Viele kennen ihn, und trotzdem erkennt ihn niemand, als Rufus Beck, 60, durch die Mensa seiner früheren Uni in Heidelberg schreitet. Beck ist Schauspieler, er trat auf großen Theaterbühnen auf und gewann für seine Filmrollen Preise. Doch bekannt ist Beck heute vor allem als Hörbuchsprecher. Mehr als 200 Bücher, von der Bibel bis zur "Unendlichen Geschichte", hat er eingesprochen. Hunderttausende Menschen ließen sich von ihm die "Harry Potter"-Bände vorlesen. Zum Interview in der Heidelberger Zeughaus-Mensa kommt Rufus Beck mit dickem Schal um den Hals. Eine Erkältung ist ihm auf die Stimme geschlagen.

Berufseinstieg

Mit ZEIT Campus kehren Künstler in ihre alte Mensa zurück. Alle Interviews, zum Beispiel mit Kraftklub, gibt es hier.

ZEIT Campus: Herr Beck, vor ein paar Tagen haben Sie mich in den Schlaf gelesen. Ich lag in meinem Bett und hörte Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Das fand ich schon als Teenager gut.

Rufus Beck: Solche Aussagen rühren mich und sind mir zugleich peinlich, weil ich für etwas gelobt werde, was mir leichtfällt. Heute Morgen erst sprach mich eine Frau an und sagte: "Sie haben meine Kindheit und Jugend geprägt!" In solchen Momenten wird mir bewusst, was für eine Wirkung die Harry Potter-Hörbücher bis heute haben.

ZEIT Campus: Wer hat Ihnen vorgelesen, als Sie klein waren?

Beck: Ich war auf einem Internat, und die Oberstufenschüler, die Aufsicht hatten, haben meinen Klassenkameraden und mir manchmal vorgelesen, damit wir schneller ins Bett gingen. Allerdings keine Kinderbücher, sondern nur das, was sie interessierte.

ZEIT Campus: Welche Bücher waren das?

Beck: Kafka. Salinger. Tolkien. Ich fand das so faszinierend, dass ich das mit meinen Kindern genauso gemacht habe: Ich habe ihnen Kafkas Die Verwandlung oder Ein Hungerkünstler vorgelesen und es so interpretiert, dass es für Kinder interessant sein könnte. Bis meine Tochter dann gesagt hat: "Papa, bitte nicht mehr den Kafka, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/18.

ZEIT Campus: Wie wird man ein guter Vorleser?

Beck: Ich lese Texte nicht, ich interpretiere sie. Texte sind für mich wie eine Musikpartitur. Man kann die Noten lesen, aber sie müssen erklingen.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Beck: Na, wie klingt eine Figur, die ein Auge vorne und ein Auge hinten hat? In meiner Fantasie spricht sie gleichzeitig beim Ein- und Ausatmen. Dann klingt sie wie Mad-Eye Moody aus Harry Potter.

ZEIT Campus: Sie haben nicht Schauspiel studiert, sondern Islamwissenschaft, Ethnologie und Philosophie. Warum diese Fächer?

Beck: Was mich interessiert hat, das konnte ich wegen des Numerus clausus nicht studieren. Und dann habe ich mich in ein Mädchen aus einem islamwissenschaftlichen Seminar verliebt und wollte ihr nah sein. Die anderen Fächer habe ich aus Neugier belegt.

ZEIT Campus: Und, kamen Sie zusammen?

Beck: Nee.

ZEIT Campus: Haben Sie deshalb das Studium abgebrochen?

Beck: Dafür gab es andere Gründe. Ich hatte Probleme mit der akademischen Welt, in der es vollkommen egal zu sein schien, was ich im Seminar sagte oder schrieb. Auf der einen Seite stand vorne die Autorität, bei der man Klausuren und Hausarbeiten abgeben sollte, andererseits hatte ich das Gefühl, dem Professor wirklich völlig egal zu sein.

ZEIT Campus: Das System war für Sie also das Problem und nicht die Fächer?

Beck: Beides. Islamwissenschaft bestand vor allem aus dem Studium von drei grundverschiedenen Sprachen: Persisch als indogermanischer, Arabisch als semitischer und Türkisch als altaischer Sprache. Ich in meinem Wahnsinn habe alle drei gleichzeitig lernen wollen. Später reiste ich durch den Nahen Osten und bemerkte als Atheist, dass Religion kein lebenswichtiges Thema für mich war.

ZEIT Campus: Sie hätten mit den anderen Fächern weitermachen können.

Beck: Da passte ich auch nicht hinein. Bei den Ethnologen waren nur Freaks. Leute, die ein halbes Jahr in Asien verbrachten oder bei irgendeinem Stamm in Afrika. Im Philosophie-Seminar fragte ich mich immer, ob man das auch praktisch nutzen kann. Ich bin eben kein Theoretiker. Außerdem habe ich damals oft drei Sachen gleichzeitig gemacht: Während meines Zivildienstes fing ich an zu studieren, während des Studiums jobbte ich am Stadttheater als Orchesterwart. Und ich lebte in einer musischen Studentenverbindung und machte viel Musik. Am Stadttheater lernte ich Künstler kennen, die meinten, ich sollte Schauspieler werden.