Der Brexit hat Madeleina Kay politisiert: Seit fast drei Jahren versucht sie, ihn zu stoppen. Dabei schafft sie, woran Remain-Kampagne und EU bisher gescheitert sind.

Als eigentlich alles verloren war, beschloss Madeleina Kay, ein Kostüm anzuziehen und zu singen. Ein feuchtkalter Sonntagnachmittag auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Madeleina betritt die kleine Bühne, die sich an die Stufen vor dem Konzerthaus klammert, die geliehene Gitarre vor dem Bauch. Sie sieht aus, als hätte sie einen Londoner Souvenirshop leer gekauft: Ihr Mantel ist vollgedruckt mit der britischen Flagge, dem Union Jack. Dazu trägt sie Union-Jack-Gummistiefel und Union-Jack-Handschuhe. Die EU-Flagge ist weniger aufdringlich: blau gefärbter Pony, goldenes Glitzer auf der linken Schläfe, blau-goldener Nagellack.

Madeleina hält ein Plakat in die Höhe, gestern Abend im Hotel schnell mit Wasserfarben auf ein Briefkuvert gemalt: I think we should stay steht da, Ich denke, wir sollten bleiben. Es ist der Titel des ersten Liedes, das Madeleina für die Menschen singt, die heute zur Pulse-of-Europe-Kundgebung auf den Gendarmenmarkt gekommen sind. Ein Liebeslied für Europa, so nennt sie es, und so klingt es auch: "Wir sind sicher in deinen Armen, wir sind sicher an deiner Seite", singt Madeleina, "wir sind stärker, wenn wir eins sind." Mehr Radioballade als Protestsong. Smartphones filmen und fotografieren die Performance. Als Madeleina später ihr zweites Lied singt, sagt eine ältere Frau mit Wollmütze und Brille: "Ja, die ist toll. Die Leute hören ihr zu, Politiker sind zu doof."

Ein Symbol für den Kampf gegen den Brexit

Madeleina Kay ist 24 Jahre alt, sie lebt mit ihrem Vater in Sheffield, einer Stadt mitten in England. In den vergangenen Monaten wurde Madeleina zu einem Gesicht des Anti-Brexit-Protests in Großbritannien: Wenn die Parlamentarier mal wieder über Theresa Mays Deal abstimmten und die Menschen vor dem Parlament protestierten, erschien ihr Bild in den Medien, auch in Deutschland. Bei Twitter verfolgen 28.800 Menschen, wie sie gegen den EU-Ausstieg ihres Landes kämpft, bei Instagram sind es mehr als 2.800. Im vergangenen Jahr ernannte eine Stiftung Madeleina zur Jungen Europäerin des Jahres. Zur Feier der Auszeichnung ließ sie sich ein Tattoo auf den linken Unterarm stechen: Toujours EUropéenne, Immer EUropäisch, dazu ein paar Noten aus dem Lied Vincent von Don McLean. Auch Madeleina ist ein bisschen mehr Radioballade als Protestsong.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der "Pulse-of-Europe"-Kundgebung stehen vor der Bühne auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Eigentlich begann Madeleinas Kampf zu spät: am 23. Juni 2016, dem Tag, an dem eine knappe Mehrheit der Britinnen und Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmte. Madeleina war zwar für den Verbleib in der EU, zwei Tage vor dem Referendum hatte sie ein Video bei YouTube gepostet, darunter der Aufruf: "Vote remain". Aber wirklich gegen den Brexit gekämpft habe sie nicht, sie sei nicht für die EU auf die Straße gegangen. "Ich nahm den Brexit nicht als Gefahr wahr."

Erst mit dem Ergebnis wurde die Gefahr real: 51,9 Prozent für Leave. Sie sei geschockt gewesen, sagt Madeleina heute, so geschockt, dass sie etwas tun wollte. Also nahm sie ihre Gitarre und schrieb einen Song. Wenige Tage später sang sie das Lied bei einer Kundgebung der Liberal Democrats, der einzigen britischen Partei, die offen für Remain geworben hatte. Es folgten weitere Songs, Events, Social-Media-Postings. Nach den Sommerferien ging Madeleina zurück an die Uni, viertes Trimester Landschaftsarchitektur in Sheffield. Sie wollte weiter studieren. Doch dann machte sie einen Ausflug.

