Ein Banker setzt alles auf eine Karte und wird reich. Wie die Blockchain, Bitcoin und andere digitale Währungen die Finanzwelt verändern

It’s hotter than the sun. Wieder und wieder hörte Alfred Prevoo diesen Satz in seinen Gesprächen mit Privatbankern. Blockchain, it’s hotter than the sun. Das war 2015. "Ich wollte Teil dieser Revolution sein", sagt er. Heute betritt Prevoo, 32, das Café Ysbreeker in Amsterdam mit dem federnden Schritt eines Marathonläufers und dem gewinnenden Lächeln eines Mannes, der Leadership-Kurse besuchte. Um ihn herum sitzen Laptop-Arbeiter unter Designerlampen, seinen dunkelblauen Jaguar XJ hat Prevoo um die Ecke geparkt. Die Revolution ist ihm geglückt. Alfred Prevoo ist reich geworden durch die Blockchain, eine neue Technik, von der manche meinen, sie werde auf den Finanzmärkten alles verändern.

Dabei ist Alfred Prevoo eigentlich kein Zocker, sondern ein grundsolider Typ: Er hat als Jugendlicher zu programmieren begonnen, dann Wirtschaft studiert, bei den Vereinten Nationen und bei Shell Praktika gemacht und war Trainee an der niederländischen Zentralbank. Mit Ende zwanzig zog er aus seiner niederländischen Heimat nach Frankfurt am Main, um bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Supervisor anzufangen. Er arbeitete in der Abteilung Internal Models der EZB, wo Risiken berechnet werden. "Sehr technisch, sehr viel Mathe, sehr gute Kollegen, sehr nah an dem, was ich immer machen wollte", sagt Prevoo: "Da schlug das Herz der Bank."

Aber von der Blockchain, dem Thema, das Alfred Prevoos Privatgespräche beherrschte, waren die anderen Banker nicht so begeistert wie er. Alfred Prevoo fing an, nach Feierabend Blockchain-Bücher und Codes zu lesen. Im August 2017 kündigt er bei der EZB, um sich als Blockchain-Investor selbstständig zu machen. "Als ich gegangen bin, habe ich gesagt: Blockchain wird alles verändern", sagt Prevoo. "Und die scherzten, ja klar, viel Spaß damit."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Alfred Prevoo bereits sein ganzes Erspartes, mehrere Tausend Euro, in Kryptogeld investiert, in digitale Währungen, die auf der Blockchain-Technik basieren. Einen Tag später waren die Kurse um 30 Prozent eingebrochen. "Ich dachte mir, whatever, tiefer können die Werte nicht mehr fallen", sagt Alfred Prevoo, holt Luft, grinst übers ganze Gesicht: "Und auf einmal, boom!, schoss alles durch die Decke."

Eine viereinhalbstündige Autofahrt entfernt von Alfred Prevoo und den Laptop-Arbeitern im Café sitzt Dirk Bullmann, 45, an einem Konferenztisch im 13. Stock der EZB und schüttelt den Kopf. Nein, man habe die Blockchain-Technik in seiner Bank nicht unterschätzt. "Wir sind halt kein Start-up", sagt er. Die Sonne wirft Muster durch die Lamellen vor seinen Fenstern. Dirk Bullmann sieht mit seinem Pullunder und seinen Happy Socks wie ein freundlicher Finanzamtangestellter aus. Dabei ist er der oberste Blockchain-Experte und Berater des Generaldirektors der EZB, einer der wichtigsten Institutionen Europas.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/18.

"Es ist immer noch eine neue Technologie, bei aller Liebe", sagt Bullmann über die Blockchain. "Eine Technologie, die sehr viel verändern kann eines Tages. Aber man muss auch sehen, was sie momentan leisten kann." Jeden Tag würden in Europa Billionen Euro abgewickelt, erklärt Bullmann. Da wechsele man nicht einfach von heute auf morgen die Technik. Sein Team aus vier Experten erforscht die Potenziale der Blockchain, auch in gemeinsamen Projekten mit anderen Zentralbanken oder der Bank of Japan. Aber anders als Alfred Prevoo sind sie nicht bereit, der neuen Technik im großem Stil zu vertrauen. Auch wenn sich der Wert von Prevoos Geld seit seiner Kündigung bei der EZB vervielfacht hat.

"Machen den Hunni zur Million. Ich will nur noch grün sehen. Ich geh nur rein, wenn es sich lohnt. Kauf mir 'ne Insel in der Südsee."
Die Rapper Sido und Kool Savas

Alle reden über die Blockchain. Der Begriff steht siebenmal im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, und die Rapper Sido und Kool Savas haben einen Song darüber geschrieben (dort heißt es: "Machen den Hunni zur Million / Ich will nur noch grün sehen / Ich geh nur rein, wenn es sich lohnt / Kauf mir ’ne Insel in der Südsee"). Dabei ist die Blockchain erst mal bloß eine dezentrale Datenbank. Dezentral heißt: Statt über einen zentralen Mittler wie eine Bank werden Transaktionen oder Informationen von Computer zu Computer direkt ausgetauscht. Weil die Datenbank in dem Netzwerk auf viele Rechner gespiegelt wird, ist sie – das ist das Besondere – von allen einsehbar und sicher, die Computer überwachen sich gegenseitig, und wenn einer mal ausfällt, gibt es noch viele andere, auf denen die identischen Daten verfügbar sind. Das klingt technisch und kalt. Alfred Prevoo erklärt die Blockchain lieber mit einem romantischeren Bild: "Man kann sich die Blockchain als einen Sternenhimmel vorstellen, an dem alle Sterne miteinander verbunden sind."

Jetzt interessierten sich alle für die Blockchain

"Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren", schrieb Satoshi Nakamoto in einem Forum. "Doch die Geschichte (...) ist voll von Verrat an diesem Vertrauen." Ob Nakamoto ein Mensch ist oder eine Gruppe, das ist bis heute ein Geheimnis. Jedenfalls entwickelte Nakamoto die digitale Währung Bitcoin und nutzte dafür die Blockchain, ein System, in dem nicht mehr Institutionen vertraut werden musste (wie der Bank, die das Geld verwaltet, oder der Regierung, die für die Sicherheit des Geldes bürgt), sondern nur noch der Technik selbst. Das ist fast zehn Jahre her.

Bekannt wurde Bitcoin als Währung, mit der man im Darknet anonym Waffen, Drogen oder Auftragskiller bezahlen kann. Die Potenziale der neuen Technik blieben lange unter diesem Ruf verborgen. Dann entdeckten Spekulanten Bitcoin und vergleichbare digitale Währungen wie Ripple oder Litecoin für sich. Der Wert des Bitcoin explodierte: Anfang 2016 kostete ein Bitcoin etwa 330 Euro. Vor Weihnachten lag er bei 16.000 Euro. Jetzt interessierte sich auf einmal fast jeder für die digitale Währung.