Warum schieben wir wichtige Aufgaben so gern vor uns her? Und was hilft dagegen? Antworten von Psychologen und Nichtstuern

Meine Freundin nimmt meine Hand, zieht mich durch die Menschenmenge und stoppt erst vor dem DJ-Pult. Sie drückt mir ihr Bier in die Hand und ruft: "Kannst du alles morgen machen!" Der Bass erfasst meinen Körper. Und dann das schlechte Gewissen: Ich sollte nicht hier sein. In zwei Wochen muss ich meine Masterarbeit abgeben, und mir fehlen noch zwanzig Seiten. Ich hatte die Arbeit früh mit meinem Prüfer abgesprochen, mir einen Zeitplan gemacht, war jeden Tag in die Bib gefahren. Dann kam ein neuer Job dazwischen. Und der Sommer. Bib? Masterarbeit? Ach, kein Bock! Ich ging lieber feiern. Doch kurz vor Mitternacht verwandelt die Partylaune sich in Panik. Ich verlasse das Festivalgelände.

Das war letzten Sommer. Als ich tanzte, statt an meinem Schreibtisch zu sitzen, tat ich etwas, das viele Studenten tun: Ich habe eine wichtige Aufgabe aufgeschoben. Prokrastinieren nennt man das. Der Begriff ist nicht schön, er klingt, als hätte man die Worte "Proktologe" und "onanieren" in einen Mixer gesteckt. Jeder zehnte Student leidet laut einer Studie der Uni Münster so sehr unter dem Prokrastinieren, dass er seinen Uni-Alltag nicht mehr geregelt bekommt. Trotzdem gibt es einen kleinen Hype ums Prokrastinieren. Viele meiner Kommilitonen haben damit angegeben, wenn sie eine Hausarbeit wieder mal nur mit Kaffee und Club Mate fertigbekommen hatten und sie erst um 23.59 Uhr an den Professor mailten. Und auf Facebook gibt es die Seite: I am a procrastinator and I’m proud of it. Kein Wunder: Wer prokrastiniert, ist kein Streber, sondern gönnt sich drei Staffeln Friends, statt für Statistik zu lernen. Und wer möchte schon gerne ein Streber sein?

Ich beschließe, dass ich mehr wissen will über das Aufschieben. Ich will wissen, ob es immer schlecht ist, nur weil es sich manchmal schlecht anfühlt. Oder ob es auch gute Seiten hat. Immerhin gibt es viele Menschen, die prokrastinierten und trotzdem erfolgreich und berühmt wurden. Charles Darwin zum Beispiel hat die Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie etwa zwanzig Jahre lang hinausgezögert. Und Leonardo da Vinci hat für die Fertigstellung der Mona Lisa 14 Jahre gebraucht. Das habe ich in Soon gelesen , einem Buch des Autors Andrew Santella, das gerade erschienen ist und das "die Geschichte des Prokrastinierens" erzählt, wie es im Untertitel heißt. Auch in anderen Texten werden prominente Prokrastinierer zitiert. Mark Twain sagte demnach: "Verschiebe nichts auf morgen, was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann." Und Douglas Adams sagte: "Ich liebe Deadlines. Ich liebe dieses zischende Geräusch, wenn sie vorbeirauschen." Mark Twain, der Autor von Tom Sawyer & Huckleberry Finn, ist einer der berühmtesten Schriftsteller der Welt. Und Douglas Adams hat es geschafft, fünf Bände seines Romans Per Anhalter durch die Galaxis zu schreiben, einen internationalen Bestseller. Wenn diese beiden prokrastinieren und dicke Bücher schreiben, dann wird es ja wohl gelingen, zu prokrastinieren und eine Masterarbeit zu verfassen. Oder?

Ich rufe den Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer an. Er hat schon in den achtziger Jahren über das Prokrastinieren nachgedacht. Ich erzähle ihm von meiner Masterarbeit und hoffe auf eine verständnisvolle Reaktion, dass er so was sagt wie "halb so wild". Stattdessen sagt Wolfgang Schmidbauer: "Sie haben eine Arbeitsstörung." Ich muss schlucken.

