Er ist Experte für humanitäre Hilfe. Kann er auch seinen Eltern helfen, die geflüchtet sind?

Der Anruf erreichte Mojtaba Salem im März, wenige Tage nach dem afghanischen Neujahrsfest. Er saß im Lesesaal der Privat-Uni am Hamburger Hafen, an der er promoviert. Draußen vor den Fenstern zog ein Containerschiff vorbei, als Mojtabas Handy klingelte. Sein Vater war dran. "Wir haben Afghanistan verlassen", sagte er. "Wir können nicht mehr zurück, sie suchen deine Mutter. Ihr Auto wurde angezündet, unser Haus geplündert." Und dann: "Wir kommen nach Deutschland." Zweieinhalb Jahre ist dieser Anruf her. Wenn Mojtaba, heute 30, davon erzählt, sagt er: "Ich hatte viel über solche Situationen gelesen. Aber in dem Moment verstand ich: Jetzt sind meine Eltern Flüchtlinge."

Mojtaba Salem war 2013 nach Hamburg gekommen, als Stipendiat. Vorher hatte er in Afghanistan seinen Bachelor gemacht, Business Administration an einer amerikanischen Privat-Uni in Kabul. In diesen Jahren gab es wieder Hoffnung in seiner Heimat. Der Bürgerkrieg war vorbei, die Taliban waren vertrieben, die Afghanen wollten ihr Land wieder aufbauen. Mojtaba entwickelte an der Uni Strategien, um Korruption zu bekämpfen. Eines seiner Papers schaffte es noch vor seinem Abschluss in eine Zeitschrift in den USA, das Journal of Character & Leadership Integration. Mit seinem Stipendium machte Mojtaba einen Management-Master an der Kühne Logistics University. Nach dem Abschluss blieb er an der Privat-Uni und gründete mit mehreren Professoren ein eigenes Institut, Riloha, das die Arbeit von humanitären Organisationen erforscht. Mojtaba führte Feldstudien mit NGOs durch und kooperierte mit Wissenschaftlern in aller Welt. Er begann seine Promotion, in der er untersucht, wie Entwicklungshilfe wirkungsvoller werden kann. So wollte er auch Afghanistan helfen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

Wenn Mojtaba mit seinen Eltern telefonierte, erzählte er von seiner Forschung und seiner kleinen Wohnung. Und seine Eltern berichteten ihm aus Afghanistan, das wieder im Chaos zu versinken drohte: Die Taliban waren zurückgekehrt, sie zündeten Autobomben und hetzten gegen Menschen, die mit westlichen Organisationen zusammenarbeiteten oder öffentlich für Menschenrechte eintraten. Menschen wie Mojtabas Mutter, die für Frauenrechte kämpfte und im Fernsehen die Taliban kritisierte. Dann kam der Tag im März 2016, der Anruf des Vaters. Würde Mojtaba Salem, der begabte Forscher, auch seinen Eltern helfen können?

Der Forscher und die Flüchtlinge © Heinrich Holtgreve für ZEIT Campus

Plötzlich musste er Entscheidungen für sie treffen. "Sollen wir den Weg über das Mittelmeer nehmen?", fragten sie am Telefon, als sie die Türkei erreicht hatten. Mojtaba tat, was er sonst bei wissenschaftlichen Fragen tut: Er schaute sich Statistiken an. Die Zahl der Menschen, die im Mittelmeer ertrunken waren. Die Zahl der Boote, die jedes Jahr sinken. Er sprach mit NGOs, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. Und riet seinen Eltern vom Seeweg ab: zu riskant. Sie nahmen die Balkanroute, die über viele Grenzen und durch ein halbes Dutzend Länder führt. Mühsam und beschwerlich, doch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, lebend in Deutschland anzukommen.

Mojtaba bleibt ruhig, wenn er heute davon erzählt. Er ist kein Mensch, dem man seine Gefühle ansieht. Meist hat er ein höfliches Lächeln im Gesicht und wählt seine Worte mit Bedacht. Er sagt dann Sätze wie: "Menschen in Notsituationen sind auf Informationen angewiesen." Es klingt, als spräche er über ein Forschungsprojekt, nicht über seine Eltern. Ihre Flucht behielt er lange für sich, seinen Kollegen an der Uni erzählte er nichts. Er wollte das trennen: ihre Hilflosigkeit auf dem Balkan und seinen Alltag als Doktorand mit internationalen Konferenzen, Vorträgen, Publikationen. "Ich dachte, ich kann das alles allein bewältigen", sagt Mojtaba.

Doch der Student, der sonst auch an Feiertagen am Schreibtisch im Lesesaal saß, konnte sich nicht mehr konzentrieren. Ständig sprang er auf, um im Flur leise zu telefonieren. Jeden Tag, stundenlang.

Seine Eltern berichteten am Telefon, dass sie sechsmal von bulgarischen Polizisten an der türkischen Grenze festgenommen und ausgeraubt worden waren. Da waren sie schon ein halbes Jahr unterwegs. Als sie es nach Bulgarien geschafft hatten, bezahlten sie Schleuser, die sie nachts in Lastern über die Grenze nach Serbien brachten. Dort saßen sie wieder fest. Ungarn hatte sich abgeriegelt und nahm kaum noch Flüchtlinge auf. "Ich dachte, es würde bald vorbei sein", sagt Mojtaba. "Ich hatte mich geirrt."

"Mojtaba, was ist los mit dir?", fragte sein Doktorvater, als er eine wichtige Veröffentlichung nicht rechtzeitig fertig bekam. Da erzählte er von seinen Eltern. Seine Kollegen boten Hilfe an, Geld, doch eine Flucht nach Deutschland war längst keine Frage des Geldes mehr. Seit dem Sommer 2015 waren Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa gekommen. 2016, als Mojtabas Eltern ihre Flucht begannen, hatten sich viele Staaten abgeschottet. Auch Deutschland ging Deals mit der Türkei und anderen Ländern ein, um Flüchtlinge fernzuhalten.