Die Mieten steigen, günstige Zimmer sind schwer zu finden. Sechs Ideen, wie jeder den Wohnungsmarkt austricksen kann. Und was wir sonst noch über das Zusammenleben wissen sollten.

Trick 1: Wohnen im Tiny House

In der Abi-Zeit hat Leopold Tomaschek, 19, ein eigenes Haus gebaut. Heute wohnt er darin und plant noch vor dem Studium ein weiteres.

"Tiny Houses kannte ich aus dem Internet. Für mich sind die kleinen Häuser, die manchmal aussehen wie Bauwagen, nicht nur kompakte Wohnräume, sondern ein ökologisches und soziales Statement. Sie symbolisieren, was in unserer Gesellschaft gerade schiefläuft: Wohnraum wird immer exklusiver. Menschen können sich die Mieten in den Städten nicht mehr leisten. Ein eigenes Heim wirkt da wie ein Traum. Ich musste diesen Druck bisher zum Glück noch nicht spüren. Ich bin in einem kleinen Dorf im Wendland aufgewachsen, im Osten von Niedersachsen. Dort lebte ich mit meinen Eltern in einem ausgebauten Bauernhaus. Mein Kinderzimmer: eine eigene 45-Quadratmeter-Wohnung. Das fühlte sich luxuriös an. Als ich mich für ein Schulprojekt entschied, mein eigenes Haus zu bauen, musste ich ein 3-D-Modell erstellen, Statik berechnen, Stromleitungen verlegen und vieles mehr. Ich war Bauherr, Architekt und Handwerker, alles auf einmal. Nach einem Jahr Bauzeit bin ich vergangenen Herbst eingezogen. Das war dann die nächste Herausforderung, mir blieben hier nur 15 Quadratmeter. Einen Großteil meiner Klamotten habe ich verschenkt oder gespendet. Ich folge der Philosophie der Japanerin Marie Kondō. Sie sagt, man solle jedes Teil, das man besitzt, in die Hand nehmen und überlegen, ob es einen glücklich macht. Wenn nicht: weg damit. Dieser neue Minimalismus befreit ungemein. Wenn ich heute in meinem Haus aufwache, weiß ich sofort, wo alles liegt. Und ich muss trotzdem auf nichts verzichten. Ich habe eine Küchenzeile, eine Dusche und eine herrliche Terrasse. Inzwischen berate ich sogar andere Tiny-Häusler, so nennen wir uns. Im Sommer werde ich für eine Künstlerin ein Haus bauen. Von dem Honorar will ich für einige Monate reisen. Mein Haus vermiete ich dann."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/18.

Miete: 0 Euro, etwa 11.000 Euro für den Bau

Wohnfläche: 15 m²

Das sagen die Freunde: "Geile Sache. Das hätte ich auch gern!"

Das nervt: "Ich muss mehr putzen als früher und fege jeden zweiten Abend durch."

Übrigens: Von der Bauzeichnung bis zum Verkleben der Bodenplatten: Auf tinyhouse-wanderlust.com kann sich jeder Leopolds Arbeitsschritte anschauen. Andere Tiny Houses finden sich auf dem YouTube-Channel "Living Big In A Tiny House".
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Trick 2: Wohnen im Bauprojekt

Die Psychologiestudentin Margarete Over, 25, plant mit Ina Kuhn, 21, und Maurice Frank, 23, die Zukunft des Wohnens.

© Paula Winkler für ZEIT Campus

"Wir leben in einer verrückten Gesellschaft. Für viele Menschen bedeutet hohe Wohnqualität viel Platz und teure Miete. Dabei kann man die gleiche Qualität auch nachhaltig und günstig schaffen. Als ich vor vier Jahren nach meinem Auslandsjahr in Spanien zurück nach Heidelberg gezogen bin, musste ich mir ein neues Zimmer suchen. Im Collegium Academicum, kurz CA, konnte ich einziehen, und ich war sofort begeistert vom Konzept. Das CA ist ein selbst verwaltetes Wohnheim mit elf Zimmern in der Altstadt. Ursprünglich wurde es 1945 nach Kriegsende von der Uni Heidelberg mit Unterstützung der Amerikanischen Besatzungsbeamten gegründet. Knapp 100 Studenten konnten damals dort wohnen. Bedingung: Sie sollten sich selbst verwalten. Die Idee der Amerikaner war, dadurch die deutsche Jugend zu demokratisieren.

