Dass heute alle deutsch singen, liegt auch an ihr: Judith Holofernes. Als sie mit ihrer Band Wir sind Helden die ersten Songs veröffentlichte, standen an der Spitze der Charts noch Casting-Stars und sangen "You drive me crazy" oder Schlimmeres. Und dann war da plötzlich diese Frau, rief "Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück" und ging damit durch die Decke. Das war 2003. Es folgten: Album, Tournee, Kinder, Album, Tournee, bis alles zu viel wurde. Heute ist es um Judith Holofernes, 41, etwas ruhiger geworden. Ihre Band pausiert, aber sie schreibt Solo-Alben ("Ich bin das Chaos") und tritt im Fernsehen auf ("Sing meinen Song"). Wir treffen sie in Berlin, wo sie an der Universität der Künste studiert hat.

ZEIT Campus: Judith, du hast das Fach Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Was ist die grässlichste Erinnerung an dein Studium?

Judith Holofernes: Oh Gott. Das war im Einführungsseminar, also ungefähr nach fünf Minuten. Da wurde die Cannes-Rolle gezeigt, eine Auswahl der tollsten Werbespots. Danach ist eine Studentin mit Dreadlocks aufgestanden. In einem Spot ging es darum, dass man mit seinem Auto sehr, sehr schnell durch die Innenstadt fährt und bei der Polizeikontrolle lügt, dass die Frau schwanger ist. Die Studentin hat gefragt, ob dieser Werbespot ethisch vertretbar sei. Da hat sie der ganze Saal ausgelacht, die fanden das wohl naiv. Ich dachte in dem Moment: Habe ich mich verlaufen? Ich habe nicht besonders gerne studiert.

ZEIT Campus: Aufgewachsen bist du in Freiburg. Warst du eine gute Schülerin?

Judith: Dafür schämt man sich immer so, aber: ja. Ich habe meine ganze Zeit an der Gesamtschule im Spagat zugebracht, weil es mir leichtgefallen ist und ich trotzdem lieb gehabt werden und nicht als Streberin gelten wollte. Ich war also der Klassenclown und hab viel in der Tiefgarage gekifft, mehr so, um erwischt zu werden. Freiburg war damals schon links und grün. Aber auch sehr spießig.

ZEIT Campus: Geht das zusammen, ökologisch und spießig sein?

Judith: Spießigkeit ist eine Unbeweglichkeit im Herzen und im Geist, die es wirklich überall gibt. Spießer gibt’s auch in der Antifa.

ZEIT Campus: Du warst in der Antifa?

Judith: Ja. Hauptsächlich wegen der Jungs.

ZEIT Campus: Und wurdest du in der Antifa damals ernst genommen?

Judith: Klar, ich konnte Gitarre spielen. Das hatte ich so mit 12, 13 Jahren gelernt, um gegen den Golfkrieg und gegen die Schließung meiner Schule zu performen. Und dann habe ich schnell gemerkt, dass das gut ankam beim anderen Geschlecht. Und beim eigenen auch.

ZEIT Campus: Mit Anfang 20 hattest du die Songzeile "Ich will mich da oben sehen". Wie kamst du zu diesem schönen Größenwahn?

Judith: Das war komödiantische Zuspitzung. Eigentlich wollte ich nur in der Nähe von Kunst sein, möglichst nah am Feuer der Kunst stehen und mich daran wärmen. Ich hab mir nicht ausgemalt, mal vor Tausenden Leuten auf Festivals zu spielen oder in einem Jet rumzufliegen. In meiner Vorstellung kam ich eher in Schwarz-Weiß-Dokus vor, zusammen mit anderen Leuten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/18.

ZEIT Campus: Wie kamst du dazu, nach dem Abi hier in Berlin zu studieren?

