Vielfalt nützt dem Geschäft. Das glauben zwei Drittel aller deutschen Unternehmen. Doch nur ein Drittel tut auch etwas dafür, die Diversität in der Belegschaft zu fördern, heißt es in einer Studie der Initiative "Charta der Vielfalt". Wir haben Mittelständler und Familienunternehmen besucht, die es besser machen wollen. Die Frauen fördern, Behinderte beschäftigen und Menschen aus vielen Nationen zusammenbringen.

Emmanuel lächelte zu viel. Das habe seine Kollegen am Anfang sehr verunsichert, sagt er, vor allem die Frauen. Sie fragten sich: Will der was von mir? Ist das eine Anmache? Das Team wurde unruhig, die Geschäftsführung musste mit dem Nigerianer sprechen, der vor zwei Jahren nach Deutschland kam, ihm erklären, dass hier nicht jeder angelächelt werden will. Emmanuel hält sich seitdem zurück. Dafür hat er über seinen Arbeitsplatz ein Schild gehängt. "The world needs a smile" hat er mit dickem Filzstift darauf geschrieben.

Emmanuel arbeitet seit Anfang Januar bei Hakro in Schrozberg, einem beschaulichen Dorf im Nordosten Baden-Württembergs, wo sich die Menschen auf der Straße grüßen. Hakro ist einer der größten Arbeitgeber im Ort. Das Unternehmen mit 170 Mitarbeitern stellt Arbeitskleidung her, T-Shirts, Poloshirts, Sweatshirts in allen denkbaren Farben und Größen. So weit, so normal. Hätte die Geschäftsführerin Carmen Kroll nicht diesen Traum: ein Team, in dem so viele Nationalitäten vereint sind wie möglich. Sie möchte in ihrem Unternehmen das schaffen, was der Politik oft nicht gelingt: Zusammenhalt zwischen Menschen, egal wo sie herkommen. "Ich bin nicht Mutter Teresa, nicht Robin Hood. Aber das ist mein Ziel, das spornt mich an", sagt Carmen Kroll. Inzwischen arbeiten Menschen aus 14 Ländern für Hakro, Kasachen, Togolesen, Brasilianer, Tschechen. Das reicht der Chefin noch nicht: "Wir können noch bunter werden."

"Allen muss klar sein, dass wir uns für Integration starkmachen."
Carmen Kroll, Geschäftsführerin Hakro

Im schneeweißen Verwaltungsgebäude von Hakro sitzt Fanny Andorn, 24, aus Schweden. Seit viereinhalb Jahren kümmert sie sich um Einkauf, Design und Produktentwicklung, nebenbei hat sie studiert. An ihrem Arbeitsplatz sieht es aus wie in einem Einrichtungskatalog: In den offenen Büros hängen gerahmte Bilder, stehen afrikanische Holzstatuen und seltsame Skulpturen zwischen Grünpflanzen. Flauschige Teppiche liegen auf edlem Parkett, in einem schmalen Durchgang ist eine Cafébar, gegenüber Retrosofas und -sessel. "Ich fühle mich sehr wohl hier", sagt Fanny. Anfangs sei es komisch gewesen, sofort von jedem umarmt und geduzt zu werden. "Das kannte ich von den Deutschen nicht", sagt sie. Aber als Schwedin habe sie sich gleich wie zu Hause gefühlt. Sie sei sofort Teil des Teams gewesen, und viele der Kollegen seien inzwischen echte Freunde, mit denen sie Geburtstag feiert und vieles bespricht, was sie beschäftigt.

Die Mehrheit der 35 internationalen Mitarbeiter arbeitet etwa einen Kilometer entfernt im Logistikzentrum. Dort ist es nicht so prächtig wie in der Verwaltung, dafür klackert in der Mittagspause ein Kicker. Shiyar Shekho, 23, kam wie ein knappes Dutzend seiner Kollegen in den letzten Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Sein schwarzes Haar hat er glatt nach hinten gekämmt und zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden. 2015 ist er aus dem syrischen Aleppo geflohen. Nach der Ankunft wurde Shiyar nach Schrozberg gebracht. Für ihn, der immer in einer Großstadt gelebt hat, eine krasse Umstellung. Auch weil er vorher nie getrennt von seiner Familie lebte. Auf einmal stand er allein zwischen Weinbergen und Kuhweiden. Wenn er über seine Erlebnisse bei Hakro spricht, fängt seine Stimme zu zittern an. "Das erste Jahr war sehr schwer, weil ich die Sprache nicht konnte", sagt er. "Ich konnte mich nicht mitteilen, nicht fragen, was los ist, wenn jemand auf mich wütend war." Seit sein Deutsch besser ist, habe sich das gewandelt. Er versteht sich mit vielen Kollegen gut, kickert mit ihnen nach Feierabend, sagt aber auch: "Einige mögen mich nicht, egal, was ich tue." Er habe versucht, auf sie zuzugehen, Scherze gemacht, aber vergeblich. Shiyars Lektion: "Auch wenn ich mir wünsche, dass sich alle mögen, kann ich es nicht erzwingen." Manchmal geht eben nur ein Nebeneinander, kein Miteinander. Wie in jedem Unternehmen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

