Als sich ihre Lieblingsband trennte, musste unsere Autorin heulen. Zehn Jahre später tritt die Band Muff Potter wieder auf und sie fragt sich: Lieben wir uns noch?

Alles war scheißtraurig. Neben mir stand der Junge, dem ich nicht sagen wollte, was ich für ihn empfand. Vor mir spielte meine Lieblingsband gerade ihr letztes Konzert. Es war 2009 und die Deutschpunkband Muff Potter wollte nicht mehr. Nach sechzehn Jahren. Das kann‘s doch nicht gewesen sein, heut Nacht sterb ich für mich allein, sang Nagel zum Schluss, dann verstummten die Gitarren. Als das Deckenlicht anging, verabschiedete ich den Jungen, allein fuhr ich mit der Westfalenbahn nach Hause. Dort nahm mich meine Oma in den Arm. Trennungen, mein Kind, tun immer weh. 

Muff Potter war die wichtigste Band meiner Jugend, weil sie sangen, was ich nicht sagen konnte. Sie beschrieben, was ich fühlte, obwohl ich es nicht wollte. Ich war 16, als ich sie entdeckte, und 18, als sie sich trennten. Sie war meine Lieblingsband und hatte damit einen ähnlich kostbaren Status, wie ihn beste Freunde haben. Sie war die eine Band, die einen immer verstand. Erst wurde Alles war schön und nichts tat weh zu meinem ICQ-Status, dann Ein 100 Kilo Herz schlägt auf mich ein, später Wir beiden sind die Guten. Muff Potter hielt mir die Hand, als die Welt auf mich zuzurauschen begann. Das Plakat von ihrer letzten Tour klebte noch bis kurz nach meinem Abitur an der Tür zu meinem Jugendzimmer. "Gute Aussicht" stand darauf. Dann vergaß ich Muff Potter. Ich zog zu Hause aus und weiter. 

Am 3180. Tag nach ihrer Auflösung verkündete Thorsten Nagelschmidt, Frontsänger und Gitarrist, was mir damals unmöglich schien: Muff Potter kommen zurück. Wir spielen eine Tour durch ganz Deutschland, in alter Besetzung, mit den alten Songs. Als ich die Neuigkeit in meinen sozialen Netzwerken teilte, erreichte mich eine private Nachricht: "Marlo würde durchdrehen, er hat sich das immer so sehr gewünscht." Marlo war seit zwei Jahren tot, er starb mit 29. Auch mit ihm war ich damals in Münster gewesen. Ich kaufte mir eine Karte. Ich wollte wissen, was mich noch mit Muff Potter verband.

Ein halbes Jahr später treffe ich meine beste Freundin Wiebke am Hamburger Hauptbahnhof. Sie kennt die Band noch aus Teenagertagen. Wie ich kommt sie aus Niedersachsen, wuchs mit Wodka-O und Rockkonzerten auf. Um vorzuglühen, kaufen wir uns Dosenbier am Kiosk, zwei Paderborner für 3,30 Euro. Wir haben noch zwanzig Minuten, sage ich und rauche drei Zigaretten hintereinander. Anders als damals würde ich die Band gleich nicht mehr nur als ehemaliger Fan treffen, sondern auch als Journalistin. Ein Date mit meiner Vergangenheit würde es trotzdem bleiben. Ich hatte Nagelschmidt um ein Interview gebeten, in dem wir übers Älterwerden sprechen. Er hatte sofort zugesagt.  

Im Backstage der Hamburger Markthalle begrüßt mich Nagelschmidt in Blumenhemd und Anzug. Er ist so elegant gekleidet, wie man ihn von seinen Lesungen kennt. Mittlerweile ist er Buchautor, sein letzter Roman, Abfall der Herzen, erschien im Februar. Ich muss noch eben die Setlist durchgehen, dann können wir sprechen, ja? Nagelschmidt trinkt einen Weißwein, ich ein Bier. Wollte eigentlich erst später anfangen zu trinken, sagt er und lacht. Einen Auftritt ihrer Reunion-Tour hatte die Band schon hinter sich, am Tag vorher spielten sie in Köln.