Viele träumen von einer Karriere in der Bundesliga. Max Vollmar hat es geschafft. Er ist Teammanager beim 1. FC Köln – und für seinen Verein in schweren Zeiten wichtig wie nie.

Am 29. Spieltag, in der siebten Minute, reißt es im Kölner Rheinenergie-Stadion die Fans von ihren Sitzplätzen: Ōsako zu Bittencourt, Bittencourt auf Hector, Kopfball, TOOOR! 1 : 0 für Köln. Fanschals wirbeln über den Köpfen, Torschütze Jonas Hector rennt mit ausgebreiteten Armen über den Rasen. An der Seitenlinie springt auch Maximilian Vollmar auf und ballt triumphierend die Fäuste. Er jubelt mit 45.000 Fans auf den Rängen, und doch jubelt er anders als sie.

Max, wie ihn hier alle nennen, gehört zum Team des 1. FC Köln. Er ist das, was Oliver Bierhoff für die deutsche Nationalmannschaft ist: Teammanager. Jedes Spiel ist für den 32-Jährigen Arbeit: Er teilt dem Schiri mit, welche Spieler der Trainer aus- und einwechselt. Bei kurzen Unterbrechungen wirft er den Spielern Trinkflaschen zu. Er sitzt auf der Ersatzbank, neben den Fußballstars, dem Trainer, dem Geschäftsführer. Das ist der Traum vieler BWL- und Sportmanagement-Studenten. Max hat es geschafft, als einer der jüngsten überhaupt. Es kennen ihn zwar nur wenige Fans. Von ihm kann man keine Panini-Sticker ins Sammelalbum kleben, und es gibt auch keinen Avatar bei den Fifa-Videospielen. Trotzdem hat er eine der wichtigsten Positionen im Verein.

Gerade jetzt. Das Spiel an diesem Tag gegen den 1. FSV Mainz 05 ist eines der letzten und wichtigsten der Saison. Die Kölner stehen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Sie kämpfen gegen den Abstieg in die Zweite Bundesliga, gegen die Tränen der Fans und gegen den Verlust von Millionen Euro. Max kämpft nicht auf dem Rasen, er kämpft im Hintergrund. Auch für ihn hätte ein Abstieg Konsequenzen. Können er und sein Verein die Katastrophe noch abwenden?

Einen Tag vor dem Anpfiff isst Max mit Köln-Kapitän und Nationalspieler Jonas Hector zu Mittag in ihrem Stammrestaurant in der Nähe des Stadions. Inhaber Claudio, ein Italiener mit kölschem Dialekt, serviert ihnen Caprese und Spaghetti alla carbonara. Über Fußball reden Max und Jonas wenig. "Was geht bei dir heute noch, Jonas?" – "Ach, nicht viel, kurz mit meiner Freundin zum Baumarkt fahren, Pflanzen für den Balkon kaufen. Bei dir, Max?" – "Auch ruhig. Ich besuche meinen Bruder. Und auf Arte läuft LenaLove und ’ne Michael-Jackson-Doku. Übrigens hat meine Mutter geschrieben: Dein Küchenbesteck ist gekommen." Der Bruder von Max führt einen Einrichtungsladen, in dem sich einige Spieler eindecken.

Es ist kein Zufall, dass Max mit Jonas über Messer und Gabeln redet und nicht über die Spieltaktik für den nächsten Tag. Er bringt Jonas bewusst auf andere Gedanken. "Der Druck für die Spieler ist unfassbar hoch", sagt Max später. "Ich passe auf, dass dadurch der Teich nicht kippt." Damit meint er, dass die Sportler nicht blockieren oder abheben, wenn es mal für ein paar Partien so scheint, als seien sie unschlagbar.

Stürmer Leonardo Bittencourt habe mal gesagt: "Max, du bist kein normaler Manager, du bist unser Vibe-Manager." Bei Auswärtsfahrten spielt Max mit dem Team zur Ablenkung Werwölfe von Düsterwald. Oder klopft Sprüche, um sie aufzuheitern: "Guckt mal Jungs, Dortmund hat heute auch 6:0 verloren. Das passiert jedem Großen mal!" Oft ist Max die erste Person im Verein, die neue Spieler kennenlernen. Er fährt mit ihnen zum Gesundheitscheck, vermittelt einen Termin beim Einwohnermeldeamt oder warnt vor Frauen, die bekannt dafür sind, Nächte mit Profis zu sammeln wie die Bayern Meistertitel. Max schwitzt in der Sauna mit den Spielern und feiert mit ihnen auf der Abschlussfahrt in Las Vegas. Er ist als Einziger mit ihnen im WhatsApp-Mannschaftschat. Man kann sagen: Max ist Kumpel von Beruf.

Das klingt nach viel Spaß, ist aber der vielleicht schwierigste Teil des Jobs. Denn Max ist zwar Manager, aber nur mit Wirtschaftslehre kommt er hier nicht weit. "Viele wären für meinen Job nicht gemacht", sagt er. "Du darfst dich von der Berühmtheit der Spieler nicht einschüchtern lassen und ihnen den Arsch hinterhertragen." Bei allem Spaß müssen sie Max respektieren. "Wenn ich sage, dass ein Spieler zu einem PR-Termin muss, dann hat der da hinzugehen."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/18.

Nach dem Essen schwingt sich Jonas Hector auf sein Fahrrad, Max steigt in den Firmenwagen, einen Ford Edge, und fährt noch kurz ins Büro. Durch die Lamellen der Jalousien kann Max auf einen der Trainingsplätze schauen. An den Wänden hängen die letzten Trikotmodelle und ein Jahreskalender. Mit Filzstift hat Max mehrere Tage im August markiert: den ersten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison. Und den Starttermin für die zweite Liga, für den Fall, dass sie absteigen. Solche Daten sind für den anderen Teil seiner Arbeit grundlegend: Max ist für die gesamte Saisonplanung zuständig. Er organisiert das Trainingslager in der Saisonvorbereitung. Er ordert Schuhe und Trainingsanzüge mit dem Budget, das der Verein ihm zur Verfügung stellt. Bei Auswärtsspielen ist er verantwortlich dafür, dass jeder Spieler ein Ticket für den Flieger und ein Bett im Hotel hat.

Lange war nicht absehbar, dass Max mal im Sport arbeiten würde. Als Jugendlicher spielte er Feldhockey, flog aber mit 16 nach einer Partyschlägerei aus dem Team. Er versuchte sich bei Theater und Film, war etwa in einer Nebenrolle in Die Welle zu sehen. Bei Wikipedia steht noch immer, dass er als Schauspieler arbeite. Nach dem Abi entschied er sich dann aber für ein BWL-Studium in Maastricht. "Ich war zu sehr Kapitalist und zu wenig Künstler, um unterbezahlt am Vorstadttheater aufzutreten", sagt er.