Mit einem Seminar fuhr Madeleina ins Stadtzentrum von Sheffield, wo dank des Grey-to-Green-Projekts jetzt Bäume, Blumen und Bänke stehen, wo früher nur Asphalt und Pflaster waren, mitfinanziert von der EU. Die erste Projektphase ist bereits beendet, eigentlich sollte es noch weitere Phasen geben. "Aber unsere Dozenten sagten, dass das Projekt vielleicht nicht fertiggestellt werden könne, weil unklar sei, woher das Geld nach dem Brexit kommen werde", sagt Madeleina. Sie störte aber noch etwas anderes: "Nirgendwo war eine EU-Flagge, die zeigte, dass die EU für die Finanzierung gesorgt hatte." Sie recherchierte und fand weitere Projekte in Sheffield, für die das Gleiche gilt. Heute sagt sie, sie habe damals nicht nur verstanden, wie viele Vorteile eine EU-Mitgliedschaft hat, sondern auch, wie wenig die Briten darüber wissen. Also beschloss sie, ihr Studium abzubrechen und 100 Prozent ihrer Zeit darauf zu verwenden, das zu ändern, finanziert durch Crowdfunding.

Madeleinas Geschichte klingt wie die eines Start-ups, bei dem die Erleuchtung am Anfang stand und dann der Erfolg kam. Nur, dass sie keine Produkte verkauft, sondern sich selbst: Madeleina hat sich zur Influencerin für Europa gemacht. Nicht, um Geld zu verdienen, die EU zahlt nicht, wenn Madeleina ihre Flagge in die Kamera hält. Es ist ihr Versuch, den Brexit zu stoppen. Und eine Geschichte über die EU zu erzählen, die bisher gefehlt hat, nicht nur in Großbritannien.

So emotional sein wie die Leave-Kampagne

Madeleina Kay ist nach Berlin gekommen, um zwei ihrer Anti-Brexit-Lieder zu singen. Sie kämpft dafür, dass Großbritannien in der EU bleibt. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Zwei Minuten bevor die Pulse-of-Europe-Kundgebung auf dem Berliner Gendarmenmarkt losgeht, kramt Madeleina eine deutsche und eine europäische Flagge aus ihrer Umhängetasche. "Ich habe mich vorbereitet", sagt sie und grinst. Sie bindet die Flaggen an eine Teleskopstange, stellt sich breitbeinig auf die Stufen vor dem Konzerthaus und schwenkt die schwarz-rot-blau-goldenen Stoffbahnen über ihrem Kopf. Sofort hocken vier Fotografen vor ihr auf den Stufen, Madeleina lächelt abwechselnd in die Kameras.

Während zwei Bläser die Europahymne spielen und die Organisatorinnen die Veranstaltung eröffnen, zieht Madeleina mit ihren Flaggen durch die Menge aus dunklen Winterjacken, macht mit jedem, der will, ein Selfie. Eine Frau wurde von ihrer Freundin aus London hergeschickt. Du musst Madeleina unbedingt sehen, habe sie gesagt. Lächeln, klick. Eine andere hat ein Plakat mitgebracht, das Madeleina regelmäßig bei Veranstaltungen verteilt. Darauf stehen 24 Gründe, warum Großbritannien in der EU bleiben sollte, 24 Reasons to Remain. Lächeln, klick.

Selfies für Instagram, Fotos für die Medien

Madeleina hält nie lange an. Sie geht schnell weiter, zum nächsten Selfie, zur nächsten kurzen Unterhaltung. Jedes Mal, wenn sie auf die Bühne geht, drückt sie jemandem ihr Smartphone in die Hand, sie braucht Videos für Instagram. Zwischen ihren Auftritten checkt sie, was bei Twitter passiert. Als sie bemerkt, dass einer der anwesenden Fotografen sie durch seine Linse dabei beobachtet, hält sie inne, scrollt etwas länger als nötig, damit die Medien auch ein gutes Bild bekommen.

Außer Madeleina stehen an diesem Sonntag auch Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerbspolitik, und Guy Verhofstadt, Chefunterhändler des Europäischen Parlaments für die Brexit-Verhandlungen, auf der Bühne. Die Auftritte der beiden Politiker transportieren mehr Inhalt als Madeleinas: Sie sprechen über die Gefahren von Nationalismus und die Notwendigkeit, die EU zu reformieren. Auch Madeleina kommt auf diese Themen zu sprechen, wenn man sich länger mit ihr unterhält. Mit ihrer Performance aber verfolgt sie eine andere Mission: Sie will ein Postergirl für die EU sein, Marketing machen für eine Idee, von der sie überzeugt ist. Sie will nicht in den Köpfen der Menschen landen, sondern in ihren Smartphones.

