Talente sind keine Superkräfte. Um sie zu entfalten, hilft es, Mentoren und Verbündete zu finden.

Warum reden alle von Talenten?

Früher war nicht alles besser. Aber manches einfacher: Der Sohn des Bäckers wurde Bäcker. Der Sohn des Bauern wurde Bauer. Der Sohn des Fabrikanten erbte die Fabrik. Und die Töchter? Wurden Hausfrauen oder zumindest mit dem Sohn aus irgendeiner anderen Familie verheiratet. Die Wege waren vorgezeichnet. Was die Kinder wollten, war dabei meistens egal, welche Talente sie hatten, auch. Heute ist das anders. Geschlecht und Herkunft beeinflussen noch immer Karrierechancen (und Bezahlung). Aber weit weniger als noch in der Generation unserer Großeltern. Und in Stellenanzeigen wird heute kaum ein Begriff so oft bemüht wie der des Talents. "Wir suchen neue Talente", schreibt etwa ein Unternehmen, das Kunststoffe herstellt. "We promote young talents" , verspricht eine Pharmafirma. Selbst die Bundesregierung verkündet: "Unser Land braucht viele Talente." Ökonomen sprechen vom "War for Talent" und meinen damit: Die Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt kehren sich um. Es sind nicht mehr die Bewerber, die sich um Unternehmen bemühen, sondern Unternehmen kämpfen um die besten Bewerber. Deshalb sprechen sie von "Talenten": Der Begriff klingt positiv, er scheint die Individualität der Bewerber zu betonen und ihre Stärken. Aber warum ist immer nur von "Talenten" die Rede – und nicht von Menschen?

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Was ist "Talent" überhaupt?

In der Antike war ein Talent eine Maßeinheit. Heute ist Talent eher das Gegenteil: Etwas kaum mehr Messbares. Der Duden definiert "Talent" als "Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten Gebiet befähigt." Das klingt eindeutig, ist es aber nicht. Denn schon über die Frage, zu welchem Grad ein Talent angeboren oder erlernt ist, sind sich Wissenschaftler uneins. Klar ist: Talente sind keine Superkräfte, die man entweder hat oder nicht hat. Ob es gelingt, sie zu entfalten, ist kontextabhängig. Experimente deuten zum Beispiel darauf hin, dass Menschen, denen eingeredet wurde, dass sie nicht gut sind, in Testaufgaben schlechter abschneiden als andere. Wer talentiert ist, aber unentwegt an sich zweifelt, wird also vermutlich nicht dauerhaft überdurchschnittliche Leistung bringen. Hier setzen Coaches wie Christian Bischoff und andere Verfechter des "positiven Denkens" an. Allerdings ist Erfolg nicht nur eine Frage der Einstellung. Sondern auch der sozialen und wirtschaftlichen Widerstände, die man überwinden muss. Und die sind nicht für alle Menschen gleich.

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Kann man Talente testen?

Im Netz gibt es unzählige Selbsttests, die ihren Nutzern helfen sollen, die eigenen Stärken und mögliche berufliche Karrierewege besser einzuschätzen. Die meisten davon kosten Geld. Kostenlose Tests und Beratung gibt es in den Career Centern vieler Hochschulen oder beim Berufspsychologischen Service (BPS) der Bundesagentur für Arbeit. Ebenfalls kostenlos ist die Berufsorientierung für Absolventen (Boa) von ZEIT Campus Online. In einem 15-minütigen Selbsttest beantwortet man, wie man sich in Gruppen verhält oder mit schwierigen Aufgaben umgeht. Anschließend wird angezeigt, wie man im Vergleich zu anderen Nutzern abgeschnitten hat. Richtig teuer ist eine persönliche Beratung, die Agenturen wie Struss + Partner anbieten: 1500 Euro und mehr kann so eine Beratung für Studenten und Absolventen kosten.

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Wo finde ich Mentoren?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/18.

Gute Mentoren können helfen, die eigenen Talente zu erkennen und zu trainieren. Und wer starke Verbündete hat, kommt schneller voran. Klassisches Mentoring bieten viele Stiftungen und Begabtenförderungswerke wie die Konrad-Adenauer-Stiftung oder die Friedrich- Ebert-Stiftung an. Um dort ein Stipendium zu bekommen, braucht man in der Regel gute Noten, es gibt aber auch Programme, bei denen andere Eigenschaften wichtiger sind, etwa das Geschlecht, die Herkunft oder die Fachrichtung (eine Übersicht bietet MyStipendium.de). ArbeiterKind ist ein Netzwerk mit Ortsgruppen und Unterstützung für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren (arbeiterkind.de). Und über lokale Mentoring-Programme informieren die Career Center der Hochschulen. Einen ungewöhnlichen Ansatz hat das Start-up Millionways. Bei einem Online-Test und in einem einstündigen Telefon-Interview wird über die eigene Persönlichkeit und Ziele gesprochen. Anschließend verspricht Millionways die Vermittlung von "Matches", die als Mentoren oder Verbündete zu einem passen könnten. Bis Jahresende ist das Angebot noch in der Beta-Phase (Kosten: 49 Euro).

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