Judith: Ich wollte meinem Vater beweisen, dass ich einen Plan B habe. Denn eigentlich war es mein Traum gewesen, nach Liverpool zu gehen und Musicalgesang zu studieren. Ich hatte in jungen Jahren Fame gesehen und im Sommer Musicalkurse belegt, die auch sehr schön waren. Aber dann bin ich in der letzten Bewerbungsrunde in Liverpool rausgeflogen. Mein Herz war gebrochen. Im Beratungsgespräch an der Universität der Künste fragte ich, ob man hier auch studieren kann, wenn man etwas anderes viel ernster meint. Ob das Studium hinhaut, wenn man eigentlich Musik machen möchte. Die haben Ja gesagt.

ZEIT Campus: Nach acht Semestern hast du abgebrochen. Hast du das später bereut?

Judith: Nein, keine Minute. Ich habe im Studium tolle Sachen gelernt, habe Animationsfilme mit Knetfiguren gemacht, in denen ein weißer Hai auf einem Frühstückstisch sein Unwesen getrieben hat. Aber eigentlich war das ein Studiengang für Werber, und da war ich gründlich falsch. Ich würde jedem raten, abzubrechen, wenn er etwas tut, das sich für ihn nicht richtig anfühlt. Ich finde Lernen großartig, aber bin sehr kritisch, was institutionalisierte Bildung angeht.

ZEIT Campus: Warum?

Judith: Es ist ein großes Drama, wie viel Energie und Lebenszeit die Leute in Fernziele stecken. Man sagt immer: "Jetzt muss ich nur noch mein Abi machen, dann kann ich studieren." Und dann: "Jetzt muss ich nur noch mein Studium abschließen, dann kann ich arbeiten." Und dann: "Jetzt muss ich nur noch 30 Jahre arbeiten, dann darf ich endlich in Rente gehen." Und dann stirbt man leider vorher, und das war’s dann. So läuft das im Leben oft, und davon halte ich ganz wenig.

ZEIT Campus: Auch in deiner Musikkarriere hast du klare Entscheidungen getroffen. Es gab am Anfang von Wir sind Helden das Angebot, die Band zu feuern ...

Judith: Dabei war ich damals in genau der Band, die ich mir meine ganze Teenagerzeit über gewünscht hatte. Unser damaliges Management, das mir das angeboten hatte, hat sich damit aussortiert. Wir haben an den richtigen Stellen keine Kompromisse gemacht.

"Es war berauschend, aber auch furchterregend"

ZEIT Campus: Ihr habt euch als Band basisdemokratischen Prinzipien unterworfen. Alles sollte ausdiskutiert und gerecht aufgeteilt werden. Und in den Musikvideos durftest du als Sängerin nicht länger gezeigt werden als der Gitarrist oder der Schlagzeuger.

Judith: Ich war – vielleicht auch aus meiner partiellen Schüchternheit heraus – glücklich, in einer Band zu sein, in der ich auch mal untergehen kann und überstimmt werde. Es war zauberhaft. Aber auch extrem anstrengend. Immer. Weil wir wahnsinnig langsam waren. Und wir haben von Anfang an in drei verschiedenen Städten gewohnt, Hannover, Hamburg, Berlin. Es haben sich immer zwei Leute in den Zug gesetzt. Für alles, was wir gemacht haben. So kann man nicht ewig arbeiten ohne Ermüdungserscheinungen.

ZEIT Campus: Dann kamen noch Kinder.

Judith: Ja. Irgendwann hatten wir auf die Band verteilt sechs Kinder. Das ist dann echt sportlich, wenn bei jedem Videodreh einer sagt: "Aber um 17 Uhr will ich zum Zug!"

ZEIT Campus: Es folgte die vorläufige Auflösung der Band. Die dauert schon sechs Jahre.

Judith: Eine Pause! Wir wollen das immer noch Pause nennen, obwohl es langsam ein bisschen peinlich wird. Ich finde es bescheuert, eine Band aufzulösen, die sich noch mag und die ihre Lieder noch mag. Auch wenn das für unsere Fans vielleicht leichter gewesen wäre.

ZEIT Campus: Ging die Pause von dir aus?

