Sie studiert Tiermedizin, an den Wochenenden erschießt sie Rehe, Enten und Wildschweine. Warum jagen Marion und immer mehr andere Frauen?

Sonnenstrahlen fallen durch die Fichtenkronen. Auf einem Hochsitz breitet Marion ihre Lammfelldecke aus und wickelt ihren Schal fester. Es ist ein Dezembersonntag und minus sieben Grad kalt. Ihre Kopfhörer verstärken das Knacken der Äste, das Zwitschern der Vögel. "Da schreit ein Bussard", flüstert sie, "der Wald ist unruhig." Wenig später raschelt es im Dickicht: ein Reh. Fünfzig Meter, freie Sicht. Die perfekte Distanz für einen Schuss. Marion greift nach ihrem Gewehr, legt den Hinterschaft an die Schulter und schreit: "Ho!" Die meisten Rehe bleiben dann instinktiv stehen. Dieses läuft weiter. Marion senkt die Waffe. "Wenn es kein perfekter Schuss werden könnte, lasse ich den Zeigefinger gerade", sagt sie und klingt nicht enttäuscht. Jagen heißt auch: abwarten.

Jagen heißt auch warten: Marion besteigt den Hochsitz. © Monika Keiler

Auf Hochsitzen erwartet man eigentlich Männer mit Filzhut, keine 29 Jahre alte Tiermedizinstudentin wie Marion. Doch seit einigen Jahren beginnen junge Jägerinnen wie sie die Reviere in Deutschland zu erobern. Mehr als 380.000 Menschen haben einen gültigen Jagdschein. In den Neunzigern war unter 100 Jägern nur eine einzige Frau. Heute sind es immerhin schon sieben. Und es werden mehr: Jede vierte Anmeldung für den Jagdschein kommt von einer Frau, heißt es beim Deutschen Jagdverband.

In Bayern hat vor zwei Jahren die erste Jagdschule nur für Frauen eröffnet. Bei Instagram teilt @huntress.lena Fotos von erlegten Wildschweinen und hat Tausende Follower. Warum jagen so viele Frauen wie noch nie? Was reizt sie daran? Und wie verändern Frauen die männlich geprägte Jagdkultur?

"Um null neun null null geht’s los!", ruft der Jagdherr. Marion ist eine von vierzig geladenen Jägern, die auf einem Hof am Rande seines Reviers am Bodensee warten. Marion ist am Vorabend in München losgefahren, um dabei zu sein. Sie trägt Bergstiefel, einen dunkelgrünen Janker und ist die einzige Schützin. Die Jäger reden über die Beute der letzten Jagd. Nur ihre langen blonden Haare unterscheiden Marion von den anderen.

Heute ist Drückjagd. Dabei wird das Wild von Hunden und Treibern aufgescheucht, Marion und die anderen Schützen lauern mit ihren Gewehren auf den Hochsitzen. Marion ist auf dem Land aufgewachsen, im Allgäu, erzählt sie auf dem Weg zum Hochsitz. Zu Hause hatte sie immer Tiere um sich, Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen. Mit 14 hatte sie etwa drei Jahre lang eine vegetarische Phase. "Nicht weil das Fleisch mir nicht geschmeckt hat, sondern weil ich Tiere so mag", sagt sie. Wenn sie damals einen Tiertransport sah, seien ihr die Tränen gekommen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/18.

Mit 18 wurde Marion trotzdem Jägerin. Sie lernte im Reitstall im Nachbardorf eine Jägerin kennen, die dort wie sie ihr Pferd stehen hatte. Immer wieder fragte die Frau, ob Marion sie begleiten wolle. "Sie hatte so ein Strahlen in den Augen, wenn sie von der Jagd erzählte", erinnert sich Marion. "Ich wollte wissen, was sie daran findet."

Bei ihrem ersten Mal im Wald ließ die Frau Marion auf dem Weg zum Hochsitz vorgehen. Marion zeigte auf einen Rehbock. Ihre Jagdmama, wie Marion die Frau nennt, erlegte ihn. So nah hatte sie noch nie ein totes Tier gesehen. "Ich dachte nur: O Gott, vor 15 Minuten stand es noch am Waldrand", erzählt Marion. "Ich musste mich überwinden, das Tier anzufassen." Sie fühlte sich wie eine Komplizin, sagt sie, verantwortlich für den Tod des Bocks. Dann begann die Jagdmama, das Tier auszuweiden. Unter ihrer Anleitung trennte Marion den Kopf ab. Mit Blut an den Händen wunderte sie sich, dass sie sich überhaupt nicht ekelte. "Es fühlte sich richtig an", sagt sie heute.