"Ich will nicht aufs Land, ich hasse das Land", sagt der Schauspieler Josef Hader, 56, in seinem Film "Der Knochenmann". Wahrscheinlich ist das autobiografisch gemeint. Denn nach dem Abitur flüchtete der Bauernsohn Hader zum Studium in die Großstadt. Er wollte Lehrer werden – bis er entschied, dass er seine Neigung zum schwarzen Humor auf der Bühne und im Film viel besser ausleben konnte. Hader wurde Kabarettist, Schauspieler und Regisseur. Seine Rollen: abgehalfterte Privatdetektive und depressive Musikkritiker. Klingt schlimm, ist aber witzig. Zum Interview treffen wir uns in der Mensa des Afro-Asiatischen Instituts der Uni Wien. Hader kommt zu Fuß, er wohnt gleich um die Ecke. Trotz der tropischen Hitze bleibt er entspannt, löffelt Backerbsensuppe und pfeift seinen Ohrwurm: "Dance Into the Light" von Phil Collins.

Mit ZEIT Campus kehren Künstler in ihre alte Mensa zurück. Alle Interviews, etwa mit Kraftklub, gibt es unter www.zeit.de/campus/mensa

ZEIT Campus: Herr Hader, Sie haben Germanistik und Geschichte studiert. Zum Mittagessen sind Sie oft hierhergekommen, in die Mensa des Afro-Asiatischen Instituts. Was hat Ihnen hier gefallen?

Josef Hader: Das Essen schmeckte besser als anderswo, und es gab für die Achtzigerjahre sehr moderne Gerichte. Currys zum Beispiel.

ZEIT Campus: Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Uni-Zeit?

Hader: Ich hatte lustige Professoren, besonders den in Alter Germanistik. Der trank viel und hat uns auf Mittelhochdeutsch Lieder vorgesungen. Und er konnte täuschend echt den sächsischen Dialekt nachahmen. So gut, dass ihn sogar Ostberliner fragten, ob er über die Grenze in den Westen geflohen sei. Das hat ihm sehr gefallen.

ZEIT Campus: Hat er sich während der Vorlesung betrunken?

Hader: Auf alle Fälle danach. Da ging er mit uns ins Wirtshaus.

ZEIT Campus: Und alle tranken Schnaps?

Hader: Nein, ich bin beim Spritzer geblieben, Wein mit Sodawasser.

ZEIT Campus: Haben Sie beim trinkenden Professor auch etwas gelernt?

Hader: Einmal hat er an die Tafel geschrieben: "Knopp verfügt sich weiter fort, bis an einen andern Ort, da wohnt einer, den er kannte, der sich Sauerbrot benannte. 'Heißaho!', ruft Sauerbrot. 'Heißa! Meine Frau ist tot!'" Wir dachten: Was will der von uns? Er sagte: "So, meine Damen und Herren, das ist das Reimschema des Nibelungenlieds, das werden Sie nie vergessen." Er hatte recht.

ZEIT Campus: Haben Sie auch Härteres zu sich genommen als Weinschorle?

Hader: Einmal habe ich mit einem Freund in einem Jazzclub Gras geraucht. Keine gute Erfahrung. Ich hab den Bass der Band plötzlich auf der Haut gespürt und fühlte mich wie aus Gummi. Seither nur noch legale Drogen!

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

ZEIT Campus: Wann haben Sie eigentlich gemerkt, dass Sie lustig sind?

Hader: Als Kind habe ich gern meine Eltern und Großeltern unterhalten. Ich habe ihnen Witze erzählt, die ich im Radio gehört hatte. An keinen einzigen kann ich mich erinnern, aber sie waren wahrscheinlich alle sehr schlecht. Am Gymnasium haben wir dann Theaterstücke gespielt. Da merkte ich, dass ich gerne auf der Bühne stehe und das besser kann als andere.

ZEIT Campus: Wie kamen Sie zum Kabarett?

Hader: In der Oberstufe begannen wir neben normalen Stücken auch Kabarett aufzuführen. Natürlich über Lehrer. Unter anderem ging es um den Schulleiter eines anderen Gymnasiums, der bei uns Abiturienten prüfte. Ein sehr seltsamer Typ, der Leute aus der Prüfung schmiss, weil sie ihr Sakko ausgezogen hatten. Außerdem gab es das Gerücht, dass er Nazi gewesen war. Dazu haben wir eine schöne Nummer gemacht.

ZEIT Campus: Oha!

Hader: Ich glaube, ich habe nie etwas Erfolgreicheres gespielt als Kabarett über Lehrer vor Schülern. Damals wurde mir klar, welche Wirkung es hat, wenn man den Gegner lächerlich macht. An der Schule waren wir danach natürlich die Stars. Ein paar Lehrer waren verärgert, aber die meisten haben unseren Auftritt geschätzt. Der Nazi war leider nicht gekommen.

ZEIT Campus: Sie haben dann ein Lehramtsstudium angefangen. Dabei hätten Sie die Schule für immer hinter sich lassen und Schauspiel studieren können!

Hader: Nein, Schauspiel habe ich mir damals nicht zugetraut. Ich stellte mir vor, dann wäre ich ständig abhängig von Rollenangeboten und darum wahrscheinlich irgendwann Alkoholiker. Im Rückblick betrachtet hatte ich damals also ein sehr realistisches Bild von diesem Beruf. Da wollte ich lieber so ein hipper Lehrer werden, der möglichst spannend unterrichtet.

ZEIT Campus: Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. War es ein Problem für Ihre Eltern, dass Sie studieren wollten, statt den Hof zu übernehmen?

Hader: Nein. Sie haben schon gesehen, dass ich für die Landwirtschaft nicht geeignet bin. Ich habe eine Allergie und hatte bei der Heuernte immer eine laufende Nase und aufgequollene Augen. Nach der Feldarbeit habe ich sofort Bücher von Erich Kästner oder Karl May gelesen. Den Hof hat dann mein jüngerer Bruder übernommen.

ZEIT Campus: Wie sind Sie im Studium finanziell über die Runden gekommen?

Hader: Ich hatte neben der Uni regelmäßig Kabarett-Auftritte und habe so schon etwas Geld verdient. Außerdem erhielt ich ein Stipendium vom Staat. Das konnten Kinder aus Bauern- und Arbeiterfamilien damals recht leicht bekommen. Ich würde behaupten, es war dadurch für Kinder aus ärmeren Familien einfacher als heute, an die Uni zu gehen.