1978 wurde das CA leider geschlossen, weil die Univerwaltung das Gebäude nutzen wollte. Doch es lebte weiter: Der Ehemaligenverein des CA mietet seit 1985 ein kleines Haus um die Ecke, in dem ich heute mit zehn anderen Mitbewohnern auf drei Etagen wohne. Wir veranstalten Flohmärkte und Konzerte im Innenhof und verteilen Gemüseboxen der Solidarischen Landwirtschaft. Vor sechs Jahren entstand hier auch die Idee, das Collegium Academicum im großen Stil wieder aufleben zu lassen. Studenten der Geografie, Medizin, Geschichte, Soziologie und Physik fingen an zu planen. Damals waren die letzten amerikanischen Soldaten aus Heidelberg abgezogen, über 180 Hektar Fläche wurden frei. Unter anderem das ehemalige Hospital. Dort und in einem Neubau sollen 226 Leute ab Ende 2019 ein Zimmer finden: Studierende, Auszubildende, Promovierende. Das Haus wird aus Dreier- und Vierer-WGs bestehen, jede Wohnung hat etwa 84 Quadratmeter und ein flexibles Raummodell. Das Standardzimmer misst 14 Quadratmeter. Die Wände sind verstellbar, und wer will, kann sein Zimmer auf sieben Quadratmeter verkleinern. Dann gibt es mehr Platz für die Gemeinschaftsräume. Je nachdem, welcher Raum einem wichtig ist, der private oder der gemeinsame, kann man seine Wände neu justieren.

Zusätzlich gibt es eine Aula mit Platz für 650 Leute, für Konzerte und Vorträge. Denn das Haus soll auch ein Bildungszentrum sein. Das verstehen wir unter günstigem, nachhaltigem und verantwortungsvollem Wohnen. Ich weiß nicht, ob ich jemals dort einziehen werde, ich schreibe gerade meine Masterarbeit, aber auch wenn nicht: Die Erfahrung, die ich in den vergangenen vier Jahren gesammelt habe, mit so vielen verschiedenen Leuten zu diskutieren und zu planen, das hat meine Studienzeit unglaublich bereichert."

Miete: 270 Euro

Wohnfläche: 14 m²

Das sagen die Freunde: "Cool, dass ihr das in die Hand nehmt!"

Das nervt: "Die dünnen Wände. Einer meiner Mitbewohner ist Musiker. Die anderen hören gern Techno. Da fühle ich mich manchmal wie im Club."

Übrigens: Auch in anderen Städten gibt es selbst verwaltete Wohnheime: in München die Wohnheimsiedlung Massmannplatz e. V. oder das Hans-Dickmann-Kolleg in Karlsruhe.
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Bei Mama und Papa oder in Chemnitz

Trick 3: Wohnen bei Mama und Papa

Eigentlich wollte Chiara Berckhahn, 21, in eine WG ziehen. Dann blieb sie doch lieber bei ihrer Mutter Iris und ihrem Vater Rüdiger.

