Pınar Çetin fühlt sich als Muslima missachtet. Sie ist die Vorsitzende der Deutschen Islam Akademie. Wie geht es ihr seit den Anschlägen in Christchurch?

Am Freitag stürmte ein Terrorist in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch. Mit einem Maschinengewehr erschoss er 50 Musliminnen und Muslime, die dort beteten. Das jüngste Todesopfer war drei Jahre alt. Sein Motiv war Hass auf Muslime. 

Wie geht es muslimischen Menschen in Deutschland wenige Tage nach dem Anschlag? Was wünschen sie sich? Darüber hat ZEIT Campus ONLINE mit Pınar Çetin gesprochen. Sie ist Diplompolitikwissenschaftlerin und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Islam Akademie (DIA) in Berlin. Als Diversity-Trainerin und Dialogprozessbegleiterin wird sie rund um das Thema Islam und Islamfeindlichkeit für Vorträge oder Workshops eingeladen.

ZEIT Campus ONLINE: In Neuseeland wurden 50 Menschen Opfer eines islamfeindlichen Terrorangriffs. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Nachricht gehört haben?

Pınar Çetin: Ich bin mit der Nachricht aufgewacht und war so schockiert, dass ich das Gesehene nicht verarbeiten konnte. Später habe ich mit Freunden telefoniert und wir haben im Namen der Deutschen Islam Akademie eine Gedenkveranstaltung vor dem Brandenburger Tor organisiert.

ZEIT Campus ONLINE: Wie viele kamen zusammen?

Çetin: Über 200 Musliminnen und Muslime waren es ungefähr. Wie haben gemeinsam gebetet und der 50 Todesopfer gedacht. Das war schön und wichtig. Wir wollten uns nicht von der Angst besiegen lassen, und wir werden uns nicht abschrecken lassen. Das haben wir noch nie.

ZEIT Campus ONLINE: Sie haben also keine Angst, in die Moschee zu gehen?

Çetin: Nicht mehr als sonst. Mittlerweile habe ich als kopftuchtragende Frau generell schon Bedenken, wenn ich rausgehe. Gestern musste ich zu einer Sitzung und habe mir überlegt: Soll ich die U-Bahn oder das Auto nehmen? Ich bin dann mit dem Auto gefahren. Es ist eine subtile Angst, aber ein Dauerzustand. Das wird mich aber nicht davon abhalten, in die Moschee zu gehen. 

ZEIT Campus ONLINE: Hat Sie dieser Terroranschlag überrascht?

Çetin: Es ist schockierend, dass jemand mit einem Maschinengewehr Moscheen stürmt und blutrünstig durch die Gegend schießt. Auch wenn man weiß, dass es Islamfeindlichkeit gibt, mit so einer Tat rechnet man einfach nicht. Aber es ist klar, dass die ständige Panikmache vor dem Islam erschreckende Folgen mit sich bringt. Wir haben die Konsequenzen des antimuslimischen Rassismus unterschätzt.

ZEIT Campus ONLINE: Horst Seehofer sagte als Reaktion auf den Terror in Neuseeland, dass in Deutschland kein islamfeindliches Klima herrsche.

Çetin: Ich frage mich, wo Herr Seehofer lebt. Die Zahlen über islamfeindliche Straftaten schreibe nicht ich, sondern sie werden von den Bundesbehörden verfasst. Die muss er doch als Politiker unter die Hände kriegen und sehen, wie viele Muslime in den letzten Jahren überfallen, angegriffen, attackiert, brutal geschlagen, bespuckt und beleidigt wurden. Horst Seehofer ist nicht nur der Innenminister der weißen Mehrheitsbevölkerung, sondern aller Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Doch eine wirkliche Anteilnahme fehlt.

ZEIT Campus ONLINE: Hatten Sie andere Reaktionen erwartet?

Çetin: Ich hätte sie mir gewünscht. Aber mir ist noch einmal klar geworden, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Ich habe ganz bewusst auf Facebook auf die Pinnwände meiner nicht muslimischen Freunde geschaut und da war nichts: kein Mitgefühl mit den Opfern, keine Verurteilung des Täters. Nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo gab es eine berechtigte Welle der Anteilnahme; Politikerinnen und Politiker liefen auf den Straßen von Paris. Und jetzt? Weder auf der persönlichen noch auf der politischen Ebene war eine Resonanz in diesem Ausmaß erkennbar. 

ZEIT Campus ONLINE: Die neuseeländische Premierministerin, Jacinda Ardern, erntet für ihr Krisenmanagement viel Lob. Nimmt sie keinen Anteil an der Trauer?

Çetin: Doch, und ich finde die Reaktionen der Premierministerin Jacinda Ardern herzerwärmend. Sie hat sofort von Terror gesprochen und ihn verurteilt. Sie hat neuseeländische Musliminnen und Muslime besucht und ihr Mitgefühl ausgedrückt. Sie ging auf sie zu, umarmte sie. Das ist ein starkes Signal, das bis hierher Gänsehaut bereitet hat.