Zuerst kommt der feuchte Händedruck. Und dann? Zwei Personal-Expertinnen über Bewerbungsgespräche

Was ist bei der Bewerbung entscheidend: der perfekte Lebenslauf oder ein gutes Bauchgefühl? Welche Rolle spielen Vorurteile bei der Auswahl von Bewerbern? Wie wichtig ist die Psychologie? ZEIT Campus hat zwei Personal-Expertinnen aus verschiedenen Generationen zum Gespräch über ihre Arbeit eingeladen. Sarah Meißner, 30, hat Wirtschaftspsychologie studiert und ist beim IT-Dienstleister DPS für 110 Mitarbeiter ver-antwortlich. Cathrin Wüst, 56, war in der Personalabteilung von Daimler und Coca-Cola, heute berät sie als geschäftsführende Gesellschafterin von Transfair Vorstände und Personalleiter. Über ihre Arbeit und darüber, wie sich das Personalwesen in den vergangenen 30 Jahren verändert hat, diskutieren wir mit den beiden an einem Samstag in einem Hotel in Hofheim bei Frankfurt am Main.

ZEIT Campus: Frau Meißner und Frau Wüst, Sie führen regelmäßig Bewerbungsgespräche. Heute sind Sie dran: Was ist Ihre größte Schwäche?

Sarah Meißner: So eine abgedroschene Frage würde ich keinem Bewerber stellen.

ZEIT Campus: Und Ihre Antwort?

Meißner: Als meine größte Schwäche empfinde ich, dass es mir schwerfällt, Probleme im Job nicht mit nach Hause zu nehmen. Mit 24 habe ich als Personalleiterin bei einem Verlag gearbeitet. Ich musste im Laufe der Zeit dort Kollegen kündigen. In so einem Gespräch habe ich mich professionell verhalten, aber ruhig schlafen konnte ich nicht.

Cathrin Wüst: Ich habe einen hohen Anspruch an meine eigene Arbeit und dadurch auch an meine Mitarbeiter. Eine Kollegin hat neulich zu mir gesagt: "Komm mal runter!" Und sie hatte recht. In all den Jahren habe ich gelernt, Kollegen zu sagen, dass sie mich bremsen müssen, wenn ich zu viel verlange.

ZEIT Campus: Das war doch beides ganz aufschlussreich. Warum stellen Sie diese Frage trotzdem nicht?

Meißner: Jeder Bewerber erwartet diese Frage, und ich bekomme dann nur Internetantworten wie: "Ich bin zu perfektionistisch." Ich versuche, das anders zu verpacken, und frage: "Was würde Ihr bester Freund über Sie sagen?" Die Bewerber wechseln die Perspektive. Die Antwort kann dabei helfen, herauszufinden, was eine Person ausmacht.

Wüst: In über dreißig Jahren habe ich noch nie jemanden nach seinen Schwächen gefragt. Ich führe Bewerbungsgespräche wie ein normales Gespräch. Passt der Lebenslauf, kommt es auf die Persönlichkeit an, und eine gewisse Schwingung muss einfach da sein.

ZEIT Campus: Das klingt, als würden Sie mit Ihrer Erfahrung vor allem nach dem Bauchgefühl gehen. Frau Meißner, arbeiten Sie als junge Personalerin auch so?

Meißner: Auf jeden Fall. Wir führen bei uns zusätzlich zu den Bewerbungsgesprächen kleine Assessment-Center durch. Ich nenne das "intensiveres Kennenlernen in verschiedenen Situationen". Wir planen an dem Tag bewusst Pausen ein, in denen meine Kollegen und ich mit den Bewerbern auch mal über den Urlaub plaudern können. Manche entspannen sich dann, andere bleiben steif. So ein Verhalten kann mit in die Entscheidung einfließen, ob wir jemanden einstellen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/18.

Wüst: Als Erstes kommt immer die feuchte Hand. Ich weiß meistens schon in den ersten Minuten eines Bewerbungsgesprächs, ob das was wird oder nicht. Früher habe ich trotzdem eine Stunde lang weiter Fragen gestellt. Heute sage ich: "Das passt nicht." Es bringt nichts, die Leute hinzuhalten und ihnen zu versprechen, dass man sich bei ihnen melden wird, wenn man sich eigentlich schon entschieden hat. Viele Bewerber sind dann dankbar, wenn man ihnen ein ehrliches Feedback gibt und sie damit manchmal auch auf einen besseren Weg führt.

ZEIT Campus: Personalverantwortliche treffen nicht immer faire Entscheidungen. Eine Geschlechterforscherin hat fast 1.500 fiktive Bewerbungen an deutsche Unternehmen verschickt. Das Ergebnis: Die Bewerberin "Sandra Bauer" bekam zu 18,8 Prozent eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, die Bewerberin "Meryem Öztürk" mit gleichen Qualifikationen und Kopftuch nur zu 4,2 Prozent. Können anonyme Bewerbungen Diversität fördern und Diskriminierung einschränken?

Meißner: Nein, ich mag personalisierte Lebensläufe, und ich finde es schön, ein Gesicht zur Bewerbung zu haben. Bei uns hat sich auch schon mal eine Frau mit Kopftuch beworben. Ich habe sie nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen, nicht aufgrund des Kopftuchs, sondern wegen des schlechten Abschlusses. Bewerber mit einem schlechten Dreier-Schnitt bekommen bei uns in der Regel eine Absage, das Kopftuch ist dann irrelevant.