Naturwissenschaftliche Fächer werden in Prognosen oft zusammengefasst. Aber nicht alle Absolventen haben am Arbeitsmarkt die gleichen Chancen. Eine Übersicht.

Naturwissenschaftler können optimistisch sein: Im ersten Halbjahr 2017 zählte der Adecco-Stellenindex, der die Stellenanzeigen aus rund 200 Online-Jobbörsen und Zeitungen auswertet, knapp 30 Prozent mehr Einsteigerjobs für sie als im Vorjahr. Chemiker und Physiker waren besonders gefragt. Für sie gab es mehr als dreimal so viele Stellen wie für Biologen.

Auch bei der Arbeitslosigkeit gibt es Unterschiede zwischen den Fächern. Bei den Biologen und Biotechnologen liegt die Quote mit rund fünf Prozent deutlich höher als bei Chemikern, Physikern und Mathematikern. Bei diesen sind jeweils unter drei Prozent arbeitslos gemeldet. Das liegt auch daran, dass bei den Biologen die Konkurrenz besonders groß ist: Unter den Naturwissenschaften ist Biologie das beliebteste Studienfach mit der höchsten Absolventenzahl.

Den sogenannten Mint-Absolventen aus den Fächern Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik werden allerorts gute Jobaussichten attestiert. Doch man dürfe sich von dem Mint-Begriff nicht in die Irre führen lassen, warnt Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit (BA). "Der Begriff suggeriert, dass alle Naturwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Chancen haben. Aber so ist es nicht." Gute Aussichten hätten vor allem die Absolventen von breit angelegten Studienfächern: "Ein Physiker oder ein Chemiker hat beruflich mehr Möglichkeiten als ein spezialisierter Geo-Wissenschaftler oder ein Meeresbiologe."

Für den Berufseinstieg brauchen Naturwissenschaftler sehr häufig den Masterabschluss, für eine Forscherlaufbahn auch die Promotion.

In einer klassischen Forscherposition bei wissenschaftlichen Einrichtungen, Hochschulen oder in der Industrie findet sich weniger als die Hälfte der Absolventen wieder. Die meisten Naturwissenschaftler arbeiten in Branchen oder Funktionen, die nur indirekt mit ihrem Studienfach zu tun haben. Mathematiker entwickeln zum Beispiel Risiko-Analysen für die Finanz- und Versicherungsbranche, Geologen und Geografen erschließen Gelände für die Bauwirtschaft, Biologen schreiben Gutachten für Umweltbehörden oder Naturschutzorganisationen. Gefragt sind Naturwissenschaftler auch in Unternehmensberatungen, IT-Firmen und Fachverlagen.

Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass etwa jeder zehnte naturwissenschaftliche Absolvent als Manager arbeitet. Das ist kein Zufall. "Naturwissenschaftler verfügen über besondere analytische Fähigkeiten, die in vielen Unternehmen als Schlüsselkompetenzen angesehen werden", sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit. "Deshalb haben sie gute Chancen für eine Laufbahn im Management."

Wissenschaft oder Industrie?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/2018.

"Im Sommer vor meinem Master habe ich eine Sommerschule am Cern in Genf besucht. Dort hat sich meine Begeisterung für die theoretische Teilchenphysik bestätigt. Ich fand das Projekt superspannend und auch die Stimmung unter den internationalen Forschern. Wer Teilchenphysik macht, kann eigentlich nur in der Wissenschaft bleiben.

Ich bin in meine Uni-Karriere quasi reingerutscht: Mir hat die Arbeit an der Masterarbeit zur Teilchenphysik großen Spaß gemacht, und ich wollte das gern fortsetzen. Mein Betreuer hat mich für meine Doktorarbeit an einen Professor in Lausanne weiterempfohlen. Ich hatte mich auch an anderen Unis beworben, aber für mich war Lausanne am interessantesten, weil ich von dort weiter mit dem Cern zusammenarbeiten konnte. Dass ich bereits in meinem Grundstudium immer auf Englisch gearbeitet habe, hat mir den Anfang als Doktorandin erleichtert. Denn in Lausanne und auch jetzt bei meiner Postdoc-Stelle in Mainz ist die Arbeitssprache immer Englisch. Meine Kollegen kommen von überallher. Zurzeit arbeite ich mit Forschern aus den USA, England, China, Frankreich und Polen zusammen. Das bedeutet natürlich auch, dass man um die Jobs international konkurriert. Auf Postdoc-Stellen bewerben sich Forscher aus der ganzen Welt. Ich selbst hätte auch in São Paulo oder Jerusalem arbeiten können. Das ständige Umziehen ist spannend, aber auch anstrengend. Für das nächste Jahr habe ich schon eine neue Postdoc-Stelle – am Cern!"

Andrea Thamm, 30, hat in Edinburgh studiert und in Lausanne auf dem Gebiet der theoretischen Teilchenphysik promoviert.

"Während meines Studiums habe ich vor allem herausgefunden, was ich später nicht möchte: den ganzen Tag im Labor stehen. Dort ist man die meiste Zeit auf sich gestellt. Ich bin aber sehr kommunikativ und arbeite gern im Team. Deshalb war mir schnell klar, dass ich nach meinem Master nicht an der Uni bleiben will. Allerdings wusste ich nicht, welche Möglichkeiten ich mit meinem Biochemie-Studium noch habe. Deshalb bin ich in meinem letzten Semester auf eine Job-Messe gegangen. Ich habe die Firma Janssen-Cilag kennengelernt und mich dort und bei drei anderen Unternehmen beworben.

Bei Janssen-Cilag wurde ich zu einem zweitägigen Assessment-Center eingeladen. Gleich am ersten Abend gab es ein gemeinsames Essen, alle Leute waren sehr locker und sympathisch. Das hat mir sofort gefallen. Nach dem Trainee-Programm hat man eine Festanstellung im Unternehmen sicher. Das war bei anderen Trainee-Stellen nicht so, auch deshalb habe ich mich dafür entschieden.

Ende September hatte ich meine Masterprüfung, wenige Tage später habe ich als Trainee angefangen. In den ersten Monaten konnte ich in alle Abteilungen reinschnuppern. Im Vertrieb gefiel es mir am besten, deshalb habe ich mich dort auf eine Stelle beworben.

Als Key Account Manager bin ich jetzt für den Kundenkontakt zuständig. Ich fahre zu Apotheken, Kliniken und Unis, bemühe mich um Kooperationen und schaue, ob die Kunden mit unseren Medikamenten zufrieden sind."

Robert Klöckers, 26, hat in Düsseldorf Biochemie studiert. Seit 2015 arbeitet er im Vertrieb des Arzneimittelherstellers Janssen-Cilag.

Auf der Stellenbörse jobvector.de richten sich zahlreiche Angebote an Naturwissenschaftler.

Protokolle: Aufgezeichnet von Marie Gamillscheg