Ich spreche über meine Herkunft nur noch zu meinen Bedingungen. Warum mich die Wo-kommst-du-her-Frage stört.

Über meine Herkunft spreche ich gern. Ich tue das als Journalistin, in sozialen Medien und in meinem Podcast, manchmal erzähle ich auch im Smalltalk vom "Asia Imbiss" meiner Eltern, empfehle Künstlerinnen, Regisseure und Autorinnen mit asiatischem Hintergrund. Aber ich spreche darüber zu meinen Bedingungen. Ich entscheide, wann ich wie viele Facetten von mir herauskehre. Wann ich nur #vonhier sein will und wann ich mehr sein will.

Wo-kommst-du-her-Fragende stört es, dass ich mir dieses Recht nehme. Ich kann beobachten, wie sich ihre Gesichtszüge verhärten, wie sie nach meiner höflichen Ablehnung zu antworten nach den immer gleichen Rechtfertigungen greifen. Sie waren nur neugierig. Sie haben es nicht böse gemeint. Sie haben asiatische Freunde oder Urlaubserfahrungen und wollen darüber sprechen. Man wird doch wohl noch fragen dürfen. Sie sind doch nur aufmerksam.

Diese Rechtfertigungen kommen so reflexhaft und emotional, dass ich mich schwertue, dahinter etwas anderes zu sehen als ein gekränktes Selbstverständnis. Die Fragenden glauben, sie könnten jederzeit das Wissen von Minderheiten anzapfen und müssten keine Verantwortung für die Gefühle übernehmen, die sie damit auslösen.

Das hat Tradition: Jahrhundertelang zogen Missionare, Ethnologen oder Kolonialherren durch die Welt, und wenn sie gute Laune hatten, stellten sie nicht weißen Menschen Fragen. Nach ihren Führungspersonen, Familienstrukturen und Religionen, nach ihrem Vermögen, ihrem Wissen um Natur und Medizin, nach ihrer Sexualität. Sie fragten aus Forschungsinteresse, aus Machtinteresse und weil sie es konnten. Die Gefragten hatten zu antworten, im Zweifel unter Anwendung von Gewalt. Bis heute lebt das Selbstverständnis fort, nicht weißen Personen jederzeit intimste Fragen stellen zu können. Im Asylverfahren sollen misshandelte und gefolterte Personen ohne psychologische Betreuung im Detail von ihrer Erfahrung erzählen. Im Alltag werden Menschen völlig unvermittelt nach teils traumatischen Rassismuserfahrungen gefragt, nach teils gewaltvollen Familiengeschichten.

Mir widerstrebt diese Ignoranz. Die Leute können sich ja denken, dass Flucht und Migration keine harmlosen Themen sind. Sie wissen doch, was auf der Welt passiert. Mir käme es nicht in den Sinn, weiße Deutsche einfach so zu fragen, was ihre Großeltern 1933 getan haben – nur weil ich neugierig bin und es bestimmt interessanten Gesprächsstoff hergeben würde. Umgekehrt erwarte ich auch, dass man mir derart politisch aufgeladene Fragen nicht einfach so stellt. Und wenn es passiert, dann bin ich keine Antwort schuldig.

Ich will aber nicht von mir auf andere schließen. Ich kenne Menschen, die auf "Woher kommst du?" gern den Geburtsort ihrer Eltern und Großeltern nennen und ihre Familiengeschichte erzählen. Sie haben vielleicht andere Erfahrungen mit ihrer Herkunft und dieser Frage gemacht. Sie tragen vielleicht weniger Wut, Angst und Ausgrenzungsschmerz in sich. Sie sind vielleicht im Ausland geboren und mit ihrer Identität im Reinen, oder sie waren in ihrer Kindheit und Jugend umgeben von Menschen mit ähnlichen Biografien. Bei mir war das anders. 

#vonhier
Diese Frage tut weh
Was macht die Frage "Woher kommst du?" mit Menschen, die sie ständig hören? Im Video geben fünf Betroffene eine Antwort.

Mich interessiert nicht, wie die Frage gemeint war

Warum bin ich so empfindlich, wenn ich auch stolz sein könnte? Warum hege ich Groll gegenüber Menschen, die neugierig sind? Die keine böse Absichten haben? Warum kann ich mich nicht einfach entspannen? Gelassener, selbstironischer sein? Nicken und lächeln?

Ich habe lange darüber nachgedacht und den Fehler nicht bei mir gefunden. Dass mich die Woher-kommst-du-Frage jedes Mal aufs Neue aufwühlt, hat nicht mit meiner persönlichen Empfindlichkeit zu tun. Es hat damit zu tun, dass die Antwort nicht einfach nur "Vietnam" lautet. Sie beinhaltet Krieg, Gewalt, Flucht und Traumata. Das sind keine einfachen Themen für mich. Und es hat damit zu tun, dass allein die Frage mich zu einer Fremden macht und ich für mein vermeintliches Fremdsein ausgelacht, ausgeschlossen und zusammengeschlagen wurde. Ich konnte viele Jahre nicht sicher sein, überhaupt in diesem Land leben zu dürfen, sondern hatte Nacht um Nacht Angst vor Abschiebungen. Ich war nicht nur optisch anders – mein Anderssein war existenzbedrohend.

Mich interessiert es nicht, wie Leute die Frage gemeint haben. Wenn ich bei beruflichen Terminen, im Zug oder auf Partys gefragt werde, woher ich komme, dann tut das weh. Dann denke ich an Gewalt und Abschiebung. Ich nehme die Frage und mein Anderssein dann mit nach Hause, oft allein. Ich will ja keine Szene machen, mich nicht in Diskussionen verstricken, in denen ich – die Verletzte – am Ende die Unsachliche bin, weil ich mit Argumenten nicht weiterkomme.

Man kann sich das wie Nadelstiche vorstellen: Ein Pikser verletzt kaum, aber alle paar Tage gestochen zu werden, macht die Haut wund. Und niemand bringt Salbe. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, was er oder sie für mich tun kann. Die Leute beschweren sich stattdessen über meinen Schmerz, etikettieren ihn als Diskursunfähigkeit und reden darüber, wie sie es gemeint haben. Dass sie keine Rassisten sind. Als ginge es in dem Moment um sie.

Für die Woher-kommst-du-Fragenden ist diese Frage harmlos. Sie stellen sie und haben sie kurze Zeit später vergessen. Ich habe sie nie nach wenigen Sekunden vergessen. Egal was ich tue, ob ich mich gegen die Frage auflehne oder sie stoisch beantworte und negative Erinnerungen zulasse – am Ende bin ich die Verliererin. Deswegen stört sie mich.