Franziska Giffey steht unter Plagiatsverdacht. Wo liegt die Grenze zwischen gerade noch zulässigen Fehlern und Betrug? Ein Gespräch mit dem Juraprofessor Stephan Rixen

Willkürliche Zitate und fehlende Quellenangaben: Die Dissertation von Familienministerin Franziska Giffey steht unter Plagiatsverdacht. Das hat die Plattform VroniPlag öffentlich gemacht. Jetzt prüft Giffeys ehemalige Hochschule, die Freie Universität Berlin, die Arbeit. Wo ist die Grenze zwischen einem gerade noch zulässigen Fehler und Betrug? ZEIT Campus ONLINE hat mit Stephan Rixen gesprochen. Er ist Professor für Verfassungsrecht an der Universität Bayreuth und Sprecher des Ombudsgremiums für die Wissenschaft bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Gremium berät Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Fragen der wissenschaftlichen Redlichkeit.

ZEIT Campus ONLINE: Wir hören immer wieder und gefühlt immer öfter von Plagiatsfällen. Sind die Studierenden schlampiger geworden oder die Verfahren, um Betrug zu bemerken, besser?

Stephan Rixen: Das muss man differenziert betrachten. Die aktuellen Fälle, wie der des CDU-Bundestagsabgeordneten Frank Steffel oder jetzt die Vorwürfe gegen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey haben ja nichts mit heute Studierenden zu tun, sondern liegen länger zurück. Für mich stellt sich da vor allem die Frage nach dem Sinn von externen Promotionen. Also nach den Doktorarbeiten, die nicht in einem lebendigen, tagtäglichen Kontakt zum Wissenschaftsbetrieb entstehen.

ZEIT Campus ONLINE: Für Sie hängen also Plagiate und Doktorarbeiten, die nicht an den Universitäten geschrieben werden, zusammen?

Rixen: Ich will nicht sagen, dass jede externe Promotion von vornherein die Gefahr in sich birgt, schiefzugehen. Aber ich habe den Eindruck, dass bei vielen dieser externen Promotionen, die sich häufig kaugummiartig über Jahre hinziehen, der Kontakt zum Wissenschaftsbetrieb verloren geht und oft die Mehrfach- und Überbelastung unterschätzt wird. Dann wird hier und da nicht mit der gebotenen Sorgfalt gearbeitet. Ob das dann eine gerade noch zulässige Form des Arbeitens ist oder schon in wissenschaftliches Fehlverhalten kippt, wo grob fahrlässig die Regeln nicht beachtet wurden, ist tatsächliche eine Frage des Einzelfalls. Da verschwimmen die Grenzen.

Stephan Rixen ist Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingesetzten Gremiums Ombudsman für die Wissenschaft. Er lehrt Verfassungsrecht an der Universität Bayreuth. © privat

ZEIT Campus ONLINE: Wo ziehen Sie denn die Grenze zwischen noch zulässig und grob fahrlässig?

Rixen: Es kommt auf die subjektive Seite an. Grob fahrlässig wäre ein Arbeitsstil, der sich gar nicht mehr darum kümmert, was eigentlich Maßstäbe der Sorgfalt sind. Die allgemeine Diskussion über wissenschaftliches Fehlverhalten unterscheidet zwischen grob fahrlässigem und vorsätzlichem wissenschaftlichem Fehlverhalten. Das ist schon mal wichtig. Nicht jeder kleine Fehler ist schon wissenschaftliches Fehlverhalten. Er verstößt "nur"
gegen die Standards guter wissenschaftlicher Praxis. Insofern braucht niemand Sorge zu haben, wenn er vielleicht in einem Zitat einen Namen irrtümlich falsch schreibt oder mal eine Seite irrtümlich falsch zitiert, dann ist nicht gleich der Doktorgrad in Gefahr. Solche Dinge können durchaus einmal passieren. Aber Plagiate, vorsätzliche oder grob fahrlässige Übernahmen fremder Texte oder Ideen, die passieren nicht nur einfach mal so.

ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie denn das Gefühl, dass Ihre Studierenden zunehmend Angst haben, etwas falsch zu machen?

Rixen: Absolut. Das beobachte ich schon. Viele Studierende haben nicht mehr das Gespür dafür, dass ein Fehler an sich nicht schlimm ist, sondern dass es erst dann problematisch wird, wenn sich Fehler häufen oder gezielt nicht sauber gearbeitet wird. Ich glaube, es ist die Aufgabe der Lehre, sehr konkret zu erklären: So macht ihr das richtig und so ist es nicht richtig. Es muss klar werden, wo Ängste berechtigt sind und wo nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Die öffentliche Diskussion um Plagiate schürt also bei den Studierenden einerseits Ängste. Erhöht sie andererseits auch die Qualität des wissenschaftlichen Arbeitens?

Rixen: Ich glaube, ja. In den letzten zehn Jahren, in denen es auch eine Reihe von Plagiatsfällen gab, hat die Sensibilität extrem zugenommen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie lehren an der Universität Bayreuth. Also an der Uni, die Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel entzogen hat. Was hat die Universität aus diesem Fall gelernt?

