Anna und Lena kennen sich seit der Grundschule. Als Anna anfängt, für Geld mit Männern zu schlafen, belastet das ihre Freundschaft.

Dieser Text stammt aus der neuen Print-Ausgabe von ZEIT CAMPUS mit dem Titelthema "Ach, kein Bock! Warum es okay ist, Dinge auch mal aufzuschieben". Jetzt am Kiosk, in vielen Mensen oder direkt bei ZEIT ONLINE kaufen.

Anna

Ich hatte vielen Freundinnen erzählt, dass ich Escort mache. Nur Lena nicht. Wir beide waren schon immer verschieden, und ich hatte Angst, dass sie das nicht verstehen würde. Im vergangenen Jahr waren wir zusammen im Urlaub in München, da sagte ich es ihr. Fast. Ich erzählte, dass ich bei einer Escort-Agentur arbeite, mit Männern Essen gehe und dafür bezahlt werde. "Ohne Sex natürlich", log ich. Ich fühlte mich unwohl dabei. Aber ich wusste, dass Lena auch diese halbe Wahrheit erst mal verdauen musste.

Lena

"Okaaay ...", sagte ich. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich geschockt war. Warum sollte man Geld von jemandem nehmen, um mit ihm Essen zu gehen? Erwartet der nicht Sex, wenn die Buchung über eine Escort-Agentur läuft? Ich fand das alles zu krass. Die restlichen Tage in München mieden wir das Thema. Am Ende des Urlaubs hatten wir einen großen Streit. Ich warf Anna vor, oberflächlich zu sein. Sie meinte, ich sei prüde.

Anna

In der Schule war ich nie besonders gut, sie die Streberin. Lena ist total gegen harte Drogen, ich nicht. Wir fanden diese Unterschiede immer spannend aneinander. Nur in diesem Fall ahnte ich, dass Lena meine Entscheidung nicht verstehen würde.

Lena

Nach unserem Urlaub haben wir monatelang nicht über Annas Geständnis gesprochen. Aber ich bekam die Sache nicht aus dem Kopf. Ein halbes Jahr später beschloss ich, sie endlich anzusprechen. Wir trafen uns in einer Bar in Charlottenburg, in die wir öfter gingen. Im Bus dorthin war ich nervös. Ich wusste nicht, was es mit unserer Freundschaft macht, wenn wir jetzt offen reden.

Anna

Bevor ich mich bei meiner Agentur beworben habe, hatte ich mich mehrere Jahre mit dem Thema beschäftigt. Ich wusste, dass ich das machen wollte. Und ich wusste auch, was ich nicht will: anal und Sperma schlucken. Das fordern aber die Kunden, hieß es bei den ersten beiden Agenturen, die mir absagten. Dann fand ich eine dritte, die von jungen Frauen geleitet wird, mit hipper Website, nicht so pornomäßig. Da fühlte ich mich wohl.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/18.

Lena

Ich trinke meistens wenig, weil ich nicht viel vertrage. Aber an dem Abend in der Bar hatte ich in kürzester Zeit die erste Weißweinschorle geleert. Dann fragte ich Anna: "Schläfst du mit Männern für Geld?" Sie sagte: "Ja." Damit war die Sache raus und erst mal abgehakt. Den Rest des Abends haben wir über andere Sachen gesprochen. Erst als ich zu Hause war, dachte ich: "Oh, mein Gott." In der Prostitution passiert so viel Scheiße, da werden Frauen unterdrückt. Escort ist was anderes als Straßenprostitution, aber plötzlich war da ein Gefühl von extremer Distanz zwischen Anna und mir.

Anna

Viele lästerten, wie tief ich gesunken sei. Das kümmerte mich nicht. Die haben keine Ahnung von meinem Job. Nur wegen der Kohle würde ich das nie machen. Ich will eine Nutte sein. Sex ist mir wichtig, und ich schlafe gern mit Fremden, auch älteren Männern. Meine Kunden suche ich mir selbst aus. Wenn ich etwas nicht will, sage ich Nein. Und ich treffe die Männer nur in teuren Hotels, wo sie mir wie auf dem Silbertablett serviert werden.

Lena

Anna rechtfertigt ihren Job damit, dass ältere Männer ihr Fetisch sind. Das kann ich nur schwer nachvollziehen. Bei jeder Arbeit gibt es Dinge, die man nicht so gern tut, die aber von einem erwartet werden. Ich mache mir Sorgen, dass sie sich in Situationen begibt, in denen sie sich nicht mehr wohlfühlt, ihre Arbeit aber trotzdem machen muss.

Anna

Seit dem Treffen in der Bar in Charlottenburg kann ich Lena von meiner Arbeit erzählen. Neulich trafen wir uns wieder. Ich fragte sie, ob sie mir vertraue. Das tue sie, sagte Lena. Das ist das Wichtigste für mich. Sie muss nicht verstehen, warum ich diesen Job mache. Aber sie soll mir glauben können, dass er das Richtige für mich ist und dass ich auf mich aufpasse.

Lena

Ich brauchte eine Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass Anna Escort macht. Aber ich will sie nicht verlieren. Ich werde nie verstehen, wieso sie diesen Job macht, aber das muss ich auch nicht. Ich wünsche mir einfach, dass es ihr gut geht.