"Mein Plan stand fest: Ich wollte bei meinen Eltern ausziehen, aber in Hannover bleiben, weil fünf meiner engsten Freundinnen, meine Mädels-Clique, hier leben. Doch dann bekam ich erst vier Tage vor Semesterstart eine Zusage für meinen Studienplatz in Public Relations. Erst fehlte mir die Zeit, mir eine eigene Wohnung zu suchen. Später bot mir eine Kommilitonin zwei freie Zimmer in ihrer WG an. Die Wohnung war klein, das eine Zimmer hatte nur knapp 12 Quadratmeter und sollte 300 Euro kosten, das andere war nicht viel größer und kostete 100 Euro mehr. Weil ich kein Bafög bekomme und meine Eltern nicht mein Studium finanzieren können, hätte ich mir einen Job suchen müssen. Das wollte ich nicht. Ich merkte auf einmal, was für ein Glück ich hatte: Ich konnte in meinem Kinderzimmer wohnen, auf fast 20 Quadratmetern, für null Euro Miete. Trotzdem haben wir WG-Feeling: Mal bringe ich den Müll raus, hänge die Wäsche auf oder wasche Geschirr ab. Ich bügele auch selbst. Als Heimchen würde ich mich nicht bezeichnen. Nach dem Abitur habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur gemacht. Dafür zog ich nach Berlin und arbeitete in der PR-Abteilung beim Staatsballett. Wir saßen zu fünft in einem Büro, immer telefonierte irgendwer. Ich wohnte während der Zeit in der Wohnung von Bekannten, zwei Zimmer in Zehlendorf. Abends genoss ich meine Freiheit. Und meine Ruhe. Nach dem FSJ backpackte ich mit einer Freundin für sechs Monate durch Thailand, Laos und Kambodscha. Danach kauften wir uns in Neuseeland einen Van und fuhren durchs Land. Gegen Ende merkte ich, wie sehr mir meine Eltern und Freunde fehlten. Natürlich ist es nicht immer einfach, noch bei den Eltern zu leben. Ich bin ihr einziges Kind und bekomme viel Aufmerksamkeit. Oft fragen sie, was ich abends vorhabe. Das nervt manchmal. Um das zu reduzieren, haben wir eine Familienkalender-App. Das wäre auch nicht anders, wenn ich allein leben würde. Dann würden sie mich häufiger anrufen."

Miete: 0 Euro

Wohnfläche: 20 m²

Das sagen die Freunde: "Ach, da kannst du ja viel Geld sparen!"

Das nervt: "Der Weg in die Stadt. Nachts fährt nur einmal die Stunde ein Bus. Nach dem Feiern schlafe ich deshalb bei Freunden."

Übrigens: Die Familie hat ein gemeinsames Ritual: regelmäßige Cocktailabende. Ihr Lieblingscocktail: "Lady Killer". 3 cl Gin, 1 cl Apricot Brandy, 1 cl Cointreau, 5 cl Ananassaft und 5 cl Maracujasaft. Prost!
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Trick 4: Wohnen im Chemnitz

Am Anfang wusste Alex Bertram, 23, nicht einmal genau, wo Chemnitz liegt. Jetzt will er dort gar nicht mehr weg.

"Meine Wohnungssuche in Chemnitz war ein einziger Triumphzug: Ich schaute mir vier Wohnungen an und bekam vier Zusagen, sofort. Wo hat man sonst so eine Auswahl? In München, Hamburg oder Düsseldorf bestimmt nicht. Ich bin vor vier Jahren in eine 49-Quadratmeter-Wohnung gezogen, dafür zahle ich heute 350 Euro. Das ist für die Größe hier normal. Ich gönne mir das, denn natürlich könnte ich auch günstiger wohnen: Eine Freundin hat in einer Dreier-WG gewohnt und für 25 Quadratmeter 220 Euro gezahlt. Im Wohnheim leben Kommilitonen für 190 Euro im Monat.

Als ich mich für Chemnitz entschieden habe, wusste ich nicht genau, wo die Stadt liegt. Ich wusste auch nicht, dass es eine der günstigsten Studentenstädte ist. Ich wollte Interkulturelle Kommunikation studieren, und das hatte ich sonst nur in Heilbronn und Passau gefunden. Ich komme aus Aachen, da lagen alle drei Städte weit weg. Vielleicht lockte mich die Ungewissheit.

Chemnitz ist auch eine der ältesten Städte, was die Einwohner betrifft. Von den etwa 250.000 Chemnitzern sind nur etwa 11.000 Studenten. Der Großteil sind Rentner. Bei der vergangenen Wahl haben 24 Prozent AfD gewählt. Das ist erschreckend, aber im Alltag bekomme ich davon wenig mit. Ich muss auch gestehen: Das Zentrum finde ich nicht besonders schön. Und in den Außenbezirken gibt es viel Grau, viel Platte, aber das ist in anderen Städten auch so.

