Im sächsischen Döbeln gibt es das Kulturzentrum Treibhaus, einen Ort der Gegenkultur. Seit 20 Jahren arbeiten Menschen dort gegen Rechtsradikale. Wie lange noch?

Eigentlich sollte diese Geschichte über die mittelsächsische Stadt Döbeln anders beginnen. Sie sollte kurz vor Weihnachten ihren Anfang finden, als in den Bäckereien der Duft von Räuchermännchen hing. Die Geschichte sollte mit dem Sozialarbeiter Stephan Conrad beginnen und mit dem Treibhaus, einem soziokulturellen Zentrum in der Bahnhofsstraße Nummer 56. In der sächsischen Provinz, wo es sonst nicht viel gibt, sind solche Zentren wichtige Orte für junge und andersdenkende Menschen. Aber ihre Zukunft ist bedroht.

Döbeln ist eine Stadt mit 21.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die bis vor Kurzem kaum einer kannte. Aber das hat sich geändert und so beginnt die Geschichte einige Wochen später, die Bahnhofsstraße ein paar Hundert Meter weiter unten, in der Nummer zwei. Mit einem Sprengsatz, der Döbeln in die überregionalen Nachrichten brachte.

Am 3. Januar 2019, einem Donnerstagabend, gegen 19.20 Uhr, sollen drei Männer eine Substanz vor dem AfD-Parteibüro zur Explosion gebracht haben. Sie flüchteten im Auto, später wurden sie als Tatverdächtige festgenommen. Die Männer im Alter von 29, 32 und 50 Jahren wurden nach kurzer Zeit wieder freigelassen, Verdächtige in dem Fall sind sie immer noch. Bis heute ist ungeklärt, welches Motiv sie hatten, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In den Tagen nach dem Vorfall machte die AfD Mittelsachsen auf ihrer Facebook-Seite "linke Antidemokraten" dafür verantwortlich und warb im selben Satz um neue Mitglieder. Auch vorher hatte es schon Kundgebungen der AfD in Döbeln gegeben, auch Informationsstände in der Altstadt, bei der letzten Bundestagswahl bekam die AfD 29 Prozent der Stimmen. Sichtbar ist die Partei in der Stadt aber kaum, bis eben auf das Büro. Die AfD braucht hier keine öffentlichkeitswirksamen Auftritte, gewählt wird sie auch so.

Nach dem Anschlag ist es schnell wieder ruhig geworden in Döbeln. Ausgestanden sei der Vorfall aber noch nicht, sagt Conrad, der Sozialarbeiter vom Treibhaus. Entscheidend werde es, wenn ein Urteil fällt. Außerdem stehen Döbeln in diesem Jahr noch drei Dinge bevor: eine Kommunal- und Bürgermeisterwahl und eine Landtagswahl. Für Conrad und das Treibhaus geht es dabei nicht nur um die Stimmung im Land, sie bangen auch um ihre Existenz. Conrad fürchtet, dass die AfD nach dem Anschlag noch mehr Stimmen bekommen wird.

"Wir sind die Minderheit in Sachsen."
Stephan Conrad, Sozialarbeiter

"Haus der Demokratie" steht in schnörkeliger Schrift über den Fenstern im zweiten Stock des Treibhauses. Der Verein ist in einem sanierten Altbau aus rotem Backstein untergebracht. Am Café des Vereins schützen Metallgitter die Fenster, sie sind nicht  zufällig da. Einmal wurde der Verein von Neonazis attackiert, 2010 überfielen Mitglieder der verbotenen Kameradschaft Sturm 34 das Café, zerstörten Möbel, griffen Anwesende mit Stuhlbeinen und Flaschen an. Trotzdem steht die Eingangstür immer offen, jede und jeder soll im Treibhaus willkommen sein. Im Inneren des Hauses sind Wände und Tische mit Stickern und Plakaten tapeziert. "Nazis blockieren", "Refugees Welcome" – und die Termine für das nächste Thaiboxtraining.

Sozialarbeiter Stephan Conrad im Treibhaus. Bild vom 26. November 2018 © ZEIT ONLINE

Die alte Holztreppe hinauf im ersten Stock hat Conrad sein Büro mit gelb gestrichenen Wänden und abgewetztem Linoleumboden. Im November vergangenen Jahres stand Conrad, 32 Jahre alt, im angrenzenden Erker und blies Zigarettenrauch in die kalte Luft nach draußen. Auf seinem Schreibtisch Flyer, Projektanträge, Notizen, sein Kalender, stündlich geplante Wochentage. Von seinem roten Bürostuhl blickt er auf ein Plakat, darauf steht: "Rechte Gewalt beginnt nebenan. Du kannst etwas dagegen tun."

Conrad war seit einigen Monaten eine Berühmtheit, seine Freundinnen und Freunde nennen ihn scherzhaft fame bitch. Nach den rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August hatte sich Conrad an seinen Computer gesetzt, eine wütende Nachricht getippt und auf Facebook gepostet. Sie wurde tausendfach geteilt. "Wir sind nicht mehr", schrieb er mit Bezug auf den in Chemnitz entstandenen Hashtag #Wirsindmehr, "wir sind die Minderheit in Sachsen." Und: "Wir sind die, die sich gegenüber Lokalpolitikern, Landtagspolitikern und Bundestagspolitikern rechtfertigen müssen und oft auch schikaniert werden, weil wir linksextrem seien."

Damit spielte er auf die jährliche Rechtfertigungsdebatte in den Stadtratssitzungen in Döbeln an. Jedes Jahr müsse der Verein um mehr Geld betteln und hoffen, dass die Finanzierung genehmigt werde, erzählte er. Der Verein müsse sich erklären, müsse beweisen, dass er für ein kulturelles und diverses Leben in der Stadt einstehe. Und eben keine autonome Hochburg sei. Die zwei weiteren Jugendclubs in Döbeln werden zuverlässig von der Stadt finanziert; aber sie bieten auch nur einen Ort zum Rumhängen – keine Migrationsarbeit, keine Demokratieprojekte wie das Treibhaus.

Der Hiergebliebene

Orte wie das Treibhaus gibt es überall im Osten Deutschlands; in Städten wie Leipzig oder Dresden natürlich, aber auch in der Provinz, und dort sind sie besonders wichtig. Während in Westdeutschland in den Siebzigerjahren Bürgerhäuser entstanden, gab es im Osten staatlich kontrollierte Kulturhäuser, Jugendgruppen wie die Pionierorganisation oder die FDJ. Das alles fiel nach der Wende weg, in den Neunzigerjahren entstanden dann die neuen Kulturhäuser in Ostdeutschland. Sie waren Treffpunkte, aber auch Orte des Widerstands gegen die rechtsradikalen Umtriebe der Nachwendezeit. Sie waren Schutzorte, an denen sich von Neonazis bedrohte Menschen in Sicherheit wussten. Und sie sind es heute noch.

Auch Conrad hat das so erlebt. Er wuchs in Döbeln auf, ging hier zur Schule, wurde hier politisch und fand als Jugendlicher im Treibhaus einen Ort der Freiheit. Conrad ist nie weggegangen, er blieb. Er liebt die Ferne – in seinem Bücherregal reihen sich die Reiseführer, Kanada, Irland, USA –, aber leben und wirken will er im Kleinen.