Die Mieten steigen, günstige Zimmer sind schwer zu finden. Sechs Ideen, wie jeder den Wohnungsmarkt austricksen kann. Und was wir sonst noch über das Zusammenleben wissen sollten.

Trick 1: Wohnen im Tiny House

In der Abi-Zeit hat Leopold Tomaschek, 19, ein eigenes Haus gebaut. Heute wohnt er darin und plant noch vor dem Studium ein weiteres.

"Tiny Houses kannte ich aus dem Internet. Für mich sind die kleinen Häuser, die manchmal aussehen wie Bauwagen, nicht nur kompakte Wohnräume, sondern ein ökologisches und soziales Statement. Sie symbolisieren, was in unserer Gesellschaft gerade schiefläuft: Wohnraum wird immer exklusiver. Menschen können sich die Mieten in den Städten nicht mehr leisten. Ein eigenes Heim wirkt da wie ein Traum. Ich musste diesen Druck bisher zum Glück noch nicht spüren. Ich bin in einem kleinen Dorf im Wendland aufgewachsen, im Osten von Niedersachsen. Dort lebte ich mit meinen Eltern in einem ausgebauten Bauernhaus. Mein Kinderzimmer: eine eigene 45-Quadratmeter-Wohnung. Das fühlte sich luxuriös an. Als ich mich für ein Schulprojekt entschied, mein eigenes Haus zu bauen, musste ich ein 3-D-Modell erstellen, Statik berechnen, Stromleitungen verlegen und vieles mehr. Ich war Bauherr, Architekt und Handwerker, alles auf einmal. Nach einem Jahr Bauzeit bin ich vergangenen Herbst eingezogen. Das war dann die nächste Herausforderung, mir blieben hier nur 15 Quadratmeter. Einen Großteil meiner Klamotten habe ich verschenkt oder gespendet. Ich folge der Philosophie der Japanerin Marie Kondō. Sie sagt, man solle jedes Teil, das man besitzt, in die Hand nehmen und überlegen, ob es einen glücklich macht. Wenn nicht: weg damit. Dieser neue Minimalismus befreit ungemein. Wenn ich heute in meinem Haus aufwache, weiß ich sofort, wo alles liegt. Und ich muss trotzdem auf nichts verzichten. Ich habe eine Küchenzeile, eine Dusche und eine herrliche Terrasse. Inzwischen berate ich sogar andere Tiny-Häusler, so nennen wir uns. Im Sommer werde ich für eine Künstlerin ein Haus bauen. Von dem Honorar will ich für einige Monate reisen. Mein Haus vermiete ich dann."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

Miete: 0 Euro, etwa 11.000 Euro für den Bau

Wohnfläche: 15 m²

Das sagen die Freunde: "Geile Sache. Das hätte ich auch gern!"

Das nervt: "Ich muss mehr putzen als früher und fege jeden zweiten Abend durch."

Übrigens: Von der Bauzeichnung bis zum Verkleben der Bodenplatten: Auf tinyhouse-wanderlust.com kann sich jeder Leopolds Arbeitsschritte anschauen. Andere Tiny Houses finden sich auf dem YouTube-Channel "Living Big In A Tiny House".
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Trick 2: Wohnen im Bauprojekt

Die Psychologiestudentin Margarete Over, 25, plant mit Ina Kuhn, 21, und Maurice Frank, 23, die Zukunft des Wohnens.

© Paula Winkler für ZEIT Campus

"Wir leben in einer verrückten Gesellschaft. Für viele Menschen bedeutet hohe Wohnqualität viel Platz und teure Miete. Dabei kann man die gleiche Qualität auch nachhaltig und günstig schaffen. Als ich vor vier Jahren nach meinem Auslandsjahr in Spanien zurück nach Heidelberg gezogen bin, musste ich mir ein neues Zimmer suchen. Im Collegium Academicum, kurz CA, konnte ich einziehen, und ich war sofort begeistert vom Konzept. Das CA ist ein selbst verwaltetes Wohnheim mit elf Zimmern in der Altstadt. Ursprünglich wurde es 1945 nach Kriegsende von der Uni Heidelberg mit Unterstützung der Amerikanischen Besatzungsbeamten gegründet. Knapp 100 Studenten konnten damals dort wohnen. Bedingung: Sie sollten sich selbst verwalten. Die Idee der Amerikaner war, dadurch die deutsche Jugend zu demokratisieren.

1978 wurde das CA leider geschlossen, weil die Univerwaltung das Gebäude nutzen wollte. Doch es lebte weiter: Der Ehemaligenverein des CA mietet seit 1985 ein kleines Haus um die Ecke, in dem ich heute mit zehn anderen Mitbewohnern auf drei Etagen wohne. Wir veranstalten Flohmärkte und Konzerte im Innenhof und verteilen Gemüseboxen der Solidarischen Landwirtschaft. Vor sechs Jahren entstand hier auch die Idee, das Collegium Academicum im großen Stil wieder aufleben zu lassen. Studenten der Geografie, Medizin, Geschichte, Soziologie und Physik fingen an zu planen. Damals waren die letzten amerikanischen Soldaten aus Heidelberg abgezogen, über 180 Hektar Fläche wurden frei. Unter anderem das ehemalige Hospital. Dort und in einem Neubau sollen 226 Leute ab Ende 2019 ein Zimmer finden: Studierende, Auszubildende, Promovierende. Das Haus wird aus Dreier- und Vierer-WGs bestehen, jede Wohnung hat etwa 84 Quadratmeter und ein flexibles Raummodell. Das Standardzimmer misst 14 Quadratmeter. Die Wände sind verstellbar, und wer will, kann sein Zimmer auf sieben Quadratmeter verkleinern. Dann gibt es mehr Platz für die Gemeinschaftsräume. Je nachdem, welcher Raum einem wichtig ist, der private oder der gemeinsame, kann man seine Wände neu justieren.

Zusätzlich gibt es eine Aula mit Platz für 650 Leute, für Konzerte und Vorträge. Denn das Haus soll auch ein Bildungszentrum sein. Das verstehen wir unter günstigem, nachhaltigem und verantwortungsvollem Wohnen. Ich weiß nicht, ob ich jemals dort einziehen werde, ich schreibe gerade meine Masterarbeit, aber auch wenn nicht: Die Erfahrung, die ich in den vergangenen vier Jahren gesammelt habe, mit so vielen verschiedenen Leuten zu diskutieren und zu planen, das hat meine Studienzeit unglaublich bereichert."

Miete: 270 Euro

Wohnfläche: 14 m²

Das sagen die Freunde: "Cool, dass ihr das in die Hand nehmt!"

Das nervt: "Die dünnen Wände. Einer meiner Mitbewohner ist Musiker. Die anderen hören gern Techno. Da fühle ich mich manchmal wie im Club."

Übrigens: Auch in anderen Städten gibt es selbst verwaltete Wohnheime: in München die Wohnheimsiedlung Massmannplatz e. V. oder das Hans-Dickmann-Kolleg in Karlsruhe.
Aufgezeichnet von Christopher Piltz