Mir gefällt Chemnitz vor allem wegen des Marktplatzes und des Stadtteils Kaßberg. Er gilt als eines der größten Jugendstilviertel Deutschlands, hat prächtige Häuser und verzierte Fassaden. Ich mag auch, dass Chemnitz überschaubar ist. Wenn ich unterwegs bin, treffe ich meistens jemanden, den ich kenne. Im Gegensatz zu meinen Freunden, die in Köln studieren. Die erzählen mir, dass sie in jeder Vorlesung neben anderen Leuten sitzen. Das kann mir in Chemnitz nicht passieren. Nicht nur unter Studenten läuft man sich immer wieder über den Weg. Auch die Jungs der Band Kraftklub, die wohl berühmtesten Chemnitzer, sehe ich ab und zu auf der Straße. Einmal kamen sie sogar zur Weihnachtsparty unserer Fachgruppe. Dem Vater des Sängers und des Bassisten gehört auch der Atomino-Club, der sehr beliebt ist bei Studenten. Hip-Hop-, Rock- oder Techno-Clubs gibt es aber auch.

Leider ist meine Zeit in Chemnitz bald vorbei. Gerade schreibe ich meine Bachelorarbeit. Danach möchte ich noch einen Master machen. Was genau ich studieren werde, weiß ich noch nicht. Was sicher ist: Ich möchte im Osten bleiben und weiter wenig Miete zahlen. Daran habe ich mich gewöhnt. Vielleicht gehe ich nach Jena. Da sollen die Mieten auch ziemlich günstig sein."

Miete: 350 Euro

Wohnfläche: 49 m²

Das sagen die Freunde: "Boah! Das ist ja unglaublich günstig!"

Das nervt: "Die Hauptstraße vor der Tür."

Übrigens: Auch Magdeburg ist günstig (die Miete für ein WG-Zimmer lag hier laut empirica-Preisspiegel im Sommersemester 2018 bei 245 Euro). Weitere Hochschulstädte mit verhältnismäßig niedrigen Mieten: Halle an der Saale (250 Euro), Leipzig (260 Euro), Erfurt (277 Euro) und Jena (280 Euro).
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Wohnen und helfen oder wohnen und pendeln

Trick 5: Wohnen und helfen

In München studiert Tobias Polsfuß, 25, "Gesellschaftlichen Wandel und Teilhabe". Er lebt mietfrei, weil er Behinderten hilft.

"Nach dem Abi ging ich für einen Freiwilligendienst nach Athen und arbeitete in einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderungen. Dabei fiel mir auf, dass ich in den ersten 19 Jahren meines Lebens kaum Kontakt zu behinderten Menschen hatte. Das hat mich irritiert: Es gibt Berechnungen, dass etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung Anspruch auf einen Behindertenausweis haben. Das sind mehr als acht Millionen Menschen. Wo leben sie? Als ich dann vor fünf Jahren in München ein WG-Zimmer suchte, stieß ich auf den Verein Gemeinsam leben lernen. Dort wohnen fünf Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen zusammen mit vier Menschen ohne Behinderung. Ich überlegte nicht lange, bewarb mich und zog ein. Auch wenn ich sagen würde, dass wir eine normale WG sind, unterscheidet sich mein Leben natürlich von dem anderer Studenten. Wir müssen keine Miete zahlen, dafür einmal in der Woche und alle vier Wochenenden Assistenzdienste leisten. Jede Woche habe ich einen Spätdienst, das heißt: Eine Fachkraft und ich kochen mit den Bewohnern, helfen beim Duschen. Anschließend habe ich die Nacht über Bereitschaftsdienst, sollte ein Notfall passieren. Und am nächsten Morgen muss ich dafür sorgen, dass alle pünktlich zu ihren Jobs in die Werkstätten kommen. Zudem muss ich einmal im Monat den Wochenenddienst übernehmen. Da machen wir häufig Ausflüge, fahren ins Kino, veranstalten Sommerfeste. Vergangenes Jahr haben wir eine andere inklusive WG in Bonn besucht. Nur wenige wissen, dass es solche Wohnkonzepte gibt. Deshalb habe ich 2016 die Plattform WOHN:SINN gegründet. Dort vernetzen sich inklusive Wohnprojekte in ganz Deutschland. Ich kenne inzwischen etwa fünfzig solcher WGs. Und was mich freut: Es werden immer mehr."

