Smarte Umkleidekabinen! Kluge Käsetheken! Wir haben Erfindungen ausprobiert, die das Einkaufen revolutionieren wollen.

1. In der Hundefutterabteilung

Ich liebe Yuri! Und ich kaufe gerne für ihn ein. Yuri hat drei Leinen (Aktiv-, Schlepp-, Spazierleine), eine Daunen- und eine Regenjacke, außerdem Hundesonnencreme und Hundeshampoo. Mir ist bewusst, dass er auch ohne all das überleben würde. Aber was meinen Jack Russell angeht, bin ich ein Shopaholic.

Auf Haustierbesitzer wie mich hat es Mars Petcare abgesehen. Das Unternehmen, das hinter Marken wie Pedigree und Whiskas steckt, hat in einem Edeka-Center in Berlin-Moabit eine "Tiernahrungsabteilung der Zukunft" eingerichtet. Diese soll durch ein "innovatives Konzept" dafür sorgen, dass wir Tierfreunde weiterhin in den Laden kommen, statt Kauknochen nur noch im Internet zu bestellen. Das müssen wir ausprobieren! An einem Montagabend stehen Yuri und ich also vor der Ladentür. Doch Yuri darf nicht erfahren, wie die Zukunft seiner Ernährung aussieht. "Keine Hunde im Supermarkt", sagt der Securitymann. Ich erkläre ihm, dass mein Jack Russell ein sehr fortschrittlicher Hund ist, ein Influencer-Hund gar, und zeige als Beweis die Likes unter Fotos von Yuri auf Instagram. Doch der Mann bleibt unerbittlich. Erste Enttäuschung.

Also wartet Yuri draußen, und ich folge allein den aufgeklebten Pfotenabdrücken auf dem Boden des Edeka-Centers. Sie führen mich ans Ziel: zum Tierfutter. Die Abteilung ist so groß wie der Laden, in dem ich normalerweise meine Wocheneinkäufe erledige. Zuerst trete ich an einen menschengroßen Touchscreen, mit einem Hund und einer Katze darauf. Der Screen soll mein "Bedürfnis nach Information und Unterhaltung" erfüllen, habe ich im Internet gelesen. Ich tippe auf den Hund und lerne: Drei von zehn Hunden in Industrieländern sind übergewichtig, und Schokolade kann für Hunde tödlich sein. Auch Yuri passt nicht mehr in seine Transportbox ... Ob das daran liegt, dass ich fünf verschiedene Leckerlie-Sorten für ihn habe? Ich klicke mich weiter zu einem Quiz: Wie viele Zähne hat ein Hund? (42). Was ist der Lieblingshund der Deutschen? (Mischling). Hm, so richtig nach Zukunft fühlt sich das nicht an. Über etwas Innovatives hätte ich mich gefreut, über eine Doga-Stunde zum Beispiel (Yoga für dog und Besitzer). Vor dem Touchscreen hätte sich auch Yuri gelangweilt.

Ich schaue mich weiter um und entdecke eine Box mit durchsichtiger Front. Darin liegt ein Zahnpflege-Snack, die durchsichtige Front funktioniert als Touchscreen. Als ich darauf herumtippe, bekomme ich wieder dog-Content: Ich lerne, dass vier von fünf Hunden über drei Jahren an Zahnbetterkrankungen leiden. "Anhaltender Mundgeruch bei Hunden ist nicht normal", warnt mich die Box. Aber Entwarnung: Helfen können die Zahnpflege-Snacks, die es hier zu kaufen gibt.

Im Sortiment der Abteilung finde ich außerdem Antihairball-Häppchen, Katzengras und Souprise, eine Art Suppe für Katzen. Die Etiketten lesen sich wie eine Speisekarte im Sternerestaurant: Lamm mit Karotte, Beeren und Hafer, Rind mit Kürbis und Apfel. Plötzlich knurrt mir selbst der Magen. Ich verlasse die Abteilung, mehr gibt’s eh nicht zu sehen. Am Ausgang springt mich Yuri voller Wiedersehensfreude an und leckt mir über das Gesicht. Ich atme ein, atme aus und erinnere mich: Yuris Mundgeruch ist nicht normal! Ich gehe zurück und kaufe die Zahnpflege-Snacks. Wenn die Zukunft der Tiernahrung darin besteht, Leuten noch mehr Dinge anzudrehen, dann hat diese Futterabteilung wohl ihr Ziel erreicht.

