Rassismus, Schikane, Willkür: Was an der Uni schiefläuft und wie man sich dagegen wehren kann

Zeit läuft, Zettel umdrehen, los geht’s: Hastig schreiben alle auf, was sie in Nachtschichten gelernt haben. Wer fleißig war, wird in der Klausurenphase belohnt, so lautet das Versprechen an der Uni. Gleicher Stoff, gleiche Klausur, gerechte Noten? Schön wär’s. Wir haben zwar alle von denselben Folien abgeschrieben, die gleichen Texte gelesen und zum Einschlafen die gleichen Netflix-Serien geschaut, aber gleiche Chancen haben wir deshalb noch nicht.

Die Unterschiede bemerkt man oft schon am ersten Tag auf dem Campus: Die Studenten aus gutem Hause kommen mit dem neusten MacBook in die Vorlesung. Die Begabten erzählen von ihren Stipendien, bei denen sie auch so viele spannende Leute kennenlernen. Und dann sind da noch die anderen, die es wegen ihres Nebenjobs nicht geschafft haben, den Bafög-Antrag rechtzeitig auszufüllen.

Jannis Hartmann, 23, hat seinen Bachelor im Studiengang "Kultur der Metropole" gemacht. Darin ging es viel um Ungleichheit und die Formen, die sie annimmt. © privat

Im Studium spielt nicht nur die Leistung eine Rolle, sondern auch die Herkunft. Wer Akademiker-Eltern hat, kann seine Hausarbeit kurz vor der Abgabe noch zur Korrektur an Mama und Papa schicken. Wer als Erster in seiner Familie studiert, muss hingegen allein klarkommen und sich zu Hause manchmal noch rechtfertigen, dass er keine Ausbildung bei der Sparkasse angefangen hat. Das kostet Kraft.

Die Folgen merkt man im Verlauf des Studiums: Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, beginnen zwar 21 ein Studium, aber nur 15 schließen den Bachelor ab, 8 machen danach einen Master, und nur eine Person promoviert. Das zeigt der "Hochschul-Bildungs-Report", der jedes Jahr vom Stifterverband zusammen mit McKinsey veröffentlicht wird. Bildungschancen werden vererbt.

Das ist nicht die einzige Ungerechtigkeit: Selbst wenn die Leistung gleich ist, die Bewertung ist es nicht immer. Eine Studie des Wissenschaftsrats hat vor einigen Jahren ergeben, dass Physikstudenten in Würzburg im Durchschnitt eine 1,5 im Bachelorzeugnis bekommen, in Darmstadt aber nur eine 2,4. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Studenten in Würzburg so viel besser sind. Plausibler ist, dass an manchen Hochschulen das Studium härter ist und die Benotung strenger. Das gilt nicht nur für Physik, sondern für alle Fächer: Wer bessere Noten hat, bekommt eher einen Masterplatz, eine Promotionsstelle, tolle Praktika und am Ende einen guten Job.

Und an derselben Uni? Im selben Seminar? Da entscheidet neben der eigenen Leistung auch die Gunst des Dozenten. Eigentlich verpflichten sich Wissenschaftler der Aufklärung und damit auch dem Grundsatz, jeden Menschen gleich zu behandeln. Doch wer Pech hat, landet bei einem Professor, der Ossi-Witze oder homophobe Sprüche macht. Oder der Frauen schlechter behandelt als Männer. Das zeigen die Erfahrungsberichte auf diesen Seiten. Und das belegen auch Untersuchungen. Die Uni Bielefeld hat vor zwei Jahren eine Studie veröffentlicht, für die Studenten nach Diskriminierungserfahrungen gefragt wurden. Von wem ging die Diskriminierung aus? Jeder dritte Betroffene sagte: von einem Dozenten.

Rassismus und andere Vorurteile sind nicht überall so sichtbar wie an der Uni Leipzig, wo ein Juraprofessor im November getwittert hat, ein Europa, in dem nur noch Weiße leben, sei ein "wunderbares Ziel" (er hat seinen Twitter-Account inzwischen gelöscht, arbeitet aber weiter an der Uni). Doch auch wenn Diskriminierung subtiler wirkt, lässt sie die individuelle Leistung zur Nebensache werden und widerspricht den Grundsätzen der Lehre. Und sie verletzt.

An diesen Ungerechtigkeiten wird sich nichts ändern, wenn wir nicht anfangen, darüber zu sprechen. Dass sich das lohnt, zeigt #MeToo. Viele Frauen, die in den vergangenen Monaten öffentlich über Grapscher und über Benachteiligung gesprochen haben, merkten erst dadurch, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Und viele Männer begriffen, wie groß das Sexismus-Problem ist.

Die Uni ist oft unfair. Das offen zu sagen ist ein Anfang. Denn die Uni muss nicht unfair bleiben. Jeder kann seine Professoren auf Diskriminierung ansprechen und anderen helfen.