Die Komikerin Helene Bockhorst erzählt auf der Bühne von Ängsten und Depressionen. Ihr Publikum amüsiert sich dabei prächtig. Warum nur?

Helene Bockhorst steht hinter einem Vorhang und heult. Vor dem Vorhang läuft der Moderator auf und ab, der gleich ihren Namen nennen wird. Dort sind die Scheinwerfer und das Publikum, 170 Leute in Stuhlreihen, die gekommen sind, um zu hören, was Bockhorst sagt. Hinter dem Vorhang wird alles zu viel. Die Erwartungen. Der Stress der letzten Wochen. Alles, was in den nächsten Monaten noch zu bewältigen sein wird. Doch Helene Bockhorst hat keine Wahl, sie muss da jetzt raus. Sie wischt ihre Tränen weg. Zum Glück ist sie kaum geschminkt, kein Mascara, der Schaden hält sich in Grenzen. Sie geht raus auf die Bühne, ins Scheinwerferlicht. Sie sagt: "Ich hatte lange Zeit Probleme mit meinem Selbstwertgefühl. Also, dachte ich. Aber ich habe dann rausgefunden, mein Problem ist gar nicht mein Selbstwertgefühl. Ich bin kacke." Das Publikum lacht. Läuft wieder alles bestens.

Einige Wochen später sitzt Helene Bockhorst auf der Rückbank eines dunklen Kombis. Es ist ein Sommerabend, und draußen dämmert es. Das Auto rast durch Hannover, immer knapp über der Geschwindigkeitsbegrenzung. Helene Bockhorst, 30, ist Komikerin. Heute ist sie schon zweimal aufgetreten, drei weitere Shows hat sie noch vor sich, die Zeit drängt. Seit nicht mal einem Jahr ist Bockhorst im Geschäft – und eigentlich bereits ein Vollprofi. Zusammenbrüche wie neulich, hinter dem Vorhang, sind nicht die Regel. Während andere junge Comedians um Auftritte betteln oder jahrelang zwischen unbezahlten Open-Mic-Sessions hin und her tingeln, ist Helene Bockhorst gefragt. Diese Woche war sie in Regensburg, Köln und Hamburg, morgen hat sie frei, übermorgen ist sie in Berlin gebucht. Mal kommen 20 Leute, mal 300. Sie tritt in Irish Pubs auf und in Landgasthöfen, in Vereinsheimen und auf Theaterbühnen, auf dem Wacken Open Air und bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

Und überall, wo Helene Bockhorst hinkommt, lachen die Leute. Sie kichern, glucksen, prusten los, manchmal schreien sie vor Vergnügen. Dabei ist das, was Helene Bockhorst erzählt, eigentlich tieftraurig: Sie erzählt, dass ihr Vater nie für sie da war und dass ihre Mutter sie geschlagen hat. Dass sie als Teenager erst lange ungewollt Jungfrau geblieben war und dann aus Verzweiflung mit vielen hässlichen Männern schlief. Dass sie sich kacke fühlt und findet. Vieles von dem, was Helene Bockhorst auf der Bühne erzählt, klingt krass, manches ausgedacht. Aber es gibt einen wahren Kern. "Ich bin keine Schauspielerin", sagt Helene Bockhorst. "Ich spreche über diese Dinge, weil ich sie kenne."

Helene Bockhorst ist nicht die einzige junge Künstlerin, die auf der Bühne über Selbsthass und schlechten Sex spricht – also über Dinge, die die meisten Menschen lieber für sich behalten. Sie ist auch nicht die einzige, die über Zweifel und über das Scheitern redet und damit paradoxerweise ziemlich erfolgreich ist. Da ist zum Beispiel Stefanie Sargnagel, die bekannt wurde durch ein Buch, das sie über ihre Arbeit in einem Callcenter schrieb. In Interviews erzählt sie von ihrer Psychotherapie, ihrem Hang zum Alkohol und ihrer mangelnden Selbstdisziplin. "Versagensexhibitionismus" nennt Sargnagel das.

