Vielfalt nützt dem Geschäft. Das glauben zwei Drittel aller deutschen Unternehmen. Doch nur ein Drittel tut auch etwas dafür, die Diversität in der Belegschaft zu fördern, heißt es in einer Studie der Initiative "Charta der Vielfalt". Wir haben Mittelständler und Familienunternehmen besucht, die es besser machen wollen.

Es ist Montag, doch die Stimmung im Büro ist ausgelassen. Sonne flutet durch die verglasten Räume in Berlin-Mitte, einige Mitarbeiter laufen barfuß über den Holzfußboden. Auf einem Sideboard im Flur ist ein Buffet hergerichtet. Es gibt frischen Salat mit Paprika, Bio-Grillfleisch, Melonen und hübsche Wasserkaraffen, in denen Himbeeren, Orangenscheiben oder Minzblätter schwimmen. Ringsum plaudert ein Dutzend junger Männer und Frauen über das Wochenende. Wer sich IT-Unternehmen als düstere Männerbuden mit pizzafingerklebrigen Tastaturen vorstellt, in denen höchstens die neuen Fortnite-Rekorde besprochen werden, reibt sich beim Software-Hersteller Projektron die Augen.

Bei Projektron ist das Verhältnis von Männern und Frauen fast ausgeglichen: 43 von 91 Mitarbeitern sind Frauen. Das ist ungewöhnlich für ein IT-Unternehmen: Branchen, die mit Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zu tun haben, sind nach wie vor männlich dominiert. Gerade mal 28 Prozent aller Mitarbeiter der IT-Branche sind im Schnitt weiblich.

Die Mitarbeiter von Projektron nennen sich untereinander Projektronis. Das klingt etwas albern, ist aber völlig unironisch gemeint. Viele identifizieren sich mit dem Unternehmen. Zum Beispiel Lisa Steinbach, 31, seit zweieinhalb Jahren Projektroni. Eigentlich hatte Steinbach, halblange braune Haare, geblümtes Kleid, nie etwas mit Software-Entwicklung am Hut. Die Idee kam ihr erst nach ihrem Linguistikstudium. "Ich wollte nicht länger forschen, sondern praktisch arbeiten", erzählt sie. Sie hatte vom guten Ruf Projektrons gehört, von den Auszeichnungen, die das Unternehmen für seine Diversity und Arbeitsatmosphäre bekommen hatte. Lisa Steinbach las sich Fachwissen zu Softwareentwicklung an und bewarb sich in der technischen Dokumentation. "Ich übersetze das Expertenwissen unserer Programmierer, sodass es auch die Kunden verstehen", erklärt sie. Heute sitzt sie in der dritten Etage an einem höhenverstellbaren Schreibtisch. Ein Stockwerk höher, ganz oben, arbeitet der Chef. Die Hierarchien bei Projektron sind trotzdem relativ flach für ein Unternehmen mit 91 Mitarbeitern: Geschäftsführer, Teamleiter, Mitarbeiter, das war’s. "Jede und jeder kann sich in diesem System nach seinen Interessen weiterbilden und neue Aufgaben übernehmen", sagt Patricia Rezic, die Leiterin Personal, Finanzen und Controlling. Lisa Steinbach gefalle das, sagt sie. Sie probiert sich gerade in grafischer Gestaltung aus, um irgendwann Flyer layouten zu können.

Die IT-Fachkräfte sind trotzdem meistens männlich

Doch selbst bei einem Unternehmen wie Projektron sind die Fachkräfte fast ausschließlich männlich: Vier Frauen sitzen mit 20 Männern im Entwicklerteam. "Wo sollen die Frauen auch herkommen?", fragt Patricia Rezic. Der Branchenverband Bitkom schätzt, dass es unter Entwicklern und Programmierern nur 17 Prozent Frauen gibt. Viele Frauen in der IT-Branche arbeiten eher in Unternehmensbereichen wie Marketing, PR oder Personalwesen. "Wir sind froh, dass wir die vier Frauen in der Entwicklung überhaupt haben", sagt Patricia Rezic.