Wenn man Madeleina fragt, warum sie diese Form des Protests gewählt hat, sagt sie: "Fakten sind wichtig, aber die Auseinandersetzung, die wir gewinnen müssen, ist eine emotionale." Sie gründet dieses Argument auf ein Merkmal der Remain-Kampagne: Remain versuchte, Wählerinnen und Wähler vor dem Brexit-Referendum durch rationale wirtschaftliche Argumente zu überzeugen, und verlor. Leave setzte auf Emotionen und gewann.

"Fakten sind wichtig, aber die Auseinandersetzung, die wir gewinnen müssen, ist eine emotionale."
Madeleina Kay

Deshalb verpackt Madeleina ihre Botschaft in lauten Liebesliedern und bunten Bildern. Deshalb fuhr sie mit einem knallgelben Bus mit der Aufschrift Bollocks to Brexit durch Großbritannien. Und deshalb fing sie irgendwann an, bei ihren Auftritten Kostüme zu tragen. Ihr bekanntestes: EU-Supergirl. Ein blaues Samtoberteil mit Superman-Logo, umrahmt von goldenen Sternen, dazu ein roter Rock und ein rotes Cape. Einmal flog sie wegen des Kostüms aus einer Pressekonferenz im Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der EU-Kommission, danach gaben Medien ihr den Titel. Inzwischen hat Madeleina EU-Supergirl zu einer eigenen Kampagnenfigur aufgebaut, sie nennt sich auf ihren Social-Media-Profilen so, manche der Pulse-of-Europe-Teilnehmer in Berlin kennen sie nur unter dem Namen. Sie verstärke in ihrer Kampagne einen Teil von sich, zeige nur das Bunte, Positive, sagt Madeleina.

Am Ende der Pulse-of-Europe-Kundgebung kommen Menschen zu Madeleina, sagen ihr, dass ihre Musik fantastisch sei, bedanken sich für ihre Inspiration und ihre harte Arbeit, wünschen ihr Glück. Eine Frau bringt zwei kleine Mädchen nach vorn zur Bühne, sie wollen auch noch ein Foto mit dem Supergirl. Dann rollt Madeleina ihre Flaggen zusammen und geht die wenigen Schritte rüber ins Café des Konzerthauses. Eigentlich will sie lieber ins Hotel, in Ruhe posten. Aber ein Bekannter aus England hat sie überredet, noch einen Kaffee mit ihm und ein paar anderen Teilnehmern zu trinken.

Eine positive Geschichte über die EU erzählen

Madeleina hat eine EU-Flagge nach Berlin mitgebracht. Ihr Protest soll bunt und positiv sein, den Menschen Hoffnung und Inspiration geben. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Die Gruppe setzt sich an einen Tisch mit weißer Tischdecke, Madeleina zieht die Union-Jack-Gummistiefel aus und reibt sich die kalten Füße. Die anderen unterhalten sich, Madeleina beteiligt sich nicht. Sie zieht eine Powerbank und Kopfhörer aus ihrer Umhängetasche und stöpselt beides in ihr Handy. Jetzt beginnt der zweite Teil ihrer Marketing-Mission: Allein bei Instagram wird sie an diesem Abend noch neun Posts veröffentlichen. Natürlich hat sie auch ein Selfie mit Guy gemacht, nur eine Nachricht für die Brexit-Gegner in Großbritannien wollte er ihr nicht in die Kamera sprechen.

Mit einem Auftritt bei Pulse of Europe in Berlin erreicht Madeleina nur wenige Menschen, die sowieso schon Europafans sind. Doch mit den Fotos und Videos, die daraus entstehen, kann sie noch viel mehr erreichen. Immer wieder würden Menschen ihr sagen, dass ihr Social-Media-Feed sie aufheitere, sagt Madeleina. Bei Facebook hätten ihr sogar Leave-Wähler geschrieben, dass sie ihre Kampagne im Fernsehen oder im Internet gesehen und deshalb ihre Meinung geändert hätten.

Sie bekommt in den sozialen Netzwerken auch Kritik und Hass ab, von Brexiteers, aber auch von Unterstützern der Remain-Kampagne. Sie würden ihr vorwerfen, dass sie sich nur selbst vermarkten wolle und dass sie das Problem nicht ernst nehme, es mit ihren albernen Songs und Kostümen herunterspiele, sagt Madeleina. Diese Kritik treffe sie mehr als die der Brexiteers, weil sie für ungültig erkläre, womit sie ihr Leben verbringe.

