An einer der besten Modeschulen der Welt hat ein Student Selbstmord begangen. Er löste eine Debatte darüber aus, wie viel Druck Studenten brauchen, um Großartiges zu schaffen – und wann es zu viel wird.

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Eine Sirene kreischt, und die Modenschau beginnt. Durch einen schwarzen Vorhang treten Models ins Scheinwerferlicht. Sie tragen Oberteile, die aussehen wie gigantische Hüte, enge Overalls mit aufgesprühtem Sonnenbrand oder orangefarbene Tüllkleider, die weniger an Mode erinnern als an Insekten von einem anderen Planeten. Die Kleider haben die Studenten einer der wichtigsten Modefakultäten der Welt entworfen, an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Einmal im Jahr zeigt jeder Student seine fertige Kollektion. Die Modenschau dauert etwa vier Stunden, rund viertausend Besucher kommen an diesem Wochenende im Juni.

Kaum eine Modeakademie bietet ihren Studenten eine größere Bühne. Die Regenten der Modewelt bewerten die Kollektionen: In der ersten Reihe sitzt eine 15-köpfige Jury. Der Designdirektor von Prada ist da, der Kreativdirektor von Balenciaga und die stellvertretende Chefredakteurin der italienischen Vogue. Sie werden von den Studenten wie Popstars gefeiert und umschwärmt. Vor allem aber versprechen sie Kontakte für die wichtigen Jobs bei den großen Modehäusern. Auf den ersten Blick wirkt an diesem Wochenende alles wie immer.

Doch etwas ist anders in diesem Jahr.

Einer fehlt.

Zehn Wochen zuvor, am Nachmittag des 21. März 2018, verschickte die Sekretärin eine Mail an alle Studenten. Sie sollten am kommenden Morgen um 10.15 Uhr in die Akademie kommen. Walter Van Beirendonck, der Leiter des Studiengangs, wartete dort mit mehreren Psychologen. Er sagte: "Etwas Schlimmes ist passiert." Einer von ihnen, Song Seung Hyun, hatte sich in seiner Wohnung das Leben genommen.

Die Dozenten und die Studenten waren geschockt. Einige weinten. So erzählt es einer, der dabei gewesen ist. Schnell verbreitete sich das Gerücht, der Leistungsdruck sei zu hoch und einer der Gründe für den Selbstmord. Ein Artikel im Fachmagazin Business of Fashion, eine der wichtigsten Zeitschriften der Modewelt, befeuerte die Diskussion. Darin berichteten Studenten von einer "vergifteten Arbeitsatmosphäre" und "unrealistischen Erwartungen der Dozenten". Das Pensum sei nur mit Drogen und Schlafentzug zu schaffen, hieß es. Seitdem ist die Akademie in zwei Lager gespalten. Die einen sagen: Endlich wird darüber gesprochen, was alles schiefläuft. Die anderen meinen: So sei das eben, Qualität komme von Qual. Songs Name wird in der Debatte zum Symbol. Für Leistungsdruck. Für Stress. Für Überforderung. Sein Schicksal führt zur Frage: Wie hart muss es an einer der wichtigsten Modeschulen der Welt zugehen, um Großartiges zu schaffen? Und wie viel ist zu viel?

ZEIT CAMPUS hat mehr als zwanzig Studentinnen und Studenten kontaktiert, um etwas über den Alltag an der Akademie zu erfahren. Acht waren bereit, Fragen zu beantworten. Einige von ihnen haben ihren Abschluss geschafft, einige haben abgebrochen, andere sind von der Akademie geflogen. Sie erzählen von Zeitmangel, fehlender Betreuung und Rassismus. Und sie hoffen, mit ihrem Bericht etwas zu verändern für die nächste Generation. Drei von ihnen werden in dieser Geschichte zu Wort kommen. Wir nennen sie Paul, Kay und Mark, denn sie möchten anonym bleiben. Zu groß ist ihre Angst, für Kritik an der Akademie mit schlechten Noten abgestraft zu werden oder einen Job nicht zu bekommen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

"Wenn man Mode studieren will, wird man oft belächelt", sagt Paul. "Deshalb wollte ich auf eine Uni mit Ruf." Wie viele, die sich bewerben, träumte der 25-Jährige davon, irgendwann als Designer bei einem großen Haus zu arbeiten, vielleicht bei Prada oder Comme des Garçons. Ein Abschluss in Antwerpen sollte die Türen dorthin öffnen. Die alte Hafenstadt mit den verwinkelten Gassen gehört zwar nicht zu den Mode-Metropolen wie London, Paris oder New York. Doch sie hat sich einen Namen gemacht, weil sie eine Avantgarde ausbildet.

Antwerpen habe eine Aura, behaupten viele, was auch an den Antwerp Six liegt. Eine Gruppe von sechs Absolventen, die sich Mitte der Achtziger selbstständig machte und die Mode revolutionierte. Sie war nicht von italienischer und französischer Haute Couture beeinflusst, sondern vom Punk und von komplizierten Schnitten aus Japan. Zu ihr zählen Stardesigner wie Dries Van Noten oder Ann Demeulemeester. Später wurde auch Martin Margiela dazu gezählt. Seitdem hat die Akademie immer wieder erfolgreiche Designer hervorgebracht: Einer von ihnen ist Demna Gvasalia, der 2014 zusammen mit seinem Bruder das Label Vetements gründete. Er sorgte für Aufsehen, weil er gelbe DHL-Shirts und schwarze Polizei-Regencapes als Prêt-à-porter-Mode verkaufte. Balenciaga, eines der wichtigsten Modehäuser, besetzte ihn daraufhin als Kreativdirektor.

Doch solche Karriereträume erfüllen sich nur für wenige. Meist schafft nur die Hälfte einer Klasse den Sprung ins nächste Semester. Von etwa 60 Bachelorstudenten im ersten Jahr machen nur etwa zehn den Master.

In einem selbst genähten blauen Hemd dreht Paul sich eine Zigarette und sagt: "Ich war nicht für die Schule gemacht." Sein Problem: das Nähen. Er sei zu langsam gewesen. Vor Antwerpen hatte er ein Grundlagenjahr an einer anderen renommierten Modeschule absolviert, der Central Saint Martins in London. Doch das reichte nicht. "Nur wenn ich jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet hätte, hätte ich die Aufgaben vielleicht geschafft."