Eine Studentin und ihr Professor über das Auswahlgespräch

"Ich redete schnell. Nach dem Gespräch war ich nicht sicher, ob es gereicht hat"

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 2/2018.

"Vor dem Auswahlgespräch war ich wahnsinnig nervös. Für den Master habe ich mich nur auf ein einziges Fach beworben: Kulturvermittlung in Hildesheim. Meinen Bachelor habe ich dort in Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Theater gemacht und wollte unbedingt an der Uni bleiben. Einen gleichwertigen Master gibt es nirgendwo sonst. Das Auswahlgespräch fand im Büro eines Professors statt. Als ich die Tür aufmachte, saßen dort zwei Dozenten in einer Sitzecke. Ich setzte mich auf das Sofa gegenüber. Das hört sich entspannt an, für mich war das aber eher beengend. In dem Gespräch sollte ich mein Masterprojekt vorstellen. Das Thema hatte ich mir drei Wochen vorher überlegt, als ich noch an meiner Bachelorarbeit saß. Ich will erforschen, wie man Leute ins Theater lockt, die normalerweise nicht dorthin gehen. Zum Beispiel mit innovativen Aufführungen, bei denen die Zuschauer mitmachen können. Dann fragten mich die Professoren, wie ich mein Konzept vor einem konservativen Publikum aufführen würde. Die Frage hatte ich nicht erwartet, wahrscheinlich wollten sie mich aus der Reserve locken. Ich atmete tief durch und dachte nach. Im Bachelor habe ich gelernt: In der Kunst geht es nicht darum, zu belehren, sondern zu kommunizieren. Deshalb antwortete ich, dass es wichtig sei, wenn ein Dialog entsteht, vor allem mit einem konservativen Publikum. Dabei redete ich sehr schnell, vielleicht ein bisschen zu schnell. Nach dem Gespräch war ich mir nicht sicher, ob es gereicht hat. Ein paar Wochen später kam die Zusage."

Nele Gittermann, 23, studiert im fünften Semester Kulturvermittlung in Hildesheim.

"Die meisten Bewerber äußern Wünsche und Vorstellungen. Das gefällt mir"

"Für mich hat ein Auswahlgespräch zwei Seiten. Mit meinen Kollegen muss ich in dreißig Minuten herausfinden, ob ein Bewerber zu unserem Studiengang passt. Andersherum gilt das genauso. Das Studium ist intensiv, das trauen wir nicht allen zu. Daher schwankt es, wie viele Bewerber wir am Ende nehmen. Bevor es losgeht, schaue ich mir die Projektskizze und das Motivationsschreiben erneut an. Im Gespräch stellen sich die Bewerber kurz vor und präsentieren in den ersten fünf Minuten ihr Projekt. Bei uns arbeiten die Studenten zwei Jahre daran und schließen es mit der Masterarbeit ab. Manche stellen zum Beispiel eine Fotografiemappe oder einen Kurzfilm vor. Hat der Film Schnittfehler, ist das kein Ausschlusskriterium. Die Bewerber sollten eher zeigen, dass sie genau wissen, woran sie arbeiten wollen. Und sie sollten das Vokabular haben, um ihre Arbeit künstlerisch zu beschreiben und zu reflektieren. Was nicht gut ankommt: eine Fotomappe vorzustellen, ohne die eigene Arbeit mit einer gewissen Distanz reflektieren zu können. Aber bei den meisten klappt das, unsere Bewerber sind gut vorbereitet. Die Generation Y und Z scheinen sich mit Bewerbungssituationen auszukennen: Sie antworten nicht nur auf Fragen, sondern äußern auch Wünsche und Vorstellungen. Zum Beispiel, ob wir Studenten dabei unterstützen, eigene Ausstellungen oder Theaterprojekte durchzuführen. Das gefällt mir. Das Auswahlgespräch wird am Ende mit der Bachelornote verrechnet. Wer im Auswahlgespräch gut war, steigt im Ranking auf und bekommt einen Platz."

Stefan Krankenhagen, 48, ist einer der Professoren von Nele Gittermann in Hildesheim.