Rixen: Das Bewusstsein für dieses Thema ist viel stärker geworden. Wenn Sie so eine Krise als Universität erlebt haben, dann verändert das eine Einrichtung. Das Thema bekommt eine ganz andere Bedeutung. Das zeigt sich etwa darin, dass wir in Bayreuth seit dem Vorfall eine Graduate School haben, die Studierenden hilft, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, ihre Verantwortung in der Wissenschaft wahrzunehmen.

"Wenn jemand betrügen will, können Sie das nicht verhindern"

ZEIT Campus ONLINE: Worin sehen Sie denn überhaupt Gründe, ein Plagiat zu begehen?

Rixen: Ich kann keinen wirklich tragfähigen Grund erkennen. Es gibt natürlich, wenn man sich mit diesen Fällen beschäftigt, jeweils in der konkreten Lebenslage Gründe dafür: Zeitnot, viel zu tun im Beruf oder Pflichten im Privaten, aber trotzdem wird das persönliche Ziel, einen Doktorgrad zu erreichen, weiterverfolgt. Anstatt dann zu erkennen, es geht einfach nicht, ich kann unter diesen Bedingungen keine Doktorarbeit fertigstellen, wird dann auf Biegen und Brechen die Doktorarbeit fertig gemacht.

ZEIT Campus ONLINE: Für gewisse Jobs brauche ich aber einen Doktortitel – und den zu machen, kann ich mir nur leisten, wenn ich nebenbei arbeite. Sind das nicht auch strukturelle Gründe?

Rixen: Ja, es gibt tatsächlich in vielen Bereichen noch diese Bedeutung des Doktorgrades. Ich glaube, in solchen Fällen müssen die Universitäten, konkret die Professorinnen und Professoren, klarstellen, was eine Promotion eigentlich bedeutet: Machen wir Wissenschaft oder wollen wir, dass Menschen außerhalb der Wissenschaft wegen ihres Doktorgrades einen Vorteil haben? Das ist, glaube ich, eben nicht unsere Aufgabe.

ZEIT Campus ONLINE: Was sind die Chancen einer öffentlichen Diskussion, so wie sie jetzt nach den Plagiatsvorwürfen gegen Bundesfamilienministerin Giffey stattfindet?

Rixen: Auf jeden Fall das stärkere Bewusstsein für dieses Thema. Generell muss man aber zwischen dem unterscheiden, was für den Politikbetrieb interessant ist, und dem, was für den Wissenschaftsbetrieb interessant ist. Für die Wissenschaft ist es tatsächlich die Frage nach der externen Promotion: Wäre die Wissenschaft ärmer, wenn wir diese Promotionen nicht hätten?

ZEIT Campus ONLINE: Und wäre sie das?

Rixen: Generell nicht. Nach meinem Eindruck ist der Ertrag bei vielen externen Promotionen doch eher gering. Natürlich kenne ich einzelne Arbeiten, die neben einer anderen Beschäftigung abgeschlossen wurden und dennoch über jeden Zweifel erhaben sind, was die Frage der wissenschaftlichen Redlichkeit angeht. Teilweise wird aber eben hier und da nicht mehr mit der gebotenen Sorgfalt gearbeitet. 

"Wir müssen aber aufpassen, dass darüber nicht der Eindruck entsteht, die Wissenschaft sei ein einziger Hort von Problemen."
Stephan Rixen

ZEIT Campus ONLINE: Bei internen Arbeiten sehen Sie das Problem nicht?

Rixen: Wenn jemand betrügen will, dann können Sie das nicht verhindern – egal ob intern oder extern. Was ich bei internen Arbeiten aber verhindern kann, sind kleine Sorgfaltsverstöße, und ich kann als Betreuer zeitnah warnen, wenn ich das Gefühl habe, dass da etwas kippt.

ZEIT Campus ONLINE: Studierende an amerikanischen und britischen Unis müssen jede Arbeit vor der Abgabe prüfen lassen. Von Software, die Plagiate findet. Warum ist das in Deutschland kein Standard?

Rixen: Die Bedeutung solcher Plagiatssoftware wird meines Erachtens überschätzt. Auch da muss vieles nochmals im Detail geprüft werden, dazu braucht es Personal. In vielen Fächern sind auch nicht alle Quellen online verfügbar. Eine flächendeckende Prüfung ist praktisch nicht realisierbar. Außerdem würde das auch ein falsches Signal aussenden: Es wäre ein Signal des Misstrauens bei der Frage, wie gehen wir im wissenschaftlichen Betrieb miteinander um.

ZEIT Campus ONLINE: Dafür kann jeder in seiner Freizeit nach Plagiaten suchen und die öffentlich machen, zum Beispiel auf VroniPlag. Dort wurde auch die Dissertation von Franziska Giffey geprüft. Was halten Sie von dieser Plattform?

Rixen: Es ist gut, dass wir solche Plattformen haben. Jede Organisation neigt dazu – und das gilt auch für die Wissenschaft – mit der Zeit ein bisschen zu erstarren, nicht mehr zu jeder Zeit sensibel zu sein für Probleme. Deshalb ist es, glaube ich, gut, dass wir von außen solche Impulse bekommen. Aber nicht Plattformen entziehen Doktorgrade, sondern da greifen allein die Prüf- und Entscheidungsmechanismen des Wissenschaftsbetriebs. Die Portale sind zweifellos wichtig. Wir müssen aber aufpassen, dass darüber nicht der Eindruck entsteht, die Wissenschaft sei ein einziger Hort von Problemen. Denn das ist ein falsches Bild.