Er nimmt den Laptop mit ins Bett, um keine Zeit zu verlieren. Sie hat nicht alles gelesen, was sie zitiert. Vier Promovierende über Ängste und Fehler bei der Doktorarbeit

Im Februar wird Familienministerin Franziska Giffey (SPD) vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit geschummelt zu haben. Die Arbeit enthalte "zahlreiche wörtliche und sinngemäße Textübernahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind", kritisieren Plagiatsjäger. Schon wieder ein Plagiatsvorwurf, stöhnen danach viele. Vor ein paar Jahren musste die Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihren Doktortitel ab- und ihr Amt aufgeben, 2011 trat der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurück, nachdem in einem Fünftel seiner Arbeit Plagiate entdeckt wurden – das sind nur zwei der berühmteren Plagiatsfälle. In einem Interview mit ZEIT Campus ONLINE sagte der Juraprofessor Stephan Rixen, gerade bei externen Promotionen werde die Mehrfach- und Überbelastung unterschätzt, teilweise werde nicht mehr sorgfältig genug gearbeitet. Wie stressig ist es tatsächlich, zu promovieren? Führt der Zeitdruck zu Fehlern und wird wissentlich geschummelt? Warum promovieren, wenn der Titel durch die Plagiatsvorwürfe an Wert zu verlieren scheint? Vier Promovierende berichten anonym von ihren Erfahrungen.

"Ich will die Möglichkeit haben, eine wissenschaftliche Karriere zu machen"

Maria, 29 Jahre, Linguistikerin, fürchtet, dass ihr Titel nach den Plagiatsvorwürfen vielleicht nichts mehr wert ist.

Bei manchen Stellen in meiner Promotion frage ich mich: Bietet das mehr als ein Wikipedia-Artikel? Ich bin gerade dabei, meine Arbeit zu korrigieren und komme immer wieder an Stellen, wo ich merke, ich hätte genauer sein können. Manches recherchiere ich dann noch einmal nach. An anderen Stellen muss ich Kompromisse eingehen: Ein Kapitel, das die ganze relevante Literatur berücksichtigt, würde den zeitlichen Rahmen bei einer nebenberuflichen Promotion sprengen. Und wieder anderes kann ich einfach nicht mehr ändern. Für meinen empirischen Teil hätte ich zum Beispiel gerne mehr Personen befragt, aber die Erhebung ist abgeschlossen.

Meine Promotion wäre besser, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte. Ich hatte ständig Angst, zu langsam voranzukommen. Mein Thema ist sehr aktuell, es wird unheimlich viel dazu herausgegeben. Ich will nicht von irgendwem überholt werden.

Im Sommer will ich meine Promotion abschließen. 2014 habe ich meinen Doktorvater zum ersten Mal getroffen, dann kamen Jahre, in denen ich mich oft sehr allein gefühlt habe. Ich wollte zwar immer extern promovieren, um nebenbei auch in meinem Beruf als Übersetzerin weiterzukommen. Trotzdem hat mir der wissenschaftliche Austausch gefehlt. Oft hätte ich mir jemanden gewünscht, den ich hätte fragen können, ob meine Promotion in die richtige Richtung geht. Ich habe viel an mir selbst gezweifelt. Daran gedacht abzubrechen, habe ich nie. Ich wollte mir beweisen, dass ich es schaffen kann. Und ich wusste immer, warum ich es mache: Ich will die Möglichkeit haben, eine wissenschaftliche Karriere zu machen.

Manchmal frage ich mich aber, ob der Doktortitel dafür noch ausreicht. Ich mache mir Gedanken darüber, ob der Titel wegen der vielen Plagiatsvorwürfe weniger wert geworden ist. Ich habe Angst, dass man irgendwann drei Doktortitel oder am besten einen Professorentitel braucht, um Anerkennung zu bekommen.


"Es herrscht eine Wand des Schweigens über Probleme beim Promovieren"

Sarah, 29 Jahre, arbeitet an ihrer interdisziplinären Promotion, um als Frau anerkannt zu werden.

Promovieren heißt, durch die Hölle zu gehen. Ständig spürst du Zeitdruck und finanziellen Druck. Manchmal frage ich mich: Warum machst du das? Allein aus Interesse am Thema? Bei mir geht es um mehr: Ich promoviere, weil ich eine Frau bin und trotzdem weiterkommen will.

Während meines Masters in Amerikanistik habe ich zweieinhalb Jahre bei einer Stiftung im Bereich internationale Politik gearbeitet. Auf Panels diskutierten Männer in grauen Anzügen. Sich dort als Frau durchzusetzen, war wahnsinnig schwer. Entweder gilt man als die laute schrille Frau oder das Mäuschen. Immer wieder wurde mir von Kolleginnen gesagt: "Das Einzige, womit du ernst genommen wirst, ist ein Doktortitel." 

Als ich vor gut zwei Jahren mit meiner interdisziplinären Promotion angefangen habe, haben mir mein Doktorvater und die Stiftung, von der ich ein Stipendium erhalte, gesagt, dass man in zweieinhalb Jahren fertig sein kann. Das habe ich geglaubt. Ich hatte das Gefühl, ich schulde meinem Doktorvater und der Stiftung, dass alles gut läuft. Und ich hatte Angst vor dem Moment, wenn mein Stipendium ausläuft. Um mich zu finanzieren, habe ich neben meiner Promotion an meinem alten Institut gearbeitet und habe eine Stelle als Projektassistentin.

Meine wissenschaftliche Arbeit hat unter diesem Zeit- und Erwartungsdruck gelitten. Ich habe zum Beispiel nicht alles gelesen, was ich zitiere, und ein ziemlich schlechtes Gewissen deswegen. Bei einer Promotion sollte wissenschaftlich sauber gearbeitet werden, aber in unserem Promotionssystem funktioniert das nicht. Ich habe keine Zeit, für jedes Zitat 600 Seiten zu lesen.

Es herrscht eine Wand des Schweigens über Probleme beim Promovieren. Alle tun so, als würden sie das alles super hinkriegen und schnell vorankommen. Ich habe mir mittlerweile eingestanden, dass es in Ordnung ist, wenn ich länger brauche. Um mich dem Zeitdruck etwas zu entziehen, habe ich unter anderem meinen Doktorvater gewechselt. Nachdem ich gewechselt hatte, kamen einige Promovenden zu mir und wollten wissen, wie ich das gemacht habe. Den Doktorvater zu wechseln ist ein ziemliches Tabuthema, darüber spricht niemand. Vor Kurzem habe ich mein erstes Kapitel abgegeben. Wenn alles gut läuft, werde ich in einem Jahr die Rohfassung einreichen. Ich möchte irgendwann sagen können: Ich habe es geschafft. Mich motiviert es, zu wissen, dass ich dann als Gleichberechtigte wahrgenommen werde – gleichberechtigt gegenüber Männern ohne Doktortitel.