Zwei Drittel der Wahlberechtigten in Indien sind unter 35, jetzt wird dort ein neues Parlament gewählt. Vier junge Inder erzählen, warum ihnen die Wahl so schwerfällt.

In Indien wird ab heute ein neues Parlament gewählt. Weil Indien so groß ist – flächenmäßig etwa neunmal so groß wie Deutschland –, ist die Wahl in verschiedene Etappen aufgeteilt. Das Ergebnis wird am 23. Mai bekannt gegeben. 900 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, es ist die größte demokratische Wahl aller Zeiten.

Zwei Drittel aller Inder sind unter 35 Jahre alt. Ihre Stimmen können ausschlaggebend sein. Die Wahl entscheidet sich entlang zweier großer Parteien: der hindu-nationalistischen BJP mit dem derzeitigen Premierminister Narendra Modi und der Kongresspartei mit Rahul Gandhi an der Spitze.

Rahul Gandhi stammt aus der berühmten Nehru-Gandhi-Familie, zu der nicht etwa Mahatma Gandhi gehört, dafür aber die ehemalige Premierministerin Indira Gandhi – die Großmutter Rahul Gandhis – und ihr Vater Jawaharlal Nehru, der das Land als Erster nach der Unabhängigkeit regierte. Die Kongresspartei war nach 1947 jahrzehntelang an der Macht. In den Achtzigerjahren gründete sich die BJP und gewann an Einfluss, bis sie in den Neunzigerjahren zum ersten Mal die Regierungspartei stellte.

Bei der letzten Parlamentswahl im Jahr 2014 war die Wahlbeteiligung mit 66 Prozent höher als je zuvor. Es war zugleich das erste Mal, dass eine Partei seit 1984 allein die absolute Mehrzahl der Sitze im Parlament hatte. Modi hatte den Indern viel versprochen: Seine Partei stand nicht nur für Nationalismus, sondern auch für neue Jobs, wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung. Unter den 18- bis 25-Jährigen lagen die Stimmen für die BJP etwas über dem Durchschnitt.

Fünf Jahre später zeigt sich jedoch, dass Modi seine Versprechen nicht halten konnte. Wir haben junge Inderinnen und Inder gefragt, was sie zur Wahl bewegt und wem sie ihre Stimme geben. Weil sie teils fürchten, dass politische Stellungnahmen ihren Berufsweg gefährden könnten, haben wir ihre Namen geändert.

Rakesh, 18, Neu-Delhi: "Ich wähle das kleinste Übel"

Wenn ich für die Wahl in meine Heimatstadt Nagpur fahre, werde ich die BJP wählen. Nicht weil ich von der Partei überzeugt bin. Sondern weil ich ihren Kandidaten in meinem Wahlbezirk ziemlich gut finde – einen progressiven, er heißt Nitin Gadkari. Modi hat viel falsch gemacht, etwa die Demonetisierung, die dazu geführt hat, dass ein Teil unseres Geldes nichts mehr wert war. Aber wir wählen ja nicht Modi direkt, sondern einzelne Kandidaten, auch wenn er auf nationaler Ebene natürlich regieren wird.

Ich wähle bloß das kleinste Übel, denn ich finde, die beiden großen Parteien unterscheiden sich nicht sonderlich voneinander. Beide sind populistisch: Sowohl der BJP als auch der Kongresspartei ist Wohlfahrt wichtig, sie richten sich an arme Leute und wollen Armut bekämpfen. Sie sagen beide, dass sie neue Arbeitsplätze schaffen wollen.

Mich selbst betrifft das alles aber wenig. Ich studiere Wirtschaft an einer der besten Unis Indiens. Ich gehöre zur Elite. Letztlich will ich aber einfach eine entscheidungsfähige Regierung, die eine stabile Mehrheit bildet.

