Der Klimawandel kommt. Doch wir tun nichts. Warum? Dazu forscht die Medienökologin Birgit Schneider. Ganz ohne Hoffnung ist sie nicht.

Der Sommer 2018 war einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor mehr als hundert Jahren. Das ist kein statistischer Ausreißer: Von zehn der wärmsten Jahre waren neun im 21. Jahrhundert. Dass die Erde wärmer wird, kann niemand mehr leugnen. Und obwohl wir längst wissen, dass unser Verhalten dazu beiträgt, machen wir weiter wie bisher. Flugreisen sind besonders CO2-intensiv, doch 2018 wird mehr geflogen als im Vorjahr, meldet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Insbesondere touristische Flugreisen nehmen demnach zu. Birgit Schneider ist Professorin für Medienökologie und erforscht, warum wir vom Klimawandel wissen, aber trotzdem nicht handeln.  

ZEIT Campus: Frau Schneider, wir sitzen in einem Café in Berlin, ganz in der Nähe Ihres Büros, und blicken auf einen Park, in dem kaum noch Gras wächst. Da ist nur Sand. Ist das der Klimawandel vor unserer Haustür?

Birgit Schneider: Ja. Als ich vor zehn Jahren anfing, mich mit dem Klimawandel zu beschäftigen, war er für viele Menschen noch weit weg. Er konnte nur über wissenschaftliche Erkenntnisse sichtbar gemacht werden, also über Daten, Grafiken und Karten, deren Aussagekraft außerhalb der Klimawissenschaften teilweise angezweifelt wurde. Der letzte Sommer hat etwas verändert, nicht nur in Deutschland. Die Hitzewelle und die Anomalien des Wetters über mehrere Monate waren ja ein weltweites Phänomen. Wir fangen an zu begreifen, was es bedeutet, in einer klimatisch veränderten Welt zu leben.

ZEIT Campus: Was bisher nur abstraktes Wissen war, wird jetzt also spürbar?

Schneider: Genau. Wobei es auch schon vor zehn Jahren Menschen gab, die den Klimawandel unmittelbar erleben konnten. Das waren Menschen aus Inselstaaten oder aus den Polarregionen, aus Überschwemmungsgebieten oder aus Gegenden, die von Hurrikans heimgesucht wurden. Jetzt spüren wir diese Probleme auch in den europäischen Industrienationen, das ist neu.

ZEIT Campus: Extremes Wetter hat es aber auch in Europa immer wieder gegeben. Zum Beispiel 2002, als starker Regen zu Überflutungen der Elbe und Donau führte. 45 Menschen wurden damals getötet.

Schneider: Das stimmt. Aber Überschwemmungen werden oft als Einzelereignisse wahrgenommen. Eine Flut kommt und geht auch wieder. Und von dem Hochwasser haben damals viele, auch ich, nur durch die Medien mitbekommen. Die Hitze in meiner Wohnung oder die verdorrten Bäume in meiner Straße sind viel realer.

ZEIT Campus: Reichen Medienberichte nicht aus, um auf Probleme hinzuweisen?

Schneider: Es kommt darauf an. Es gibt bestimmte Bilder in den Medien, die immer wieder auftauchen und die nicht sehr hilfreich sind. Zum Beispiel das Foto vom Eisbären auf seiner schmelzenden Eisscholle. Wenn ich mir das anschaue, tut mir der Eisbär natürlich leid, doch er ist weit weg. Es geht da nicht um mich. Lokale Bilder sind wichtig. Wir müssen verstehen: Das passiert hier! Bei Potsdam brennt tagelang der Wald!

ZEIT Campus: Das klingt so, als würden Sie für mehr Alarmismus plädieren.

Schneider: Nein, Alarmismus führt uns jetzt nicht weiter. Alarmiert sind die meisten Menschen inzwischen schon. Wenn Wissenschaftler über Jahre hinweg Alarm schlagen, wird das zum Klischee. In meiner Forschung habe ich festgestellt, dass alarmierende Bilder schaden können, statt die Menschen aufzurütteln. Die roten Erden etwa.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

ZEIT Campus: Rote Erden?

Schneider: In den Klimaberichten der Vereinten Nationen werden Temperaturprognosen oft grafisch dargestellt. Da ist dann eine Illustration der Erde zu sehen, die immer röter und röter wird, je weiter der Zeitstrahl in Richtung Zukunft voranschreitet. Das ist wie ein Daumenkino, bei dem sich die Erde langsam in den Mars verwandelt.

ZEIT Campus: Was ist daran falsch?

Schneider: Es erzeugt eine diffuse Angst. Und diese lähmt viele, statt sie zum Handeln zu ermutigen. Es werden bei den roten Erden auch nur die Folgen des Klimawandels gezeigt, nicht die Ursachen. Und ein Problem der globalen Perspektive ist, dass sie suggeriert, die ganze Menschheit wäre Betroffene und zugleich auch Verursacherin des Klimawandels. Dabei sind es nun mal die Industrienationen mit ihrem CO₂-intensiven Lebensstil, die die Erwärmung vorantreiben. Das geht in dieser globalen Sicht unter.

ZEIT Campus: Wie macht man es besser?

Schneider: In der Kunst arbeitet man in ähnlichen Fällen mit sogenannten dissonanten Montagen: Man muss die Braunkohle und die Waldbrände in Beziehung setzen. Und Ursachen des Klimawandels zeigen, etwa schwere Autos, billige Flüge und frei stehende Einfamilienhäuser. Manchmal gelingen auch statistische Darstellungen. Diese finde ich sehr eindrucksvoll.

ZEIT Campus: Was ist das denn?

