Fridays for Future sind nicht pubertär, es ist der Kampf um unsere Zukunft. Warum eine Generation aufbegehrt, erklärt unsere 19-jährige Gastautorin.

"Du hast ja recht. Aber deine Forderungen sind zu radikal", sagt meine Mutter. "Veränderung braucht Zeit. Mit Anklagen wirst du nichts erreichen", sagt mein Vater. Letzte Woche habe ich mit meinen Eltern über die Fridays for Future diskutiert. Ich habe ihnen vorgeworfen, dass ihre Generation meine Zukunft aufs Spiel setzt.

"Habt ihr die größte Krise der Menschheit in Kauf genommen, weil ihr zu bequem für Veränderung wart?", habe ich sie gefragt. Darauf: Stille. Langsam machen sich Angst und Unbehagen breit, wenn junge Menschen wie ich diese Frage stellen. Was gerade passiert, ist kein niedliches, pubertäres Aufbegehren. Es ist der ernsthafte Kampf um unsere Zukunft.

Ich bin 19 Jahre alt und studiere Jura. Seit Herbst letzten Jahres sitze ich im Jugendrat der Generationen Stiftung. Gemeinsam mit anderen habe ich die Kampagne #wirkündigen gestartet, bei der wir symbolisch den Generationenvertrag kündigen. Wir sprechen dabei stellvertretend für unsere, "die neue Generation". Wir sind wütend auf unsere Eltern, weil die Politik, die durch und für sie gemacht wird, nicht zukunftsfähig ist. Wir fordern von allen Verantwortlichen generationengerechtes Handeln.

Fridays for Future
"Wir müssen unsere Komfortzone verlassen"
Tausende Menschen haben in Berlin für eine ambitionierte Klimapolitik demonstriert. Die Aktivistin Greta Thunberg rief zum Handeln auf.

Endgültiger Kohleausstieg bis 2038. Es ärgert mich, dass die Bundesregierung damit wieder die Chance für eine Kehrtwende verpasst hat. Ihre Klientel interessiert sich nicht genug dafür: Mit dem Wort Wachstum werden Wahlen gewonnen. Dabei kann es auf einem begrenzten Planeten kein ewiges Wachstum geben. Bis 2050 werden Schätzungen zufolge zwischen 250 Millionen und einer Milliarde Menschen aufgrund der Klimakrise auf der Flucht sein. Schon 2009 starben über 300.000 Menschen an ihren Folgen. Und bis 2030 soll die Krise über 200 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Mit ihrem "Weiter so" machen alle in unserer Elterngeneration sich daran mitschuldig. 

"Solche Gedanken sind zu radikal?"
Franziska Heinisch

Die Klimakrise ist ein Symptom eines pathologischen Systems. Es schafft ein Mehr an Angebot, bis wir im Konsum ersticken. Es erzeugt Armut und soziale Ungleichheit. In meiner Generation kommen immer mehr zu der Erkenntnis. Ich führe diese Gespräche mit meinen Freunden, meinen Kolleginnen im Jugendrat und Jugendlichen, die aktuell bei den Fridays for Future auf die Straße gehen. Wir lesen, informieren uns, diskutieren – und eigentlich liegen die Probleme auf der Hand: Die Umverteilung von unten nach oben gefährdet den sozialen Frieden und reißt tiefe Schluchten. Ich möchte daran mitwirken, eine solidarische Gesellschaft zu bauen – und dabei geht es mir nicht nur um Menschen in Deutschland oder der EU.

Solche Gedanken sind zu radikal? Ich finde: Wenn die obersten Prozent der Gesellschaft ihren Wohlstand auf dem Rücken der anderen erwirtschaftet, ist das auch radikal.

Sehr viele Erwachsene regen sich darüber auf, dass Jugendliche für ihren Protest die Schule schwänzen. Dabei sehen sie nicht, dass genau diese Institutionen auch problematisch sind. Wir lernen in einem Bildungssystem aus dem letzten Jahrhundert, das auf Autorität und strikte Pläne setzt. Wir verbringen Jahre damit, Faktenwissen zu schlucken, das jeder Computer schon heute schneller, lückenloser und detaillierter ausspucken kann. Warum lernen wir Dinge, in denen wir gegen allgegenwärtige Maschinen immer nur verlieren? Stattdessen müsste das gefördert werden, was uns Menschen gegenüber diesen Maschinen auszeichnet: kritisches Denken, Teamarbeit, Kreativität, Empathie.

Wenn wir Jungen Verantwortung übernehmen sollen, muss man uns ernst nehmen. Doch das passiert nicht: Erwachsene sprechen uns das Recht auf unsere Meinung ab, solange wir noch unter 30 sind. Politiker zweifeln an, ob junge Menschen verstehen, worum es geht, wenn sie fürs Klima oder gegen die EU-Urheberrechtsreform auf die Straße gehen.

Wer eine Gesellschaft will, die einander auffängt und trägt, muss jedem Teil in ihr Verantwortung zubilligen. Zukunftsthemen werden offensichtlich nur angegangen, wenn die laut werden, die die Zukunft am stärksten betrifft – die Jungen. Deshalb engagieren wir uns jetzt.