Es gibt sehr extreme Leute in der Partei. Aber ich finde, es gibt gute und schlechte, genauso wie es gute und schlechte Politiker in der Kongresspartei gibt. Doch die Kongresspartei ist  bekannt dafür, dass sie in der Vergangenheit sehr korrupt war. Es ist eine alte Partei. Früher hat sie verschiedene Überzeugungen widergespiegelt, heute steht sie nur für diese eine Familie, die berühmte Nehru-Gandhi-Familie. Nach innen ist die Partei deshalb nicht sehr demokratisch. In der BJP ist sie stärker. Ich würde nicht sagen, dass es die beste Partei ist, aber sie ist in meinen Augen besser. Das reicht mir.

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Akaash, 26, Mangaluru: "Die BJP hat mich total enttäuscht"

Ich will einem Kandidaten der Kongresspartei eine Chance geben, weil ich von der BJP auf lokaler Ebene total enttäuscht bin. Es ist in den letzten Jahren einfach nichts passiert hier. Ich habe bei der letzten Wahl für keine Partei gestimmt. Es gibt hier eine Option, die heißt "none of the above", dann musst du keinen Kandidaten ankreuzen. Diesmal werde ich wohl Kongress wählen, aber ehrlich gesagt hadere ich immer noch mit mir. Ich könnte genauso gut auch wieder non of the above wählen.

Meine Freunde haben bei der letzten Wahl mehrheitlich BJP gewählt, weil sie dachten, das bringt Veränderung. Bei der Wahl 2014 wollte Modi das Bild erzeugen, dass er für Modernisierung steht, wirtschaftliche Entwicklung und schnelles Internet. Außerdem war er in Gujarat eine gute Regierungsführung, alle dachten: "Das, was er da macht, macht er jetzt indienweit." Aber vieles, was Modi versprochen hat, ist nicht eingetroffen.

Die BJP bildet eine Hindu-Nation, und sonst passiert wenig. Es ist nur noch die Rede von nationaler Sicherheit und Nationalismus, vom Militär, dem Konflikt mit Pakistan. Ich bin selber Hindu, aber finde, in einem Land wie Indien muss die Regierung auch seine Minderheiten einbeziehen. Und von denen gibt es viele. Nehmen wir als Beispiel Kerala, einen südindischen Staat mit einer kommunistischen Regierung. Dort leben viele Christen, Muslime und Sikhs. Indien ist extrem divers. Darum kümmert sich die BJP viel zu wenig.

Modi sagt das zwar nicht offen, aber einige BJP-Führer sind der Meinung, dass die indischen Muslime, die mit dem hindu-nationalistischen Indien nicht einverstanden sind, einfach nach Pakistan gehen sollen.

Viele wählten bei der letzten Wahl auch BJP, weil sie Transparenz versprach. Aber ich kann keiner der beiden Parteien Vertrauen schenken. Die Kongresspartei war in der Vergangenheit sehr korrupt. Außerdem gehören viele Politiker der Partei derselben Familie an. Ich bin mir inzwischen einfach sicher, dass ich sowieso niemandem vertrauen kann.

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Leena, 25, Neu-Delhi: "Ich werde wohl gar nicht wählen"

Ich werde wohl gar nicht wählen, weil ich dafür durch das ganze Land reisen müsste. In Indien gibt es keine Briefwahl – außer für einzelne Gruppen, wie etwa die Armee. Wählen müsste ich in meiner Heimatstadt. Ich wohne derzeit in Neu-Delhi, in der Hauptstadt, komme aber aus dem Süden des Landes. Und Indien ist groß. Um wählen zu können, säße ich eineinhalb Tage im Zug. Ich bin Journalistin, da kann ich nicht einfach weg. Während der Wahl muss ich hier arbeiten.

Ich wüsste auch gar nicht, wen ich überhaupt wählen sollte. Seit ich in der Hauptstadt lebe, interessiere ich mich sehr für Politik. Aber es ist total schwer, sich für eine Partei zu entscheiden. Am ehesten würde ich wohl die Kongresspartei wählen, weil die sich für Frauenrechte und Rechte von religiösen und sexuellen Minderheiten einsetzt.

Ich bin Christin und gehöre damit zu einer Minderheit. Es hat viel Gewalt gegeben gegen Minderheiten unter der BJP-Regierung Modis. Der Regierung geht es darum, ein modernes Hindu-Land aufzubauen. Da fühlen sich Minderheiten einfach nicht willkommen. Bevor die BJP angefangen hat, ihre Vormachtstellung als Hindus zu verfechten, habe ich eigentlich sehr friedlich gelebt.

