Der brasilianische Präsident Bolsonaro schürt Hass gegen LGBT+-Menschen. Jetzt hat ein schwuler Abgeordneter das Land verlassen. Wie geht es weiter?

Er würde seinen Sohn lieber tot sehen als schwul, sagte Jair Bolsonaro – und konnte trotzdem 55 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer überzeugen, ihn zum Präsidenten zu wählen. Schon vor Bolsonaros Wahlsieg war Brasilien gespalten: teils offen gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgeschlechtlichen Menschen, teils feindselig. Gesetze unterstützen die LGBT+-Community, es gibt die Ehe für alle und ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Gleichzeitig hat Brasilien eine der höchsten LGBT+-Mordraten weltweit: Allein im Jahr 2018 wurden nach Zählungen der Organisation Grupo Gay da Bahia 320 LGBT+-Menschen umgebracht.

Mit seinen homophoben Aussagen verstärkt Bolsonaro diese Spaltung, viele LGBT+-Menschen in Brasilien haben Angst. Der schwule Kongressabgeordnete Jean Wyllys wurde so massiv mit dem Tod bedroht, dass er vor Kurzem sein Amt niedergelegt und das Land verlassen hat. "Ein bedrohtes Leben zu erhalten, ist auch eine Strategie, für bessere Tage zu kämpfen", schrieb Wyllys bei Twitter und Instagram.

Wie geht es der LGBT+-Community in Brasilien? Wie sehr hat sich das Leben der Mitglieder unter Bolsonaro verändert und wie gehen sie damit um? Vier junge Brasilianerinnen und Brasilianer erzählen.

"Meine Firma organisiert einen Taxiservice, um uns vor Übergriffen auf der Straße zu schützen"

Mariana Lima, 30, ist auf dem Aufmacherfoto zu sehen. Sie ist Videoproduzentin und sucht für eine Werbeagentur in São Paulo Influencer. Grundsatz ist, alle Minderheiten einzuschließen, um zu zeigen, dass die Welt nicht weiß, cis und hetero ist.

"Ich arbeite in einer Werbeagentur, in der sehr auf Diversität und Inklusion geachtet wird. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind LGBT+, People of Colour oder kommen aus ärmeren Vierteln am Rand von São Paulo. Als Bolsonaro vor der Präsidentschaftswahl seine aggressiven Reden schwang und die Wählerinnen und Wähler damit praktisch zu Gewalt anstachelte, richtete meine Firma einen Taxiservice ein, um sicherzustellen, dass wir auf dem Heimweg nicht zusammengeschlagen werden.

Die Gefahr ist real, seit Bolsonaros Aufstieg haben sich Meldungen von Angriffen gehäuft: Freundinnen von mir wurden auf der Straße beschimpft, weil sie Händchen hielten, ein lesbisches Paar wurde in der U-Bahn attackiert, zwei Schwule auf der Rua Augusta bedroht. Bis heute hat meine Firma einen Van, der Mitarbeiter vom Büro direkt zur U-Bahn-Station bringt, so umgehen wir zumindest den besonders gefährlichen Weg an der Straße entlang. Der Van fährt jeden Morgen und Abend im halbstündigen Takt, von 9 bis 11 und von 19 bis 21 Uhr.

"Die Menschen scheuen nicht mehr davor zurück, ihre Aggressionen offen zu zeigen."
Mariana Lima

Die Angst bleibt trotzdem. Die Menschen scheuen nicht mehr davor zurück, ihre Aggressionen offen zu zeigen – physisch oder verbal. Das sehe ich an meinem eigenen Vater: Er hat zwar meine Bisexualität letztendlich akzeptiert, stimmte aber bei der Wahl für Bolsonaro. Mich persönlich greift er nicht an, aber er redet inzwischen offen von "Schwulen-Indoktrinierung" und glaubt, dass Kinder in der Schule durch "Gender-Ideologie" schwul gemacht würden. Ich diskutiere ständig mit ihm, doch er glaubt eher den Informationen aus WhatsApp oder Facebook als journalistischen Artikeln, die ich ihm zeige.  

Dass man ab und zu mit dem Gedanken spielt, Brasilien zu verlassen, ist für viele Queere hier normal, auch für mich. Doch ich würde mich feige fühlen, wenn ich es wirklich täte. Ich bin kein Jean Wyllys, dessen Leben konkret und massiv bedroht wurde. Ich hätte gerade auch gar kein Geld und keine Möglichkeit, anderswo neu anzufangen.

Doch selbst wenn ich es hätte, wäre Gehen nicht meine erste Option. Ich glaube daran, dass jede Person, jede kleine Veränderung jetzt gebraucht wird. Wir müssen zusammenhalten. Meine queere Community in São Paulo würde mir außerdem sehr fehlen: Sie ist wie eine Familie. Viele von uns haben in ihrer biologischen Familie wenig bis gar keinen Rückhalt. Die LGBT+-Familie ist daher unglaublich wichtig, wir unterstützen uns gegenseitig."