Wlada Kolosowa, 31, hat Yuri seit einem Jahr. Das Sinnloseste, das sie jemals für ihn gekauft hat, ist ein Pikachu-Kostüm. Sie schämt sich sehr dafür.

2. In der smarten Umkleidekabine

Ich mag keine fetten Logos auf Klamotten. Darum war ich ewig nicht mehr bei Tommy Hilfiger. Doch die Filiale in der Londoner Regent Street hat mich neugierig gemacht. Im Internet wird sie als "Store of the Future" beworben. Der Laden soll Millennials und Digital Natives – also Leuten wie mir! – ein bahnbrechendes Kauferlebnis bieten, heißt es. Es soll dort etwa eine smarte Umkleidekabine geben. Wenn die Umkleide mitdenkt, finde vielleicht sogar ich etwas.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

Ich betrete die Filiale und sehe nur noch rot, weiß und blau. Alles wie immer bei Hilfiger. Neu sind drei Bildschirme, die fast doppelt so groß sind wie ich. Als ich die Oberfläche berühre, öffnet sich vor mir die aktuelle Kollektion. Ich wische durch gestreifte Shirts und Tops mit Blumenprints. Wie beim Online-Shopping habe ich die Möglichkeit, die Produkte in einen digitalen Warenkorb zu legen und nach Hause liefern zu lassen. Das leuchtet mir nicht ein. Wenn ich doch schon hier bin, warum kann ich die Sachen nicht direkt im Laden anprobieren? Ich gehe weiter.

In einem Café im Laden sitzen ein paar Kunden und trinken Espresso. Für die iPads, die in den Tischen eingebaut sind, interessiert sich außer mir keiner. Auf dem Screen kann ich einem Model verschiedene Outfits anziehen. Ich erinnere mich an meine Jackie-Kennedy-Puppe, die ich als Kleinkind hatte. Die war allerdings aus Papier, und wenn ich ihr ein Chanel-Kostüm anheften wollte, klappte das problemlos. Nicht so bei dem digitalen Tommy-Model, das iPad hat sich aufgehängt.

An einer Stange entdecke ich einen roten Rock mit Spitzensaum, greife zu und nehme ihn mit in die Umkleidekabine. Als ich die schwere Holztür hinter mir schließe, sehe ich auf dem Spiegel ein langhaariges Model, das meinen Rock trägt. Durch einen Chip im Etikett weiß die Kabine, welches Produkt ich mitgebracht habe. Ich zwänge mich in den Rock. Zu eng. Ob das der schlaue Spiegel auch merkt? Zumindest schlägt er mir andere Größen vor, ich drücke auf "M". Ein Verkäufer werde mir den Rock gleich bringen, steht auf dem Spiegel.

Zehn Minuten lang warte ich, doch niemand kommt. "Hat der Spiegel sich nicht bei Ihnen gemeldet?", frage ich einen Verkäufer im Gang. "Sorry, heute ist es so voll!", sagt er und hastet weiter: "Der Spiegel ist eher zum Spielen da." Die Zukunft besteht also aus Spielerei? Auf dem Weg nach draußen entdecke ich einen weiteren Screen, auf dem einige Tabs geöffnet sind. Ob ich Candy Crush öffnen kann? Das klappt tatsächlich. Eine grelle Bonbon-Flut wird an die Wand geworfen. Ciao Rot, Weiß, Blau! Jetzt ist die Zukunft wenigstens schön bunt.

Franca Forth, 27, lebt in London. Sie wünscht sich für die Zukunft der Mode smartes Recycling statt smarte Umkleidekabinen. Und mehr fair produzierte Kleidung.