Ich selbst habe seitdem zwar keine Gewalt erlebt. Aber wenn ich Politiker sagen höre, Indien sei ein hinduistisches Land oder Inder zu sein hieße, ein Hindu zu sein, fühle ich mich ausgeschlossen. Auch in sozialen Medien lese ich oft, wie abwertend dort über Christen und Muslime gesprochen wird.

Bei der letzten Wahl ging es Modi darum, ein neues Indien zu schaffen. Es sollte viele neue Jobs geben. Darum haben viele junge Leute BJP gewählt. Aber die Arbeitslosigkeit ist immer noch hoch. Viele junge Leute gingen deshalb auf die Straße.

Wahrscheinlich wird die BJP trotzdem gewinnen – jedoch nicht mit so einer Mehrheit wie bei der letzten Wahl. Ich denke, viele wählen Modi auch einfach, weil er sehr charismatisch ist. Er ist stärker. Gandhis Zeit ist vielleicht einfach noch nicht gekommen.  Ich wünsche mir einfach ein friedliches Indien. Und eine Regierung, die nach vorn schaut und Indiens Position als Supermacht festigt – zugleich aber auch sicherstellt, dass alle gleichberechtigt sind, alle die gleichen Möglichkeiten haben.

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Divya, 24, Coimbatore: "Ich wähle einen Filmstar"

Beide große Parteien versprechen, dass sie Jobs schaffen, aber ich weiß nicht, inwiefern das wirklich passieren wird. Ich habe Soziale Arbeit studiert, und da ist es total schwer, eine gute Stelle zu bekommen. Ich habe grade angefangen, einen Job zu suchen, und finde einfach keinen, lebe noch von dem Geld meiner Eltern. Ich fühle mich demotiviert, weil ich nichts finde, das zu meinem Studium passt. Aber selbst von Ingenieuren höre ich, dass sie nichts finden oder schlecht bezahlt werden. Nur in der IT-Brauche finden junge Leute gute Jobs.

Darum wähle ich keine der beiden großen Parteien, sondern eine lokale – Makkal Needhi Maiam, die Partei von Kamal Haasan. Er ist ein Filmstar und hat hier im Bundesstaat Tamil Nadu letztes Jahr eine neue Partei gegründet. Es gibt viel sexuelle Belästigung in unserer Stadt, das ist ein Riesenproblem. Und Kamal Haasan war der Erste, der seine Stimme dagegen erhoben und das Problem benannt hat.

Er sagt, dass er alle Kasten und Religionen respektiert, was ich sehr wichtig finde. Indien ist für alle, nicht nur für Hindus. In der Generation meines Vaters waren in Tamil Nadu übrigens einige Schauspieler in der Politik – zum Beispiel M. G. Ramachandran und Jayalalitha.

Wir brauchen einen Wechsel, BJP und die Kongresspartei haben nichts für uns jungen Leute getan. Ich habe darum kein Vertrauen in die beiden großen Parteien. Wir brauchen eine Partei, die sich um die Community kümmert, nicht nur um ihre eigene Entwicklung.

Hier in Tamil Nadu brauchen wir auch eine Regierung, die sich für ländliche Entwicklung einsetzt, sich nicht nur um die Industrie kümmert. Ich habe gelesen, dass viele Farmer Selbstmord begehen, weil sie ihre Familien nicht ernähren können. Aber anstatt dass sich jemand darum kümmert, werden hier in Tamil Nadu immer mehr Bäume abgeholzt, um Straßen zu bauen. Aber es werden keine neuen Bäume nachgepflanzt. Die Umwelt geht kaputt. Das ist auch ein Riesenproblem.

Meine Familie will auch für die Makkal-Needhi-Maiam-Partei stimmen. Wir haben das Gefühl, dass Kamal Haasan etwas für die Gemeinschaft tut. Ihm kann ich am ehesten vertrauen, denn ich glaube, er bringt Veränderung. Auch wenn ich weiß, dass er die Wahl natürlich nicht gewinnen wird.

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