Hasan ist 28 Jahre alt, lebt in Jordanien und ist schwul. Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, in dem Homosexualität zwar erlaubt, aber nicht geduldet ist?

Generation Y

Auf Hasans Brust perlt der Schweiß. Er hat die oberen drei Knöpfe seines schwarzen Hemdes aufgeknöpft, sodass sein dunkles Brusthaar zu sehen ist. Ihm gegenüber tanzt sein Freund Paul, der mit seinen roten Haaren und seinem hellen Bart hier auffällt, der Großteil der Besucher hat einen arabischen Teint. "He was a skater boy" schreit Avril Lavigne aus den Boxen. An den Wänden tanzen animierte, rote Herzen. Es ist 23 Uhr an einem Freitagabend im Januar in Jordaniens Hauptstadt Amman.

Paul tänzelt auf Hasan zu und wirft schwungvoll seinen Oberkörper nach vorne, spielerisch weicht Hasan zurück und winkt ab, als Avril Lavigne singt: "He wasn't good enough for her".

15 jordanische Dinar Eintritt haben Hasan und Paul bezahlt, ungefähr 19 Euro. Das ist viel, ein Mittagessen für zwei kostet hier in Amman, Jordaniens Hauptstadt, gerade mal um die 7 Dinar. Trotzdem ist der Club so voll, dass vor den Toiletten spontan ein zweiter Dancefloor entsteht und der Schweiß von der Decke tropft. Denn das CLSTR ist einer der wenigen Nachtclubs in Amman. Ein Pop-up-Club, im April schließt er wieder.

Die jungen Jordanierinnen und Jordanier tanzen und feiern ausgelassen, mal sieht man eine innige Umarmung im Vorbeigehen, auch ein leichtes Antanzen, aber mehr nicht. "She said see you later boy!" singt Avril Lavigne.

Homosexualität ist erlaubt, aber die meisten Homosexuellen leben versteckt

Hasan Kilani ist schwul. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der kleinen LGBT-Community Ammans. Seit diesem Jahr arbeitet er in Vollzeit für Rainbow Street, eine Organisation, die sich für die Rechte homosexueller, transgender und queerer Menschen einsetzt. Homosexualität ist in Jordanien seit 1951 offiziell erlaubt.

Das ist durchaus außergewöhnlich. In den meisten angrenzenden Ländern wie Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien ist Homosexualität illegal und wird zum Teil mit dem Tod bestraft. Lediglich im Libanon gibt es eine kleine LGBT-Szene. Doch auch hier wird das Thema Homosexualität stigmatisiert. Die meisten Homosexuellen leben versteckt. Ein Coming-out bedeutet häufig den Verstoß aus der Familie. Israel stellt eine Ausnahme dar.

Und auch im eigentlich modernen Jordanien ist die Situation schwierig. 2017 sorgte eine Abgeordnete des jordanischen Parlaments für einen Eklat, als sie ein jordanisches Online-LGBT-Magazin kurzzeitig sperren ließ. Anschließend erklärte sie im jordanischen Fernsehen, Homosexuelle Menschen seien eine Gruppe, die vollkommen abgelehnt werde, weil sie der Religion und der Tradition sowie den kulturellen Normen des jordanischen Volkes fremd seien. 2013 beantworteten 97 Prozent der befragten Jordanier auf die Frage, ob die Gesellschaft Homosexualität akzeptieren sollte, mit Nein.

Ein schizophrenes Leben

Auch wenn Homosexualität auf dem Papier erlaubt ist, gibt es bis heute viele Probleme bezüglich der Rechte von LGBT-Menschen, erzählt Hasan, jetzt angekommen im vollen Club. In Jordanien gibt es das Anstandsgesetz, nach dem jeder bestraft werden kann, der an der Moral oder den Werten des islamischen Landes rüttelt. Dieses kann von einzelnen Richtern sehr offen ausgelegt werden und das Gesetz werde auch oft gegen Homosexuelle eingesetzt, sagt Hasan.

Die meisten jungen schwulen Jordanier führen ein schizophrenes Leben, erzählt Hasan, während sein Blick durch den Club schweift und er anderen Männern mit geöffnetem Hemd zuwinkt. Sie sind in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar. Es gibt keine offene LGBT-Partyszene, keine groß plakatierten Veranstaltungen. Sie finden im Geheimen, verbreitet durch Mundpropaganda, statt.