Tausende Schüler streiken in Berlin fürs Klima. Sie sind Teil einer neuen weltweiten Bewegung. Wer sind diese Jugendlichen, denen der Klimawandel nicht egal ist?

150.000 Nachrichten ploppen täglich auf Luisas Handybildschirm auf. Von großen Medienhäusern, von 9-Jährigen, die fragen, wann der Bus aus Deggendorf nach Berlin fährt und von der Pressesprecherin des Wirtschaftsministers Peter Altmaier. Die 22-Jährige hat versucht, jede von ihnen zu beantworten, damit heute alles funktioniert. Jetzt steht sie auf einer kleinen Bühne vor dem Wirtschaftsministerium, vor ihr Tausende Schüler. "Hi, ich bin Luisa. Mit den meisten von euch hatte ich schon zu tun." Auf dem Platz wird es laut. Applaus und Jubel. Fast alle hier kennen Luisa. Aus Telefonkonferenzen oder aus den WhatsApp-Chats, in denen sie den heutigen Klimastreik in Berlin mit Freunden vorbereitet haben.

Es ist der Moment, auf den Luisa in den letzten Wochen hingearbeitet hat. Der zentrale Streik in Berlin. Vor dem Wirtschaftsministerium, in dem gleichzeitig die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung darüber entscheidet, wie es weitergeht. Mit der Kohle. Mit dem Klima.

Seit November gehen Tausende Jugendliche in Deutschland freitags unter dem Motto Fridays for Future auf die Straße statt in die Schule oder in die Uni. Die Klimakrise warte nicht, sagen sie. Und dass die Politikerinnen und Politiker endlich handeln sollen, um die Klimaziele für 2020 noch zu erreichen. Die Schülerinnen und Studenten organisieren sich selbst. Hinter dem Protest stehen keine großen Umweltverbände. Ein paar der Demonstrantinnen sind zwar schon länger in Umweltverbänden aktiv, aber viele hier sind zum ersten Mal auf einer Demo. Sie organisieren sich über WhatsApp und mobilisieren auf Instagram. Allein in Deutschland haben sich auf diese Weise in den letzten zwei Monaten 100 Ortsgruppen gegründet. Auch in Belgien, Australien und der Schweiz wächst die Bewegung. Am Donnerstag liefen 32.000 Streikende durch Brüssel. Ist das die Generation, die den Klimaschutz durch ihren Protest massiv verändern wird?

"Nein, wir sind immer noch nur ein Bruchteil unserer Generation", sagt Luisa. "Aber Greta war ganz allein und sie hat einen Riesenunterschied gemacht." 

"Sie", das ist Greta Thunberg. Die 16-Jährige war die Erste, die im Namen des Klimas den Unterricht schwänzte. Im August 2018 demonstrierte Greta vor dem Parlament in Stockholm. "Skolstrejk för Klimatet" stand auf ihrem Schild – Schulstreik fürs Klima. Medien in ganz Europa berichteten darüber. Im Dezember wurde sie auf die UN-Klimakonferenz nach Katowice eingeladen. Auch Luisa reiste dorthin, als junge Beobachterin für die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Sie hatte vorher schon von Greta gelesen und wollte sie persönlich kennenlernen.

Nach ihrer Rede spricht sie Greta und ihren Vater an. "Dem Vater stand der Schweiß auf der Stirn. Da habe ich gemerkt, wie gestresst die beiden waren", erzählt Luisa am Tag vor dem Streik. Kurzerhand beschließt sie, den beiden zu helfen, und übernimmt in den nächsten Tagen die Koordination ihrer Pressetermine. Gemeinsam denken sie darüber nach, wie man die Bewegung auch in Deutschland anstoßen könnte. "Ich bin konstruktiv erzogen worden", sagt Luisa. "Während der Klimakonferenz dachte ich mir ständig: Wieso springt hier niemand auf und sagt was?"

Luisa nimmt Gretas Idee mit nach Deutschland. Schnell findet sie Verbündete in anderen Städten. Dabei half es, dass Luisa gut vernetzt ist in der Klimaszene. Sie hat während ihres Studiums in Göttingen eine Ortsgruppe von Fossil Free Deutschland gegründet und hinterher in Berlin für die Organisation gearbeitet. Für den Klimastreik ist es ihr aber wichtig, dass die großen Umweltverbände sich im Hintergrund halten. Sie unterstützen den Streik mit Infrastruktur, sollen aber keine Fahnen und Flyer mitbringen. Im Fokus stehen die Anliegen der Schülerinnen und Schüler.