Im Auslandssemester lernt Cristina den Kubaner Gerandy kennen. Sie versuchen es mit einer Fernbeziehung, doch sehen sich kaum. Bis sie beschließen: Wir heiraten!

Dieser Text stammt aus der neuen Print-Ausgabe von ZEIT CAMPUS mit dem Titelthema "Der Sommer deines Lebens. 33 Tipps für die perfekte Reise". Jetzt am Kiosk, in vielen Mensen oder direkt bei ZEIT ONLINE kaufen.

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Am Tag, an dem mein neues Leben beginnen sollte, fuhr ich erst mal zu McDonald’s. Gerandy liebt Chicken McNuggets. Auf Kuba kriegt man die aber nicht. Also habe ich eine Packung gekauft, um sie ihm mit zum Flughafen zu bringen. Vor zwei Jahren sind wir zusammengekommen, in meinem Auslandssemester auf Kuba. Seitdem hatten wir uns nur zweimal gesehen. Gleich würde Gerandy in Köln landen. Ohne Rückflugticket!

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Seit Monaten hatte ich auf den Moment gewartet, Cristina endlich wiederzusehen. Gleichzeitig war ich traurig: Ein paar Stunden zuvor hatte ich mich von meiner Familie verabschiedet. Alle waren da, meine Mutter hat geweint. Auf Kuba sieht man seine Eltern höchstens mal zwei Wochen lang nicht. Jetzt verließ ich sie auf unbestimmte Zeit.

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Kennengelernt habe ich Gerandy in Havanna auf einer Uni-Party in einem Hotel mit Pool. Plötzlich saß da dieser Typ auf meiner Liege. "Wir können uns die Liege ja teilen", sagte er total frech. Ein paar Tage später verabredeten wir uns, Gerandy wollte mir die Stadt zeigen. Er kam 45 Minuten zu spät. Ich war genervt. Im Kino sahen wir uns Beetlejuice von Tim Burton an. Das Date war bis dahin nicht so gut gelaufen, aber der Film gefiel mir.

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Als Erstes waren mir Cristinas Haare aufgefallen. Die waren kurz, gerade mal bis zu den Ohren. Das fand ich interessant, keine Frau auf Kuba läuft so rum. Unser erstes Treffen fing nicht gut an. Wir sahen einen schrecklichen Film, so einen, der wirklich niemandem gefallen kann. Dann wurde es besser. Wir gingen was trinken, unterhielten uns lange. Ein paar Treffen später küssten wir uns zum ersten Mal. Danach ging alles ziemlich schnell, nach ein paar Wochen zog sie sogar bei mir und meiner Familie ein.

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Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/18.

Fünf Monate lang lebten wir wie in einer Blase und dachten nicht an die Zukunft. Bis ich nach Deutschland zurückmusste und alles viel schwieriger wurde. Auf Kuba gibt es kaum Internet. Skype ist gesperrt, Telefonieren teuer und die Verbindung oft schlecht. Besuchen konnte Gerandy mich auch nicht so einfach. Kubaner haben es schwer, ein Touristenvisum zu bekommen. Während meine Freunde auf Partys gingen, saß ich auf Ämtern und füllte Anträge für ihn aus. Nach zwei Monaten durfte er mich in Deutschland besuchen. Als er danach wieder abreiste, hat mich das fertiggemacht. Kurz darauf sagte ich am Telefon: "Vielleicht sollten wir heiraten."

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Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich mit Cristina zusammen sein will. Vor der Hochzeit fragte ich mich aber, ob es die richtige Entscheidung ist. Die vielen Formulare, die Besuche bei der Botschaft, das war kompliziert. Und wo sollten wir leben? Ich habe Zahnmedizin studiert, auf Kuba hatte ich einen Job, meine Familie, Freunde. Cristina hatte dort aber keine Berufsperspektive. Und ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Also entschied ich mich, nach Deutschland zu gehen.

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Ich war 24, und von der Ehe hielt ich eigentlich nicht viel. Aber es schien der einzige Ausweg zu sein. Für die Hochzeit flog ich mit meinen Eltern nach Kuba. Gerandys Familie organisierte eine riesige Party. Zurück in Deutschland stellte ich einen Antrag auf Familienzusammenführung. Vier Monate dauerte es noch, bis Gerandy zu mir durfte. Als ich dann am Flughafen auf ihn wartete, dachte ich an unsere Zeit in Havanna. Dort hatte er alles für mich geregelt, weil er sich besser auskannte. In Deutschland war ich nun für ihn verantwortlich. Und er musste Deutsch lernen, einen Integrationskurs machen und neue Freunde finden. Plötzlich war ich total nervös.

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Ich stieg aus dem Flugzeug und lief zum Ausgang. Zweifel, dass ich mich in Deutschland wohlfühlen würde, hatte ich nicht. Aber jetzt ein neues Leben zu beginnen fühlte sich unwirklich an. Dann sah ich Cristina. Sie hielt eine Box Chicken McNuggets in der Hand und lächelte mich an. Da habe ich mich nur noch gefreut.

Ein Moment, zwei Perspektiven: Laura Cwiertnia fragt für jede Ausgabe zwei Menschen unabhängig voneinander nach einem Erlebnis. Dieses Mal Cristina H., 26, und Gerandy Z., 27. Auch was zu erzählen? Schreib an laura.cwiertnia@zeit.de. Anmerkung der Redaktion (2.10.2018): Die Nachnamen der Protagonisten haben wir nachträglich gekürzt.