Miete: 0 Euro (136 Euro Haushaltsgeld und Internet)

Wohnfläche: 11 m²

Das sagen die Freunde: "Egal ob man schon mal da war oder nicht – zur Begrüßung wird man immer stürmisch umarmt."

Das nervt: "Dass unser Garten manchmal als Mülleimer der Nachbarn dient"

Übrigens: Auch mit Senioren kann man günstig wohnen: Etwa zwanzig Studentenwerke vermitteln über das Projekt "Wohnen für Hilfe" Wohnpartnerschaften zwischen Jung und Alt.
Aufgezeichnet von Christopher Piltz

Trick 6: Wohnen und pendeln

Pendeln nach Potsdam ist für Anne-Kathrin Gräfe, 28, eine Auszeit. Dort studiert sie englische Literatur- und Kulturwissenschaft.

"Ich habe es mal nachgerechnet: In den vergangenen sieben Jahren habe ich 1700 Stunden in Regionalexpressen verbracht. Es hat mir nichts ausgemacht. Ich gehöre zu den 56 Prozent der Studenten an der Universität Potsdam, die in Berlin wohnen und pendeln. Zugegeben: Nicht jeder Kiez in Berlin ist als Wohnort für die Reise nach Potsdam geeignet. Aber in Charlottenburg, Moabit oder Wedding, wo ich wohne, ist die Anbindung super. Da brauche ich nicht mal eine Stunde. Günstig findet man in Potsdam kaum ein Zimmer, die meisten kosten um 400 Euro. Die Wartezeiten auf Wohnheimplätze sind so lang, dass das Studium schon fast wieder vorbei ist, wenn man einziehen kann. Außerdem möchte ich das Leben in Berlin nicht missen.

Was ich am Pendeln mag: Jede Fahrt ist eine kleine Gesellschaftsstudie. Morgens um kurz nach acht steigt am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße immer der gleiche Tross ein, der in Potsdam arbeitet. Wie ein rauchender Hogwarts-Express schiebt sich der Regionalexpress dann nach Brandenburg. Im Herbst und Winter kann ich früh den Sonnenaufgang beobachten. Und zwar ganz in Ruhe, denn morgens um acht gilt im Regio: Niemand spricht! Erst um die Mittagszeit lockert sich das auf. Dann trifft man fast nur Studenten, die sich über blöde Profs, stressige Klausuren und die letzte Party unterhalten. Oder Senioren, die aufgeregt sind, gleich die Potsdamer Schlösser zu erkunden.

Egal wann ich fahre: Genug Ruhe, um im Zug Texte zu lesen, habe ich leider nicht. In den ersten Semestern habe ich es trotzdem versucht. Dabei habe ich gelernt, Texte, die ich fürs Seminar lesen muss, so zu überfliegen, dass das Wichtigste hängen bleibt. Heute nutze ich meine Fahrt als Auszeit. Von der Uni, der WG, dem Alltag. Im Regio kann ich abtauchen, durch Magazine blättern oder Podcasts hören. Eine Fahrt dauert übrigens lang genug, um eine Folge Friends zu streamen."

Miete: 310 Euro

Wohnfläche: 15 m²

Das sagen die Freunde: "Boah, ist das nicht anstrengend?"

Das nervt: "Streitende Paare auf der Straße am Samstagmorgen."

Übrigens: Mit dem Semesterticket der Uni Marburg darf man IC-Strecken und über Landesgrenzen fahren, mit dem Ticket der Uni Hannover durch Niedersachsen und zwischen Bremen und Hamburg. Und mit dem Ticket der Unis in Köln, Bielefeld oder Münster durch ganz NRW.
Aufgezeichnet von Katharina Meyer zu Eppendorf

Es fehlen Wohnheimplätze

Warum werden nicht mehr Wohnheime gebaut?

Mitten in Hamburg entsteht eine kleine Utopie. In dieser Stadt, in der Studenten mehr für Mieten ausgeben als fast überall sonst in Deutschland, wird ein Wohnheim in Luxuslage gebaut. Bezahlbare und zentrale Zimmer sind in Hamburg und vielen anderen Städten rar. Das neue Wohnheim hat günstige Mieten. Und man ist mit dem Rad in fünf Minuten am Hauptbahnhof und in einer Viertelstunde an der Uni.

