Achterbahnfahren ist leicht. Eine bauen: kompliziert. Und es kann viel dabei schiefgehen. Der Ingenieur Felix Koch, 28, steht vor der größten Aufgabe seiner Karriere.

Gemeinsam mit seinen Kollegen wuchtet Felix Koch die Testpiloten in die Achterbahn. Es sind blaue, mit Wasser gefüllte Dummys, jeder so groß wie ein Mensch und 100 Kilogramm schwer. Dann geht Koch die Achterbahn mit ihren scharfen Kurven noch ein letztes Mal durch. Er prüft jede Schraube, sammelt herumliegende Werkzeuge ein. Koch ist aufgeregt, in der Nacht hat er kaum geschlafen. Trotzdem wirkt er hellwach und konzentriert. Wenn die künstlichen Testpiloten die Fahrt überstehen, wenn sie nicht aus den Wagen geschleudert werden oder gegen Stahlträger knallen, wenn also alles gut geht, dann können bald auch Menschen in der Achterbahn fahren. "Endlich sehen wir, ob sich die Arbeit der letzten zwei Jahre gelohnt hat", sagt Koch.

Felix Koch, 28, ist Ingenieur. © Evelyn Dragan

Felix Koch, 28 Jahre, Sommersprossen, athletische Figur, ist Ingenieur für Achterbahnen und Fahrgeschäfte bei der Firma Mack Rides. Das Familienunternehmen, gegründet 1780, arbeitet für Vergnügungsparks in aller Welt: Japan, China, USA. Auch ein eigener Freizeitpark gehört zum Imperium: Der Europa-Park Rust. Seit knapp zwei Jahren verantwortet Koch hier den Umbau der Eurosat, einer Dunkelachterbahn, in der die Züge mit bis zu 60 Kilometer pro Stunde durch eine 45 Meter hohe Kuppel aus Stahl sausen. Der Umbau verschlingt anderthalb Jahre Entwicklungsarbeit und mehr als 10 Millionen Euro. Für Felix Koch ist es das bislang größte Projekt seiner Karriere. Eine Riesenverantwortung. Und ein Wettlauf gegen die Zeit: Bereits Monate vor der Fertigstellung der Achterbahn hat die Parkleitung begonnen, die neue Sommer-Attraktion zu bewerben.

Als Koch im März 2018 durch eine Tür in die Stahlkuppel der Eurosat schlüpft, schießen dort Gerüststangen in die Höhe wie ein Bambuswald aus Eisen. Wie ein Wurzelgeflecht haben Gerüste und Schienen sich während der Bauarbeiten ineinander verschlungen. Koch zwängt sich durch Klappluken hoch hinauf, wo seine Kollegen schon warten. An einem Kranseil baumelt eine rote Schiene: zehn Meter lang, 800 Kilogramm schwer. Sieben Männer wuchten die Schiene mit Kettenzügen in die Waagerechte, richten sie aus, lösen sie vom Kran, verzapfen und verschrauben sie mit einer anderen Schiene. Baulärm hallt durch die Kuppel, mit armlangen Schraubenschlüsseln drehen die Männer faustgroße Muttern fest. Als Projektleiter und Supervisor ist es Kochs Job, alle Fäden zusammenzuführen und den Bau zu kontrollieren. "Wenn sie mich nicht rufen, ist es gut, dann läuft’s", sagt Koch. Im Juli sollen 870 Meter Achterbahn stehen, an den Bauzäunen draußen drängen sich bereits neugierige Besucher vorbei, doch noch ist viel zu tun.

Das Geschäft mit den Achterbahnen boomt: Rund 39 Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr einen Freizeitpark in Deutschland. Das meldete der Fachverband VDFU. Es entspricht der Hälfte aller Menschen, die in Deutschland leben. Neue Vergnügungsparks entstehen vor allem in Asien, wo eine wachsende Mittelschicht Geld für Spaß und Freizeit ausgibt. Der Europa-Park Rust ist mit seiner Fläche von 95 Hektar und zuletzt 5,6 Millionen Besuchern im Jahr Deutschlands größter Freizeitpark. Manche Besucher sind Fans und kommen immer wieder hierher. Trotzdem muss sich der Park alle paar Jahre neu erfinden, sonst laufen ihm die Kunden davon. Allein in dieser Saison wird in Rust mit 14 Neuheiten geworben, die neue Eurosat ist dabei das Highlight. Für die Betreiber des Europa-Parks ist sie mehr als nur ein Fahrgeschäft: Sie ist das Wahrzeichen des Parks, 1989 erbaut vom Park-Gründer Franz Mack. "Die Bahn verbindet Generationen", sagt Felix Koch, "von der Oma bis zum Enkel ist in den letzten dreißig Jahren jeder damit gefahren."

Die Eurosat soll behutsam weiterentwickelt und zugleich ganz anders werden: Statt wie bisher durchs dunkle Weltall zu rattern, sollen Besucher durch das nächtliche Paris des 19. Jahrhunderts gleiten, über das Moulin Rouge und den Eiffelturm hinweg. Sie können aber auch einen anderen Eingang wählen und sich in derselben Achterbahn mit einer Virtual-Reality-Brille durch ein Weltraum-Szenario schießen lassen. Zwei Erlebnisse in einer Bahn, das bewirbt der Park als Weltneuheit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

"Eine Achterbahn zu bauen ist ziemlich kompliziert", sagt Felix Koch. "Jede ist ein Unikat." Anders als Autos gehen Achterbahnen nie in Serie. Dazu kommt, dass die alte Bahn nach Handzeichnungen gebaut wurde, die während des Umbaus nachgebessert werden müssen. Koch muss deshalb immer wieder gegenprüfen, nachmessen. "Wir müssen penibel arbeiten, damit Anfang und Ende der Schienen auch wirklich ineinanderpassen", sagt er. Die 120 neuen Schienen haben Koch und seine Kollegen geplant. Nicht von Hand, sondern zehntelmillimetergenau am Computer. Koch operiert an der Achterbahn so präzise wie ein Chirurg am offenen Herzen.

Seinen stählernen Patienten kennt er schon seit der Kindheit. Felix Koch ist in der Nähe des Europa-Parks aufgewachsen. In einem Dorf zwischen Schwarzwaldbergen und Rebstöcken, 50 Kilometer von Rust entfernt. "Hier ist es normal, dass man einmal im Jahr in den Europa-Park fährt", sagt er. Er erzählt, dass seine Eltern ihn schon als Baby mit in den Park genommen haben. Zu Geburtstagen fuhr sein Onkel später oft mit ihm nach Rust, um ihm die große Welt im Kleinen zu zeigen: Italien, Island, Frankreich als Themenwelten. Damals stand Felix Koch vor der großen Silberkugel wie vor einem Rätsel: "Ich musste immer draußen warten."

Als er im Alter von sechs Jahren endlich selbst mitfahren durfte, hatte er in der Dunkelheit mehr Angst als Spaß. Im Hellen wirkt die Eurosat zwar harmlos, ohne Loopings und freien Fall. Doch weil die Fahrt durchs Dunkle führt, verlieren die Fahrgäste leicht die Orientierung. Es ist ein schmaler Grat zwischen Nervenkitzel und dem Gefühl von Kontrollverlust. Heute habe er keine Angst mehr, sagt Koch. Er kennt ja jede Kurve, jede Schraube.