Lange habe man es als Frau in IT-Unternehmen schwer gehabt, sagt sie. Nach ihrem Mathe-Studium fing sie in einer IT-Abteilung an, in der nur Männer waren. "Irgendwann haben sie die Frauentoilette auf meiner Etage zu einem Männerklo gemacht, weil die Männer nicht mehr anstehen wollten", erzählt sie. "Das wäre hier undenkbar."

In der Abteilung von Lisa Steinbach arbeiten vier Frauen und ein Mann. "Es ist auf jeden Fall gut, dass ein Mann im Team ist", sagt sie. Der sei entspannter, nehme Dinge weniger persönlich. Sie glaubt: Ein gutes Team braucht Männer und Frauen, immer. Und junge Kollegen. Steinbach meint: "Egal ob Mann oder Frau: Wer frisch von der Uni zu uns kommt, kriegt die traditionellen, männerlastigen Strukturen nie mit und wird sich deswegen auch nie fragen, ob Männer in der IT vielleicht besser sind als Frauen." Das sorge dafür, dass Frauen mutiger würden und sich immer mehr für den Job entscheiden. Um an die rund 30 Prozent Frauen heranzukommen, die im Moment in Mint-Studiengängen eingeschrieben sind, arbeitet Projektron eng mit Unis und Hochschulen zusammen, etwa mit einem Mentorinnenprogramm. Dabei helfen erfahrene Frauen von Projektron Studentinnen, sich auf den Job vorzubereiten.

Die Stimmung ist weniger harsch

Sebastian Brandt, 28, kommt aus einer größeren IT-Firma, in der fast nur Männern arbeiteten. Bei Projektron ist er jetzt mit sieben Frauen und sechs Männern für die technische Kundenbetreuung zuständig. "Ich fühle mich hier sehr wohl", sagt er. Ja, es sei schon anders: keine derben Witze, schon gar nicht über Frauen. Der Ton sei weniger harsch, und es werde mehr über Privates gesprochen, über Hochzeiten, die Familie, Urlaube. Sebastian Brandt schätze die offene Atmosphäre, sagt er, dass alle ansprechbar seien. "Die Stimmung ist einfach weniger arrogant, es gibt viel mehr Miteinander", sagt er.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

Selbst über Müslispender habe es neulich eine Umfrage gegeben, erzählt Patricia Rezic. Die Männer wollten lieber Drehspender, weil sie mit Schüttspendern nicht klargekommen wären, den Frauen war es egal, also gibt es jetzt Drehspender. Als die erste Angestellte vor Jahren schwanger wurde und ein Kind bekam, wurde sie gefragt, was sie sich vom Unternehmen wünsche. Sie wollte in Teilzeit arbeiten, also entwickelte Projektron ein Modell dafür. "Wenn hier jemand schwanger wird, Kollegen oder Kolleginnen Elternzeit nehmen möchten, freuen sich die Führungskräfte", sagt Rezic. "Keiner würde deswegen jemandem kündigen." Inzwischen arbeitet etwa die Hälfte der Festangestellten in Teilzeit, auch viele, die noch gar keine Kinder haben.

Lisa Steinbach findet es gut, so viele Kolleginnen zu haben. Allerdings wolle sie, dass nach Qualifikation und Persönlichkeit eingestellt werde, nicht nach einer festen Frauenquote. Als feministisch verstehen sich die Projektronis nämlich nicht. Stattdessen spricht man hier von Mitarbeiterförderung, die jedem zugutekommen soll. Sebastian Brandt sagt, für die inhaltliche Arbeit mache der hohe Frauenanteil keinen Unterschied. Männer und Frauen könnten dasselbe leisten und hätten die gleichen, fair verteilten Aufgaben. "Wir sind das perfekte Team, weil wir unterschiedliche Charaktere sind und uns ergänzen", findet Lisa Steinbach. "Nicht, weil wir fast so viele Frauen sind wie Männer."