Da ist außerdem Nico Semsrott, der auf der Bühne die Kapuze seines schwarzen Hoodies nie abnimmt und sagt, er spreche deshalb so viel über seine Depressionen, "weil man sich an dem Thema gut aufhängen kann".

Dieses Piercing ließ Helene Bockhorst sich stechen, um Männern zu gefallen. Das ging schief, sagt sie. Ihr Publikum freut das. © Nikita Teryoshin

Und da ist Kathrin Weßling, die in ihrem Roman Super, und dir? über Frauen Anfang 30 schreibt: "Wir haben Depressionen, Lebenskrisen, Sex mit unseren Vorgesetzten, Meinungsverschiedenheiten mit unseren Eltern, Muskelkater nach dem Yoga, 532 Freunde auf Facebook, große und kleine Pläne, Universitätsabschlüsse, Endometriose, Spliss, Depressionen und Essstörungen, einen Elternteil verloren, einen Hund oder Schulden beim Bafög-Amt." Als Weßling das erste Mal öffentlich aus ihrem Roman vorgelesen hat, wurde viel gelacht.

Man könnte sagen: Helene Bockhorst und die anderen sind das Gegenbild zur Perfektion, die auf Instagram inszeniert wird. Auf Instagram gibt es Influencer, die alle glücklich, schlank und erfolgreich sind und im Whirlpool unterm Sternenhimmel in der Eco-Lodge in Südafrika sitzen. Auf den Bühnen gibt es Depri-Komiker mit Komplexen und schwarzen Hoodies. Die Influencer sagen: "Du wärst gerne so wie ich. Aber wir wissen beide, dass das nichts wird." Die Depri-Komiker sagen: "Du wärst gerne nicht so wie ich. Aber wir wissen beide: Du bist es." Wieso zahlen Leute Eintritt, um das zu hören? Und warum macht ihnen das so viel Spaß?

"Wie unangenehm wäre es dir, wenn ich dich anfasse, auf einer Skala von eins bis zehn?", fragt Bockhorst Männer in ihrem Publikum. Meistens sagen sie: "Zehn." Manchmal: "Elf!" © Nikita Teryoshin

"Was ist komisch?", fragt Nico Semsrott, der in einem Café in Hamburg sitzt und auch privat schwarze Hoodies trägt, allerdings ohne sich die Kapuze ins Gesicht zu ziehen. Er hatte eine schlimme Schulzeit (katholisches Gymnasium), eine schlimme Uni-Zeit (erst eingeklagt, danach sofort abgebrochen) und nicht viel auf die Reihe bekommen, ehe er vor zehn Jahren anfing, darüber öffentlich Witze zu machen. Seitdem spielt er in ausverkauften Theatern, hat Preise gewonnen und tritt oft in der heute show auf. Semsrott ist ein Pionier der Depri-Comedy. "Komisch ist", beantwortet er seine Frage selbst, "wenn etwas nicht so läuft wie erwartet. Komisch ist der Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn etwas funktioniert, ist das nicht lustig." Niemand spreche gern über seine Versagensängste, über das Kaputtsein und über das Scheitern, sagt Nico Semsrott, doch viele hätten ein Bedürfnis danach. "Das Wunderbare an Komik ist: Du kannst dich einem Thema annähern und es zugleich von dir wegstoßen. Komik enttabuisiert ein Thema und ermöglicht dir, dich damit zu beschäftigen, ohne dass es dir so nahekommt, dass es wehtut." Rund 700 Kilometer entfernt sitzt Helene Bockhorst vor einem Jazzclub in Ingolstadt und bestellt noch eine zuckerfreie Cola. Sie trägt ein Top mit Spaghettiträgern, in ihrem Ausschnitt blitzt ein Piercing in der Abendsonne. Sie hat es sich machen lassen, um Männern zu gefallen, wird sie später auf der Bühne sagen. Die Pointe: Das ging schief. Seit sie das Piercing habe, schaue ihr keiner mehr auf die Brüste. Bockhorst wird heute ihr erstes abendfüllendes Programm spielen, es ist eine Generalprobe mit Publikum. Vorher erzählt sie aus ihrem Leben.