Autoren und Fotografen von ZEIT Campus empfehlen die Bücher, die sie am meisten geprägt haben

John Berger und Jean Mohr: "Eine andere Art zu erzählen"

"Das Cover fiel mir in der Bibliothek auf: ein Bild von einem Gaul. Immer wieder lief ich daran vorbei, irgendwann lieh ich das Buch aus. Ich war schon im Master in Fotografie, doch je mehr ich lernte, desto mehr verwirrte mich mein Medium. Der Essay von Berger und Mohr entpuppte sich als Erleuchtung. Die Autoren erklären anhand einer fiktiven Geschichte, wann Fotografie funktioniert. Ich fing an zu verstehen, warum mir einige Fotos gefallen und andere nicht. Durch dieses Buch wurde ich ein besserer Fotograf."

Ricardo Alves Ferreira Nunes, 32, hat an der HFK Bremen studiert. Er überlegt, sich eine Skizze aus dem Buch als Tattoo stechen zu lassen.

Judith Butler: "Frames of War"

"Das Buch war Pflichtlektüre für ein Seminar. 'Judith Butler', dachte ich, 'ist das nicht furchtbar schwer?' Ja, war es: furchtbar und schwer. Ich quälte mich durch Sätze über sieben Zeilen, gleich das erste Wort der Einleitung musste ich nachschlagen: precarious. Doch obwohl ich nur ahnte, was da stand, war ich davon berührt. Precariousness bedeutet Verletzlichkeit. Jedes Leben sei verletzlich, schreibt Butler. Aber jede Gesellschaft, jeder Krieg tut einigen Leben weniger weh und anderen mehr. Mehr habe ich nicht verstanden. Aber daran denke ich noch oft."

Hannah Bley, 24, hat einen Bachelor in Südasienstudien.

Joan Didion: "Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben"

"Didion lesen, das war für mich ein Erlebnis, so beeindruckend, wie die Sphinx zu sehen. Ich entdeckte sie in einer Buchhandlung. Auf einem Stapel lag Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, eine Sammlung von Didions Reportagen. Ich wusste damals nicht, dass sie eine Ikone ist. Aber dann las ich in diesem Buch über die Hippies und die Frauenbewegung der 1960er und 1970er, las und las und wusste: Das hier bleibt für immer. Jede Zeile war scharf, schlau, wohlüberlegt. Dass Schreiben Kraft kostet, lernte ich von diesen Sätzen."

Martina Kix, 33, hat Geschichte, Biologie und Publizistik in Bielefeld und Berlin studiert.

Frank Netter: "Atlas der Anatomie"

"Der Tutor meines Leichenkurses empfahl mir einen alten Atlas mit anatomischen Zeichnungen. Ich war sofort fasziniert. Der Verfasser, Frank Netter, 1906 geboren, war eigentlich ein Arzt. Seine Leidenschaft galt aber der Illustration. In seinem Atlas sind alle Organe detailgetreu gezeichnet, im Querschnitt und aus verschiedenen Perspektiven. Obwohl es heute Anatomie-Apps mit 3-D-Darstellungen gibt, sind es Netters Bilder, durch die ich verstehe, wie menschliche Körper funktionieren."

Clara Hellner, 21, studiert im fünften Semester Medizin. Sie wohnt in Berlin.

Ulrich Schnabel: "Muße. Vom Glück des Nichtstuns"

"Ich hetzte der Abgabefrist meiner Bachelorarbeit entgegen, plante einen Umzug, war gestresst. Und mein Freund? War gestresst von mir. Wir hatten einen heftigen Streit. Dann schickte er mir ein Buch. Ich war sauer. Als ob ich Zeit hätte zu lesen! Für eine Zugfahrt nahm ich es trotzdem mit und las: Warum Zeitmanagement-Methoden unsinnig sind. Und dass aus dem Fenster zu schauen mein Gehirn fitter macht als eine Tasse Kaffee. Nach der Lektüre schmiss ich meinen Zeitplan weg. Der Stress blieb, wurde aber erträglicher. Das Buch hat meine Bachelorarbeit gerettet. Vielleicht sogar meine Beziehung."

Marianne Ruhnau, 27, studiert Kriminologie in Hamburg. Übrigens: Ulrich Schnabel ist Redakteur im Wissen-Ressort der ZEIT.

John Steinbeck: "Jenseits von Eden"

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

"In den Vorlesungen sprach meine Professorin über die Klassiker der amerikanischen Literatur, aber lesen mussten wir sie nicht. Der Kanon galt als zu weiß, zu männlich. Stattdessen sollten wir Bücher über Vampire durcharbeiten oder Storys mit Sexszenen zwischen Aliens und schwarzen Frauen. Damit konnte ich nichts anfangen. Die Figuren waren unnahbar, die Plots banal. Zu Hause las ich Nabokov, Fitzgerald und Steinbeck. Das sind tote, weiße Autoren, aber sie erzählen starke Geschichten. Jenseits von Eden habe ich gleich zweimal gelesen. Anders hätte ich das Semester nicht überstanden."

Franca Forth, 27, hat Amerikanistik in Leipzig und Berlin studiert. Die erotischen Alienbücher wollte sie Antiquariaten schenken. Die lehnten ab.

Christa Wolf: "Der geteilte Himmel"

"Als ich anfing, in Berlin zu studieren, entdeckte ich beim Spazierengehen ein Haus, auf dessen Fassade in großen Buchstaben zu lesen war: 'Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.' Erst stutzte ich, weil ich dachte, das Haus sei woanders erbaut und hierher versetzt worden. Bis mir aufging, dass die DDR gemeint war. Und erst als ich einige Jahre später Der geteilte Himmel las, verstand ich, was es heißt, in einem Land zu leben, das seine Bürger einsperrt. Und wie schwer es sein kann, dort wegzugehen. Selbst wenn die Person, die man liebt, das tut."

Hannes Schrader, 27, studierte Geschichte und VWL. Er wurde in Hessen geboren.