Es gibt eine Tiefgarage für Fahrräder. Einen Fitnessraum, der sich über zwei Stockwerke erstreckt. Von der Dachterrasse blickt man auf die Elbphilharmonie, die in der Sonne glitzert, auf die Containerterminals und Hafenkräne. Und in die Wohnzimmer der Penthousewohnungen auf der Straßenseite gegenüber. Diese Eigentumswohnungen dürften mehr als eine Million Euro gekostet haben. Im Wohnheim bekommt man den gleichen Ausblick für weniger als 400 Euro Miete im Monat (inklusive Heizung, Wasser, Strom, WLAN, Fitness).

In vielen Hochschulstädten steigen die Mieten. In Hamburg zahlen Studenten durchschnittlich 374 Euro Kaltmiete. Das zeigt die aktuelle Sozialerhebung . Teurer ist nur München mit 375 Euro, der Bundesschnitt liegt bei 323 Euro. Schaut man sich nur die Neuvermietungen an, sind die Preise noch höher: Eine Auswertung der Wohnungsanzeigen auf studenten-wg.de ergibt für Hamburg eine durchschnittliche Kaltmiete von 389 Euro pro Zimmer. Zum Vergleich: Im Bafög sind gerade mal 250 Euro für Wohnkosten vorgesehen.

Ein Faktor der Mietpreisentwicklung ist die steigende Nachfrage: Seit Jahrzehnten leben immer mehr Menschen allein, deshalb werden mehr Wohnungen gebraucht. In Hamburg wird inzwischen jeder zweite Haushalt von nur einer Person bewohnt, wie die Daten des Statistikamts Nord zeigen. Außerdem wollen viele Leute in denselben Vierteln wohnen: Familien ziehen nicht mehr selbstverständlich ins Einfamilienhaus am Stadtrand. Selbst Wohlhabende drängen in einstige Arme-Leute-Viertel wie St. Pauli, weil es als cool gilt, dort zu leben. Mit der Nachfrage steigen die Preise für Grundstücke, für Eigentumswohnungen und die Mieten. Das ist, wirtschaftlich betrachtet, ein ganz normaler Prozess.

Studenten sind Leidtragende dieser Entwicklung und zugleich Teil des Problems. In Hamburg beginnen jeden Herbst 12.000 Erstsemester, etwa zwei Drittel davon ziehen neu in die Stadt. Sie konkurrieren dann mit Hartz-IV-Empfängern, Alleinerziehenden und anderen um Zimmer. Die Frage, wo Studenten wohnen können, betrifft deshalb nicht nur Studenten. Es geht hier um ein politisches Problem.

Eine Lösung könnte sein, dass der Staat das Bafög erhöht. Dann wären Studenten im Wohnungsmarkt konkurrenzfähiger. An den hohen Mieten würde das aber nichts ändern und auch nicht an der Verdrängung anderer sozialer Gruppen. Eine Alternative: Der Staat könnte den Studentenwerken mehr Geld geben, um Wohnheime zu bauen. Die werden ohne Gewinnabsicht betrieben, deshalb sind die Mieten dort günstiger. Das würde unmittelbar nur den Studenten helfen, aber zugleich etwas Druck vom freien Wohnungsmarkt nehmen. Das könnte die Lage für alle Wohnungssuchenden verbessern.

Die Bundesregierung hat sich für die zweite Lösung entschieden. Sie verpflichtet sich in ihrem Koalitionsvertrag zur "Schaffung studentischen Wohnraums, u. a. auch Wohnheimplätze". Dieses Bekenntnis ist gut, aber es kommt sehr spät. Denn seit Jahren gibt es immer mehr Studenten. Das ist politisch so gewollt. Nur wo die wohnen sollen, hat in der Politik offenbar viele Jahre lange niemanden so richtig gekümmert. Achim Meyer auf der Heyde, der den Dachverband der Studentenwerke leitet, sagt: Es gebe heute zwar 44 Prozent mehr Studenten als noch vor zehn Jahren, aber nur sieben Prozent mehr staatlich geförderte Wohnheimplätze.