Judith: Von meinem Mann, unserem Schlagzeuger, gleichermaßen, mindestens. Das hat wahnsinnig wehgetan, aber die anderen hat es nicht überrascht. Die waren ja in den fünf Jahren dabei, in denen wir mit zwei kleinen Kindern auf Tournee waren. Wir haben Festivalsommer gespielt, wo ich um halb zwei von der Bühne kam und stillen gegangen bin. Ich hab Konzerte mit Kotzeimer gespielt wegen der Schwangerschaftsübelkeit. Ich hab an dieser Band festgehalten wie ein Terrier.

ZEIT Campus: Muss man eine Macke haben, um berühmt zu werden? Um sich das anzutun?

Judith: Volle Kanne. Berühmt zu sein ist lustig, aber nicht einfach fürs Herz. Die meisten Künstler gehen mit ihren Macken produktiv um. Sie setzen sich eine Grubenlampe auf, gehen stellvertretend für andere in ihre Abgründe rein und holen die Bodenschätze raus.

ZEIT Campus: Andererseits geht es Künstlern darum, gesehen zu werden.

Judith: Natürlich ist das so. Das ist ja aber auch eine Macke, die sehr viele Leute haben. Manche fangen deswegen sogar Weltkriege an. Ich hätte gerne sehr viel weniger Geltungsdrang und Ego, weil ich weiß, dass es das Leben schöner macht. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, wenn ich noch weiter in die Richtung gehe, dann kommt das irgendwann einer Berufsunfähigkeit gleich.

ZEIT Campus: Charlotte Roche, die Autorin von Feuchtgebiete, hat mal gesagt, sie müsse sich damit abfinden, dass ihr größter Erfolg in jungen Jahren war. Wenn das auf dich zuträfe: Wäre das etwas Gutes? Oder nicht?

Judith: Ich hab ja absichtlich den Dimmer betätigt und meinen Ruhm runtergefadet. Ich vermisse nicht, vor vielen Leuten aufzutreten. Das war für mich immer grenzwertig. Es war berauschend, aber auch furchterregend. Man kann den Erfolg aber leider nicht gleichmäßig runterfaden, man kriegt es nicht hin, genau so berühmt sein, wie man es gerade möchte.

ZEIT Campus: Ist das schmerzhaft?

Judith: Erfolg ist Rückenwind für die Sache, die du machen möchtest. Wenn der ausbleibt, ist das schwer zu verkraften. Ich muss jetzt lernen, damit umzugehen, dass nicht mehr alles, was ich mache, irgendwie magisch Rückenwind erfährt. Ich muss heute meine Schnapsideen genauso abwägen wie andere Leute auch. Das tut manchmal weh. Aber den Tausch ist es definitiv wert. Und wenn mal Rückenwind kommt, freue ich mich. Es fallen mir dann noch mehr Schnapsideen ein.

ZEIT Campus: Zu dieser neuen Ruhe passt auch, dass du das Nichtstun für dich entdeckt hast. Dass du dich manchmal stundenlang still aufs Sofa setzt, um auf Ideen zu kommen.

Judith: Das klingt jetzt fast ein bisschen zu nützlich. Ich mach das mit dem Nichtstun nicht als Kreativitätstechnik. Eher, um aus der Geschäftigkeit rauszukommen. Ich hab damit angefangen, als ich wieder irgendwas Dummes gemacht und dafür auf die Fresse gekriegt hatte. Ich saß in meinem Zimmer und war wahnsinnig wütend auf mich und auf meinen Scheißberuf und die Scheißwelt.

ZEIT Campus: Und dann?

Judith: Dann habe ich Kastanien an die Wand geworfen und mir gesagt, du bleibst jetzt hier sitzen, hältst dieses ätzende Gefühl aus und guckst, was passiert. Eine Stunde verging, extrem unangenehm. Dann wurde es angenehmer, und schon saß ich zwei, drei, vier Stunden auf meinem Sofa. Das Licht hat durch den Baum vor meinem Fenster wunderschöne Muster an die Wand gemacht. Und irgendwann war ich völlig beseelt.

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