist. Nichts, was nur Kanaken machen. Es war entscheidend, das Klischee zu brechen. Ich habe genauso viele weiße Freunde, die sich rächen würden, wenn jemand ihren Kindern was antun würde. Mir hat auch das Bild gefallen: Eine blonde Deutsche, eine Arierin wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film, legt sich mit Nazis an. Arisch gegen völkisch.

ZEIT Campus: Du hast die Handlung des Films in die Gegenwart verlegt. Ist das ein Statement, dass sich am Rassismus seit den NSU-Morden nichts geändert hat?

Fatih: Na ja. In der Entstehung des Films haben mich auf einmal andere Sachen interessiert als der Rassismus: Was bleibt von einer Mutter übrig, wenn sie ihr Kind verliert? Wie viele Farben hat Schmerz? Wie wird Schmerz zu Hass und zu Gewalt? Deswegen ist das für mich doch kein politischer Film geworden.

ZEIT Campus: Früher, als du als Teenager in der linken Straßengang Home Boys warst, hättest du das vermutlich verachtet.

Fatih: Das kann man nicht vergleichen, das waren andere Zeiten. Damals konntest du den Feind sehen. Du wusstest, der hat Glatze und geht samstags zum HSV. Den konntest du hinterher am Stadion abfangen oder auf St. Pauli in seiner Kneipe zusammenhauen. Aber das war auch plump. Den Feind besiegst du ja nicht mit Gewalt. Den musst du mental besiegen.

ZEIT Campus: Wie denn?

Fatih: Mit einem Film, über den die Leute reden müssen, wenn sie aus dem Kino kommen. Das verändert die Welt nicht auf Anhieb, aber ist wie ein Stein im Schuh.

ZEIT Campus: Im Frühling 2018 könntest du mit Aus dem Nichts einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnen.

Fatih: Das wäre super, das wäre eine Art Rente. Wenn du so ein Ding hast, kriegst du, wenn du dich nicht allzu doof anstellst, für den Rest deines Lebens deine Filme finanziert.

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