Das war mal anders: In den Siebziger- und Neunzigerjahren hatte die Bundesregierung auf steigende Studentenzahlen reagiert, und Geld für den Wohnheimbau lockergemacht. Doch dann wurden die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern im Jahr 2006 neu aufgeteilt. Der Wohnheimbau war nun Ländersache. Die meisten Bundesländer konnten oder wollten das aber nicht leisten. 2015 stellte der Bund noch mal 120 Millionen Euro für neue Studentenwohnheime zur Verfügung, eine ordentliche Summe. Doch die Regeln für die Nutzung des Geldes waren so kompliziert, dass viele es gar nicht haben wollten. Mehr als 80 Millionen Euro blieben liegen.

In Zukunft soll alles wieder einfacher werden. Dafür sortieren Bund und Länder ihre Zuständigkeiten nun noch einmal neu. Das sogenannte Kooperationsverbot soll fallen, dafür muss jedoch erst das Grundgesetz geändert werden, kein einfacher Prozess. Meyer auf der Heyde sagt: Wenn alles kommt, wie geplant, könnten ab 2020 wieder in größerem Stil Wohnheime gebaut werden.

Dass ausgerechnet in der luxuriösen HafenCity in Hamburg schon jetzt ein Wohnheim eröffnet, liegt nicht an der Bundesregierung: Das Grundstück gehört dem Land Hamburg. Anders als private Eigentümer, die an den Meistbietenden verkaufen, regelt das Land durch strenge Auflagen, wer was wo in der HafenCity bauen darf. Das Ziel ist eine "gute soziale Durchmischung" des neuen Stadtteils. Es ist also gewollt, dass Millionäre und Studenten hier Nachbarn sind.

In dem Wohnheim werden 128 Studenten unterkommen. Die Probleme auf dem Wohnungsmarkt lindert das kaum. Aber es zeigt, was möglich ist, wenn die Bedingungen stimmen: wenn Landespolitiker Verantwortung übernehmen. Wenn Bauland nicht an Meistbietende vergeben wird, sondern auch an Bedürftige. Und wenn das örtliche Studentenwerk an das nötige Geld kommt, um bauen zu können. Dann ist es möglich, dass kleine Utopien entstehen. Und daran können sich andere Hochschulstädte ein Beispiel nehmen.
Von Oskar Piegsa

Wohngemeinschaft mit Freunden

Wie klappt es mit dem besten Freund?

Christine Geschke, 47, arbeitet als Psychologin und Paartherapeutin in Hamburg-Eppendorf.

ZEIT Campus: Wenn zwei Freunde beschließen, zusammen in eine WG zu ziehen: Halten Sie das für eine gute Idee?

Christine Geschke: Grundsätzlich ja. Beide müssen sich auf einen gemeinsamen Alltag einlassen, dürfen nicht zu viel erwarten und müssen lernen, über mögliche Probleme zu sprechen. Das ist in einer WG wie in einer Beziehung.

ZEIT Campus: In vielen Fällen klappt das nicht. Und dann fliegen die Schwämme durch die Küche, weil einer nicht abgewaschen hat ...

Geschke: Probleme sind im Zusammenleben normal. Sie müssen die Konflikte fair austragen. Dabei ist es wichtig, dass sowohl die eigenen als auch die Bedürfnisse des anderen geachtet werden.

ZEIT Campus: Wie geht das?

Geschke: Reden Sie miteinander! Dabei kann ein Ritual helfen. Setzen Sie sich einmal im Monat zusammen, und fragen Sie sich: Was läuft gut, was nicht? Beschreiben Sie das Anliegen, bewerten Sie es nicht. Sagen Sie: Leider kann ich nicht einschlafen, wenn um 23 Uhr noch laut Haftbefehl läuft. Auch Regeln wie ein Putzplan können helfen. Das ist eine Vereinbarung, wie man zusammenleben möchte.

ZEIT Campus: Manche Mitbewohner können nicht sagen, was sie stört. Sie räumen lieber passiv-aggressiv die Spülmaschine ein.