Madeleinas Protest wirkt manchmal schmerzhaft oberflächlich, gerade bei Twitter und Instagram: EU-Flaggen, Selfies als Valentinsengel, der Bollocks-to-Brexit-Bus, Hashtag #EUSupergirl, Herz-Emoji, Lach-Emoji. Nach den Fakten, den Inhalten muss man suchen. Aber sie sind da: Madeleina schreibt nicht nur Songs und bastelt Kostüme, sie beschäftigt sich seit knapp drei Jahren auch intensiv mit der EU.

Ein Adventskalender mit den Vorteilen der EU

Im Dezember 2016, ein halbes Jahr nach dem Brexit-Referendum, gestaltete Madeleina einen EU-Adventskalender, für jeden Tag bis Weihnachten zeichnete sie einen Vorteil von der EU-Mitgliedschaft: Fördergelder wie für das Grey-to-Green-Projekt in Sheffield, Erasmus, der Binnenmarkt, Frieden. 24 Reasons to Remain, 24 Gründe zu bleiben. Inzwischen hat Madeleina sie nicht nur auf Plakate drucken lassen, sondern auch in ein Booklet: Zu jedem der 24 Gründe hat sie zusammen mit ihrem Vater, einem Uni-Dozenten, und der Plattform InFacts Daten und Informationen recherchiert, finanziert durch 192 Crowdfunder.

Bei ihrem Auftritt in Berlin trägt Madeleina Union-Jack-Gummistiefel. Stolze Britin und stolze Europäerin zu sein, ist für sie kein Widerspruch. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Es ist der Versuch, ein positives Narrativ über die EU zu verbreiten – etwas, das die offizielle Remain-Kampagne nicht geschafft hat, das sagt nicht nur Madeleina, das sagen auch Politikwissenschaftler. Remain beschränkte sich darauf, zu erklären, wie Großbritannien unter einem Brexit leiden würde, anstatt umgekehrt zu zeigen, wie es von der EU profitiert. Dass nicht über die Vorteile einer EU-Mitgliedschaft gesprochen wird, ist typisch für große Teile der britischen Politik. Und auch der EU selbst fällt es schwer, eine gute Geschichte über sich zu erzählen, ihren Bürgerinnen und Bürgern überzeugend zu erklären, wofür sie eigentlich da ist, und damit EU-kritischen Populisten etwas entgegenzusetzen.

Madeleina will das ändern und hat es so bis in die EU-Institutionen geschafft. Knapp vier Wochen nach dem Pulse-of-Europe-Event fuhr sie nach Brüssel, um im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss zu sprechen, inklusive Livestream bei Facebook und YouTube. Sie trug wieder ihre Union-Jack-Gummistiefel und ihren Union-Jack-Mantel, darunter ein Oberteil mit EU-Flagge. Doch diesmal sang sie kein Lied, sondern hielt eine Rede: In sechs Minuten erklärte sie, dass die EU zwar viel erreicht habe, aber es nicht schaffe, das an ihre Bürgerinnen und Bürger zu vermitteln. Der Brexit sei das beste Beispiel. Sie erklärte auch, wie die EU ihre Kommunikationsstrategie verändern müsse: weniger ernst, weniger technisch, mehr Emotionen, mehr Identität. Hervorheben, wenn Kommunen von EU-Geldern profitiert haben. Die EU, findet Madeleina, muss mehr so werden wie sie.

"Die EU stirbt nicht mit dem Brexit."
Madeleina Kay

Selbst wenn Großbritannien am 29. März 2019, ihrem 25. Geburtstag, aus der EU austritt, will Madeleina weitermachen. "Die EU stirbt nicht mit dem Brexit", sagt sie. "Es gibt dann immer noch eine EU, für die ich kämpfen kann." Sie wünscht sich, dass es in allen EU-Ländern bald Booklets nach dem Vorbild von 24 Reasons to Remain gibt. Gerade hat sie ein neues Lied aufgenommen, zusammen mit David Rowntree, Schlagzeuger der Rockband Blur, und dem Bassisten Guy Pratt, der schon mit David Bowie, Pink Floyd und Madonna gespielt hat. Sie will damit Menschen überzeugen, zur Europawahl zu gehen und am besten noch für proeuropäische Parteien zu stimmen. Auch wenn sie selbst vielleicht nichts mehr davon hat.