Schneider: Eine Visualisierung des britischen Klimaforschers Ed Hawkins, er nennt sie warming stripes. Jeder Balken steht für ein Jahr und zeigt die Durchschnittstemperatur. Von links nach rechts ändern sich die Farben der Balken. Je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr rote und dunkelrote Balken folgen aufeinander. Blaue Balken, die kühlere Jahre zeigen, sind bereits seit zwanzig Jahren die absolute Ausnahme.

ZEIT Campus: Kann man mit Diagrammen den Klimawandel stoppen?

Schneider: Statistische Visualisierungen sind sehr stark darin, den Unterschied zwischen Normalität und Abweichungen von der Norm zu zeigen. Gleichzeitig gibt es die Gefahr, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt, ähnlich wie beim Alarmismus. Es wird schon vom new normal gesprochen. Ein Rekord jagt den nächsten. Es werden immer neue Extremwerte erreicht. Vor einigen Jahren musste zum Beispiel den australischen Wetterkarten ein Signalrosa hinzugefügt werden. Die Farben der bisherigen Legenden konnten den neuen Höchstwert von 54° Celsius nicht mehr abbilden.

"Wir sind alle CO₂-süchtig"

ZEIT Campus: Politisch gibt es keine Fortschritte. In Frankreich ist Ende August der Umweltminister zurückgetreten. Er sei frustriert, dass er so wenig habe bewegen können, sagte er. In den Vereinigten Staaten sitzt ein Präsident im Weißen Haus, der den Klimawandel als Lüge bezeichnet. Auch in Deutschland sitzen mit der AfD inzwischen Klimawandelleugner im Bundestag.

Schneider: Das ist aus meiner Sicht als Wissenschaftlerin interessant, ehrlich gesagt.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Schneider: Wir können uns anschauen, wie Klimawandelleugner argumentieren. In den USA wird die Debatte ziemlich ideologisch geführt. Dort werden Klimaschützer mit Wassermelonen verglichen: außen grün, innen rot. Es wird also unterstellt, Klimaschützer seien in Wirklichkeit Kommunisten, die den freien Markt abschaffen wollen. In Deutschland höre ich oft: "Als in den 1980er-Jahren vom Waldsterben gesprochen wurde, war das übertrieben, das Ozonloch ist heute auch kein Problem mehr, da wird das Klima schon nicht so schlimm sein."

ZEIT Campus: Was erwidern Sie?

Schneider: Das mit dem Ozonloch war eine einfache Sache: FCKW, die Chemikalie, die in Lösungsmitteln und Haarsprays eingesetzt wurde und zum Abbau von Ozon in der Atmosphäre führte, konnte durch andere Chemikalien ersetzt werden. Das war das Ende des Ozonlochs, das übrigens nie ein Loch war, sondern immer nur eine Metapher. Allerdings eine sehr wirksame, denn so ein Loch im Himmel, das will natürlich keiner.

ZEIT Campus: Fehlen uns die Metaphern für den Klimawandel?

Schneider: Ja. Denn CO₂ ist überall und zugleich unsichtbar: Der Himmel wird davon nicht schwarz wie während der Industrialisierung durch die vielen Fabrikschornsteine. Wie beschreibt man also den CO₂-Überschuss? Der Begriff der "Klimakatastrophe" war in Deutschland einige Jahre gebräuchlich, dann wurde er vom "Klimawandel" verdrängt. Diesen Sommer tauchte die "Klimakatastrophe" wieder in den Medien auf.

ZEIT Campus: Welchen der beiden Begriffe finden Sie passender?

Schneider: "Klimawandel" ist absolut kontraproduktiv und viel zu positiv für die menschengemachte Zerstörung aller Lebensgrundlagen. "Klima-Chaotisierung" oder "Wetter-Chaotisierung" wäre viel treffender für das, was wir erleben. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat sein letztes Buch Selbstverbrennung genannt, das ist ein drastischer, aber zutreffender Begriff, ähnlich wie "CO₂-Selbstmord" oder, das wird auch manchmal benutzt, "Selbsterstickung".

ZEIT Campus: Was halten Sie von der Metapher des "kranken Planeten"?

Schneider: Ich finde sie nicht passend. Wenn ich zum Arzt gehe und der mir einen Tumor zeigt, dann werde ich doch jede erdenkliche Behandlung vornehmen, um den Tumor zu bekämpfen. Beim Klima passiert das aber nicht. Wir Menschen in den Industrienationen verhalten uns eher wie ein Suchtkranker, der sich selbst zerstört, der weiß, dass er sein Leben radikal ändern müsste, der es aber nicht schafft. Wir sind alle CO₂-süchtig. Niemand kann sich vorstellen, wie eine Welt aussehen würde, in der wir unseren CO₂-Ausstoß dramatisch reduzieren.

ZEIT Campus: Haben Sie sich eigentlich ein persönliches Klimaschutzprogramm auferlegt, um ihren CO₂-Beitrag zu mindern?

Schneider: Für mich fühlt es sich richtig an, wenn ich wenig fliege. Ich besitze kein Auto und bin Fan von Naherholungsgebieten. Durch Europa reise ich lieber mit dem Schlafwagen. Aber ich glaube nicht, dass ich anderen vorschreiben kann, genau so zu leben. Vielleicht kann der Sommer etwas ändern. Er hat uns gezeigt, was es bedeutet, wenn sich Wettermuster verändern. Und wie sich das anfühlt.

In jeder Ausgabe trifft ZEIT Campus einen besonderen Professor zur Sprechstunde. Alle Interviews, etwa mit dem Philosophen Slavoj Žižek, gibt es unter zeit.de/sprechstunde