Geschke: Dann geht es meistens um Grundsätzliches. Um Verhaltensweisen, die schon lange stören. Um Bedürfnisse, die schon lange nicht erfüllt werden. Hier kann es helfen zu sagen: Ich habe das Gefühl, dass du dich nicht wohlfühlst, stimmt das? Wenn das immer noch nicht hilft, sollte man überlegen, eine dritte Instanz einzuschalten. An vielen Hochschulen gibt es Angebote von Mediatoren, die noch in Ausbildung sind und ihr Wissen gerne weitergeben. Manchmal ist es aber auch besser, allein zu wohnen.

ZEIT Campus: Warum?

Geschke: Das kann helfen, sich wieder mehr mit sich selbst zu beschäftigen. Denn wenn man mit dem Partner zusammenwohnt oder in einer WG, kann es passieren, dass das "Wir" wichtiger wird als das "Ich". Sich ständig anzupassen und Rücksicht zu nehmen macht einen nicht zu einem sozialeren Menschen. Das kann so einengend sein, dass man womöglich mit Wut und Frust reagiert.
Interview: Katharina Meyer zu Eppendorf

Die Rechte der Mieter

Welche Rechte haben Mieter?

Reiner Wild, 64, arbeitet seit mehr als dreißig Jahren beim Berliner Mieterverein e. V., heute als Geschäftsführer.

ZEIT Campus: Herr Wild, seit drei Jahren gibt es ein Gesetz, das dafür sorgen soll, dass die Kosten fürs Wohnen nicht noch schneller steigen. Wie kann mir die Mietpreisbremse helfen, eine günstigere Wohnung zu finden?

Reiner Wild: Erst einmal müssen Sie klären, ob Ihre Stadt oder Ihr Stadtteil als Gebiet mit angespanntem Wohnungsmarkt ausgewiesen ist. Dort ist die Miete bei Wiedervermietung gedeckelt und darf maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Die Infos darüber bekommen Sie bei der Stadt oder beim Mieterverein. Wer in einem solchen Gebiet wohnt und mehr zahlt, sollte vom Vermieter die Erläuterung der geforderten Miete verlangen. Die Auskunft ist wichtig, denn es gibt leider sehr viele Ausnahmen von der Mietpreisbremse. Etwa wenn schon die Vormieter mehr bezahlt haben.

ZEIT Campus: Viele Vermieter fordern von Studenten hohe Kautionen, manche zusätzlich eine Bürgschaft der Eltern. Ist das erlaubt?

Wild: Der Vermieter kann zu Beginn eine Sicherheit verlangen für den Fall, dass der Mieter seine Miete mehrere Monate nicht bezahlt. Diese Sicherheit darf aber maximal drei kalte Monatsmieten betragen. In einer Bürgschaft kann für größere Summen garantiert werden, aber nur, wenn der Bürge sie unaufgefordert gibt. Die Vermieter achten natürlich darauf, dass der Bürgschaftstext entsprechend wie eine freiwillige Erklärung formuliert ist. Da kann man wenig machen.

ZEIT Campus: Und dann bin ich eingezogen, der Winter ist da, die Heizung kaputt, und der Vermieter rührt sich nicht. Was mache ich?

Wild: Sie fordern ihn schriftlich zur Mängelbeseitigung auf und setzen eine angemessene Frist. Bei kleineren Schäden wären das ein bis zwei Wochen. Wenn die Heizung mitten im Winter ausfällt, darf man erwarten, dass sie innerhalb von zwei bis drei Tagen repariert wird.

ZEIT Campus: Kann ich in der Zeit die Miete mindern?

Wild: Ja, aber viele Mieter überschätzen, wie viel sie mindern dürfen. Dabei geraten sie schnell in Mietrückstand und riskieren eine Kündigung. Es gibt sichere Wege, um den Vermieter unter Druck zu setzen.

ZEIT Campus: Und zwar?

Wild: Kündigen Sie an, dass Sie einen Teil der Miete zurückbehalten. Der Unterschied: Ist der Mangel beseitigt, bekommt der Vermieter die zurückbehaltene Summe, anders als bei der Mietminderung. Das ist wie eine Kaution – nur auf Mieterseite. Bei Mängeln ist sicher ratsam, eine Mietrechtsberatung in Anspruch zu nehmen.
Interview: Bernd Kramer