Der Coach Christian Bischoff predigt in Konzerthallen, dass jeder seine Träume verwirklichen könne. Aber stimmt das überhaupt?

Christian Bischoff steht auf der Bühne und schreit. "Du kannst das nicht!" Rund 5500 Menschen brüllen im Chor zurück: " What the fuck, leck mich am Arsch! Ich mach’s trotzdem!" Bischoffs Stimme dröhnt durch die Boxen: "Du hast kein Talent!" Die Masse wird lauter: " What the fuck, leck mich am Arsch! Ich mach’s trotzdem!" Tausende Menschen schreien an diesem Sonntagabend den 42-Jährigen in Jeans und Sneakern an und unterstreichen dabei jede Silbe wie Rapper mit der flachen Hand. Zuvor hat Christian Bischoff zwei Tage lang versucht, ihnen ein neues Selbstbild zu verpassen. Ein Selbstbild, das ihnen Glück und Erfolg bringen soll.

In der Westfalenhalle in Dortmund haben in diesem Jahr schon Limp Bizkit und die Beatsteaks gespielt, in ein paar Monaten kommt Mario Barth. Der Mann, der an diesem Wochenende auf der Bühne steht, will Menschen nicht nur zum Hüpfen oder Lachen bringen. Er will, dass sie anfangen, an sich zu glauben. Er will sie groß machen, denn er glaubt, dass sie sich selbst oft kleinmachen. Christian Bischoff, zwei Meter hoch, durchtrainiert, braun gebrannt, vermittelt in seiner Show Die Kunst, dein Ding zu machen ein Coaching-Trendthema: Persönlichkeitsentwicklung. In zwei Tagen soll jeder in der Halle "sein Ding" finden und lernen, es durchzuziehen. Christian Bischoffs Motto: "Du weißt nie, wo dein Limit ist. Du weißt nur, wo es nicht ist."

Früher war Christian Bischoff Basketballprofi. Schon mit 16 spielte er in der Bundesliga. Wegen Rückenproblemen musste er die Spielerkarriere aufgeben. "Ich war am Boden." Sein Trainer sagte zu ihm: "Christian, mit diesem Rückschlag spricht das Leben liebevoll zu dir und sagt: Ich habe noch etwas viel Besseres mit dir vor." Mit 25 wurde Christian Bischoff Cheftrainer bei dem Bundesligaverein Bamberg. Ein Jahr später: gefeuert, so erzählt er auf der Bühne: "Ich habe Rotz und Wasser geheult, glaubte, mein Gesicht verloren zu haben." Dann startete Bischoff eine Schultour durch Deutschland, versammelte Schüler in Turnhallen, um ihnen zu sagen, dass sie im Leben ihrem Herzen folgen sollen. Das war vor rund zehn Jahren. Inzwischen richtet sich der Coach an ein zahlungskräftigeres Publikum. Er coacht Unternehmen wie Audi, Bosch, Siemens. Aber auch Privatleute. Bischoff hat 152.000 Abonnenten auf YouTube, 124.000 auf Facebook und 58.000 auf Instagram. Um ihn in Dortmund auf der Bühne zu sehen, haben manche Fans mehr Geld bezahlt als für ein Beyoncé-Konzert: Ein Platz in der ersten Reihe inklusive Meet and Greet mit Bischoff kostet um die 1000 Euro. In den Reihen drei bis fünf zahlt man 347 Euro. Weiter hinten sitzen manche, die ein Angebot für 49 Euro ergattert haben: Studenten, die mit Job-Entscheidungen ringen, Abiturienten, die über ein Auslandsjahr nachdenken. Daneben gescheiterte Unternehmer und Paare, die ihre Ehe retten wollen. Während die einen Probleme loswerden wollen, sind die anderen gekommen, um gar nicht erst in Schwierigkeiten zu geraten. Life-Coaching als Prävention vor einem erfolglosen Leben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