Carmen Kroll, Shiyars Chefin, weiß, dass nicht jeder bei Hakro gleich offen ist. Es müsse sich auch nicht jeder mit ihren Träumen identifizieren. "Aber allen muss klar sein, dass wir uns für Integration starkmachen." Das hätten ihre Eltern schon so vorgelebt: Russische Migranten, Gastarbeiter aus der Türkei und Italien waren immer Teil von Hakro, seit Krolls Vater Harry das Unternehmen Ende der 1960er als kleinen Klamottenladen gegründet hatte. "Seit ich denken kann, waren wir ein zusammengewürfeltes Völkchen", sagt Kroll. "Wir haben zusammen Geburtstage gefeiert, getrunken und uns offen über kulturelle Unterschiede unterhalten." Das habe ihre Toleranz gegenüber Menschen gestärkt. "Wenn sich Menschen kennenlernen, bauen sich viele Vorurteile von allein ab", glaubt sie. So sei es auch beim lächelnden Emmanuel gewesen. Um Missverständnisse zu vermeiden, soll es bald einen Workshop für alte und neue Mitarbeiter geben, in dem es zum Beispiel darum gehen soll, wie Männer und Frauen im Job miteinander umgehen. Kein Zwang, nur eine kleine Orientierung. Ernsthafte Konflikte hätte es bisher eh nicht gegeben, sagt Carmen Kroll. "Am Ende ruckelt sich immer alles zurecht. Wie bei Tetris."

"Vielfalt führt zu einem besseren Ergebnis, davon bin ich überzeugt."
Jasmin Zink, 25, arbeitet in der Rücksendeabteilung von Hakro

Die Chefin weiß aber auch, dass es schwieriger wird, den Teamgeist zu wahren, je größer und vielfältiger ihr Team ist. Deshalb heißt Freitag jetzt Freutag, und es gibt ein Frühstück für alle, Obst und Joghurt vom lokalen Bauernhof auf Firmenkosten. Nach der Arbeit können die Mitarbeiter in Kursen Zumba tanzen, Cajón spielen oder zur Massage gehen. Der Höhepunkt des Jahres ist die Hakro-Wiesn Ende September, ein hauseigenes Oktoberfest mit Bullenreiten, Popcornstand und jeder Menge Bier. "Spätestens dann kommen wir alle ins Gespräch", erzählt Jasmin Zink, 25, aus der Rücksendeabteilung. Sie hat Gesundheitsförderung studiert, kommt aus Schrozberg und hat schon neben dem Studium bei Hakro gejobbt. Nach dem Abschluss fragte sie ihr Vorgesetzter, ob sie nicht bleiben wolle. "Mir hat der Job Spaß gemacht, vor allem, neuen Leuten zu helfen", sagt Jasmin. "Ich habe mich gebraucht gefühlt, also bin ich geblieben." Was sie an den vielen Nationalitäten mag: "Man hört einfach so viele unterschiedliche Meinungen." Zum Beispiel wenn beim Teamtreffen mittwochs aktuelle Themen und Zukunftspläne besprochen werden. "Vielfalt führt zu einem besseren Ergebnis, davon bin ich überzeugt." Denn so werde vermieden, meint Jasmin, dass alle immer nur in die gleiche Richtung denken und arbeiten. Auch sie hat Missverständnisse erlebt, aber das gehöre eben dazu. "Als ich neulich Emmanuel erzählte, dass ich das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg besucht habe, guckte der mich völlig entsetzt an und fragte, ob ich ein Nazi bin." Deshalb sei es wichtig, direkt über Irritationen zu reden, nachzufragen, zu erklären.

Die meisten Probleme hätten ohnehin nichts mit der Herkunft zu tun, glaubt Jasmin Zink. "Sondern damit, dass die meisten von uns immer glauben, die eigene Idee wäre die beste. Und anderen dann nicht richtig zuhören." Das zu lernen sei manchmal anstrengend und koste Energie. "Aber wir wollen eine Mannschaft sein", sagt sie. Die Schwedin Fanny Andorn hat sich dafür einen passenden Leitspruch ausgedacht, der an den Wänden hängt und von den Hakro-Kollegen auch als Hashtag benutzt wird: #nieohnemeinteam.