Für Homann, könnte man nun annehmen, müssen die Neunzigerjahre eine traumatische Zeit gewesen sein. Aber Homann sagt, nee, es war eine positive Zeit. Eine, in der eine Generation gesagt hat: "Das mach ma jetzt ni, wir lassen uns das nicht gefallen." Ende der Neunzigerjahre wünschte er sich einen Raum, in dem es keine Nazis gab wie auf den Straßen. 1997 gründet Homann mit Freunden den Treibhaus e. V. So fing alles an.

"Wir haben den Kampf der Neunzigerjahre gewonnen"
Henning Homann, sächsischer SPD-Generalsekretär

Fünf Jahre nach seiner Gründung zog der Verein in die Bahnhofsstraße Nummer 56. Soziokulturelle Zentren wie das Treibhaus waren, so nennt es Homann, Orte der Gegenmacht. Über die Jahre wurde daraus noch mehr: Es gab Jugendarbeit und Kulturveranstaltungen. Ziemlich bald wurde ein Café eröffnet, das Jugendbüro zog ein, eine Fahrradwerkstatt entstand und dann, nach einigen Jahren, wurde auch ein Migrationsbüro eingerichtet. "Wir haben den Kampf der Neunzigerjahre gewonnen", sagt Homann. "Wir besitzen ein Haus. Wir haben ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir gewinnen Preise. Wir arbeiten hier mit Schulen zusammen. Das machen wir." Und eben nicht die Nazis der Stadt. Bis heute arbeitet der Verein auch mit den örtlichen Schulen zusammen, bietet historische Stadtführungen an, organisiert Vorträge.

Homann sei kein Lokalpatriot, sagt er, aber die Geschichte vom Treibhaus-Verein mache ihn stolz. Für Döbeln sei sie eine kleine Erfolgsgeschichte. Im Treibhaus ist ein Mann wie Homann gewachsen, ein sächsischer Generalsekretär einer bürgerlichen Partei. Der Verein hat 2015 eine Willkommensinitiative ins Leben gerufen, als 400 Geflüchtete eine Erstaufnahmeunterkunft bezogen. Er hat eine Kleiderkammer eingerichtet, Sprachkurse angeboten, Computerräume zur Verfügung gestellt. All das gibt es bis heute.

Döbeln, sagt Homann, hat heute vieles, was anderen sächsischen Provinzstädten fehle: ein Theater, ein Kino, eine Skatehalle, ein Hallenbad, eine Kleinkunstszene und den Treibhaus-Verein. Er spricht von einem funktionierenden Bürgertum, das nicht nur aus 50 Menschen bestehe, es seien 150 engagierte Bürgerinnen und Bürger. Das Gegenteil von einem Neonazi sei nämlich der Demokrat, sagt er, und nicht etwa der Linksextremist oder der Autonome, wie es manche den Treibhäuslern unterstellen.

Begleitet von einem Schatten

Spricht man Menschen beim Mittagessen am Nebentisch an, sagen sie: Hier ist's gut. Conrad aus dem Treibhaus hält das für eine Verharmlosung. Döbeln hat zwar keine rechtsextremen Aufmärsche erlebt wie Chemnitz, und ja, es gibt schlimmere Regionen in Sachsen. "Aber wir reden hier ja von gesellschaftlichen Zuständen", sagt Conrad. Für Menschen wie ihn sind rechtsextreme Strukturen nichts Abstraktes, sondern reale Personen. Und die gibt es auch in Döbeln. Damals wie heute, zum Beispiel Stefan Trautmann.

Trautmann ist 33 Jahre alt und seit vier Jahren NPD-Stadtrat in Döbeln. Er ist einer, vor denen das Treibhaus Schutz bieten soll. Auch er ist hier aufgewachsen und geblieben. Manchmal, wenn Conrad einkaufen geht, begegnet er Trautmann. Auf die Frage, wie er dann reagiere, sagt er: "Ich blicke ihn dann an, mit Verachtung." Trautmann hingegen grinse einfach nur.

Trautmann war am 1. Mai 2015 an einem gewalttätigen Übergriff auf eine DGB-Kundgebung in Weimar beteiligt. Sein Vorstrafenregister ist lang: Es reicht von vorsätzlicher Körperverletzung über Diebstahl, Sachbeschädigung bis hin zu Hausfriedensbruch. Heute, sagt er, schäme er sich für seine Taten von damals.

NPD Stadtrat Stefan Trautmann. Bild vom 26. November 2018 © ZEIT Online

Trautmann läuft mit schnellen Schritten um die Ecke auf den Rathausplatz zu. Er ist spät dran zum Gesprächstermin. Er ist nicht alleine gekommen. Ein junger Mann, vermutlich im selben Alter, erwartet ihn bereits. Sie begrüßen sich mit freundschaftlichem Handschlag. Die nächste Dreiviertelstunde wird er Trautmann wie einen Schatten begleiten. Er wird, unbeholfen auffällig, Fotos vom Geschehen machen und auf die Frage, ob er nicht selbst auf den Fotos sein wolle, antworten: Dann müsse er die Kamera zerstören.

Er wird nicht fragen, ob er beim anschließenden Gespräch dabei sein darf, er wird es einfach tun. Sich an den Tisch nebenan setzen, ab und an auf seinem Smartphone herumtippen, etwas dazwischenrufen. Und seinen Namen nicht nennen. Wer dieser Mann ist, lässt sich auch später nicht klären. Im Treibhaus weiß niemand, wer er sein könnte. Er bleibt ein Unbekannter, der offensichtlich versucht, einschüchternd zu wirken. Trautmanns Schatten wird die nächsten Tage immer wieder auftauchen: beim Bäcker, in den Gassen, auf dem Rathausplatz. Er wird sein Revier markieren. Aber zunächst ist er da, um auf Trautmann aufzupassen, damit keine Aussage falsch verstanden wird. Man habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht, hatte Trautmann zuvor am Telefon gesagt.