Die Biografien der Menschen sind verschieden, die Seminarunterlagen, die auf ihren Schößen liegen: alle gleich. Auf eine weiße Pappe sind rote Balken gedruckt, darüber die Worte: "Der Plan, wie du dein Ding machst". In diesen Plan werden die Teilnehmer eintragen, was sie am Wochenende lernen, die Bausteine, die ihren Erfolg garantieren sollen: Sinn, Ziele, Disziplin, Prioritäten, Ausdauer, Neugierde, Selbstvertrauen, Umgang, soziales Umfeld. Diese Erfolgsbausteine stellt Bischoff als Pyramide dar. Der Sockel: Eigenverantwortung. Nachdem die Teilnehmer ihrem Sitznachbarn versichert haben, zu 100 Prozent Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen, verkündet der Coach seine erste Erfolgsregel: Hör auf zu jammern! Bischoff hat sich etwas dagegen einfallen lassen: Wenn einer jammert, wird laut gegrunzt. Und schon übt die ganze Westfalenhalle das Grunzen. Aus den Boxen dröhnt nach der ersten Einheit der Song Blah Blah Blah von Armin van Buuren, Kirmestechno mit dem Refrain: "All we ever hear from you is blah blah blah". Bunte Lichter blitzen durchs Publikum, Zehntausende Hände klatschen zum Beat. Es herrscht Ekstase wie nachts in einem Club auf Ibiza – an einem Samstagvormittag in Dortmund.

Immer wieder hüpft Christian Bischoff zwischen vier Feuerfontänen auf und ab und brüllt Sätze wie: "Bringt die Halle zum Einstürzen!" Er fordert die Teilnehmer auf, sich high fives zu geben und "Du bist ein Gewinner!" zu sagen. Was soll das? "Der Mensch lernt am besten mit starken positiven Gefühlen", erklärt Bischoff seinen Zuhörern. Seinem Publikum gefällt das Konzept aus Party und Psychologie offensichtlich. Am Ende jeder Party-Eskalation klatscht der Coach ein paar Mal in die Hände, und sofort richten sich 5500 konzentrierte Blicke zurück auf ihn. Bischoff hat die Konzerthalle besser im Griff als die meisten Dozenten ihren Hörsaal. Die Menschen hängen an seinen Lippen.

In den USA sind Massenseminare zur Lebenshilfe noch viel populärer als in Deutschland. Das liegt wohl auch daran, dass psychologische Beratung dort ein Vermögen kostet. Der bekannteste Life-Coach ist Tony Robbins. Er hat Bill Clinton und Mike Tyson gecoacht. Auf Twitter folgen ihm drei Millionen Menschen. In Deutschland gab es in den Neunzigern erste Anstrengungen, Motivationstraining in große Hallen zu bringen. Damals versammelte Jürgen Höller Tausende Menschen, um ihnen Erfolg zu versprechen. Er brachte sein Unternehmen an die Börse, wollte ein Milliardenimperium aufbauen. Es folgten: Insolvenz und Knast, unter anderem wegen Meineid. Nun verkauft er wieder Seminare ("Power Days").

Motivationstrainer gelten innerhalb der Coachingszene häufig als Scharlatane, weil sie viel Geld damit verdienen, Menschen große Träume in die Köpfe zu setzen, die die wenigsten erreichen können. Christopher Rauen, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC), distanziert sich von solchen Angeboten. "Für mich ist das Laienpsychologie", sagt Rauen. "Die meisten Weisheiten sind nicht viel mehr als Kalendersprüche, die suggerieren, dass alles im Leben möglich ist." Die Eigenverantwortung überzubetonen hält Rauen sogar für gefährlich. "Solche Seminare ziehen labile Persönlichkeiten an. Wenn ihnen eingeredet wird, dass jeder erfolgreich und glücklich werden kann, fallen sie möglicherweise in ein umso größeres Loch, wenn das nicht eintritt." Häufig würden Coachingmethoden, die auf gruppendynamischen und massenpsychologischen Effekten aufbauen, unreflektiert eingesetzt. "Die Menschen werden stark euphorisiert. Sie haben ein paar Stunden lang eine gute Zeit und verwechseln das dann mit persönlicher Entwicklung", sagt Christopher Rauen. "Hinter publikumswirksamen Programmen steckt meist vor allem eines: eine riesige Marketingmaschine."