"Was soll das heißen?", frage ich ihn. Leute mit einer Arbeitsstörung würden nur die Arbeit und nicht die Freizeit planen, erklärt Wolfgang Schmidbauer. Wenn man vernünftig plane, müsse man unbedingt auch Erholung miteinbeziehen, sagt er. Wenn er an einem Buch schreibe, plane er jeden Tag nur eine Seite ein. "Und ich mache alle dreißig Minuten eine kurze Pause", sagt der Psychoanalytiker. "Ich stehe auf, laufe etwas herum, räume auf, auch wenn die Arbeit mir gerade Spaß macht. Dann setze ich mich danach viel lieber wieder dran." Seine Bücher habe er trotzdem immer mindestens eine Woche vor der Abgabefrist fertiggestellt. Nach fünfzehn Minuten beendet Wolfgang Schmidbauer das Telefonat. Ich könne mich gerne später noch mal bei ihm melden, sagt er, aber jetzt habe seine Frau zum Tee gerufen. Ich bleibe etwas verdattert zurück. Wolfgang Schmidbauer nimmt seine Pausen wirklich ernst.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/18.

Viele, die ihre Zeit selbst einteilen müssen, sind nicht so streng mit sich selbst wie Schmidbauer. Sondern eher wie ich: Sie prokrastinieren und machen sich dadurch viel mehr Stress, als eigentlich nötig wäre. Warum tun wir das?

Grundsätzlich gebe es zwei Gruppen von chronischen Prokrastinierern, schreibt der Psychologieprofessor Joseph Ferrari von der De Paul University in Chicago: Erregungsaufschieber fangen erst mit der Hausarbeit oder dem Lernen an, wenn der Zeitdruck groß ist. Sie behaupten, erst durch den Nervenkitzel kurz vor der Deadline ihre Leistung richtig abrufen zu können. Da sie meistens gut damit durchkommen, sehen sie keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern. Die zweite Gruppe der Vermeidungsaufschieber drückt sich vor negativen Gefühlen, die mit einer Aufgabe verbunden sind. Die Betroffenen gehen zum Beispiel lieber feiern, als zu arbeiten, weil der Stoff sie überfordert. Sie lassen die Präsentation liegen, weil es ihnen Angst macht, vor Publikum zu sprechen. Sie fürchten sich vor der Beurteilung ihrer Leistung. Wenn die Präsentation scheitert, rechtfertigen sie das vor sich und anderen damit, dass es an der mangelnden Vorbereitung lag und nicht an ihren Fähigkeiten.

Prokrastinieren ist menschlich. Tiere tun das nicht, sie haben keine Aufgaben. Wer sich nichts vornimmt, kann nichts aufschieben. Es gibt aber eine Verhaltensweise von Tieren, die dem Prokrastinieren recht nahe kommt: Wenn ein Hahn angegriffen wird und sich nicht entscheiden kann, ob er kämpfen oder fliehen soll, dann fängt er an, planlos auf dem Boden zu picken. Man nennt das Übersprungshandlung, sie wird durch einen Motivationskonflikt ausgelöst.

Fliehen oder kämpfen? In diesem Konflikt stand ich gegen Ende der Masterarbeit jeden Tag. Meine Übersprungshandlung war es, Facebook aufzurufen. Dort scrollte ich mich dann durch die Timeline und bin oft an Katzenvideos hängen geblieben. Die Professorin Jessica Gall Myrick von der Pennsylvania State University kann erklären, warum. Sie fand in einer Studie heraus, dass cat content sich besonders gut zum Prokrastinieren eignet. Wenn sich eine Mieze beim Sprung verschätzt, kann man darüber lachen und dadurch negative Gefühle wie Angst, Ärger oder Frust verdrängen. Die Probanden in Myricks Studie sagten, dass sie sich nachher besser und dynamischer fühlten. Katzenvideos können also bewirken, dass man besser gelaunt weiterarbeitet.

Prokrastinieren ist vielleicht gar nicht so schlimm, denke ich. Wenn nur das schlechte Gewissen nicht wäre. Das ist auch die These von Sascha Lobo und Kathrin Passig.

Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin, so heißt das Buch, das Lobo und Passig zusammen geschrieben haben. Es ist eine Ehrenrettung des Prokrastinierens. Während ich Schmidbauer sofort ans Telefon bekommen habe, telefoniere ich Lobo eine Woche lang hinterher. Vergeblich. Jedes Mal, wenn wir verabredet sind, meldet sich seine Assistentin. Normalerweise würde mich das ziemlich ärgern, aber da ich sein Buch gelesen habe, habe ich Verständnis. Das Prokrastinieren sei ein "sinnvoller Reizfilter", schreiben Lobo und Passig, der unnötige Arbeit aussortiere. Es habe somit eine "psychische Pufferfunktion, die den steilen Berg Aufgaben, der sich vor einem auftürmt, vielleicht nicht bezwingbar, aber immerhin umgehbar erscheinen lässt". Ich schätze, ich bin einfach tagelang in Lobos Puffer verpufft.