Mit 27,9 Jahren hat unsere Autorin ihre erste Topfpflanze gekauft. Wenig gießen, stand auf dem Zettel, das hat ihr die Angst genommen. Ist sie jetzt groß?

Zahnseide benutzen, einen fetten Fernseher kaufen, keine Fotos von Freunden mehr an den Wänden haben. In dieser Reihe berichten wir von den Dingen, an denen wir erkennen, dass wir erwachsen sind. Und was das eigentlich bedeutet.

Mein Bonsaibaum starb, weil ich ihn zu viel goss. Die Bromelie starb fast, weil ihre Blätter unter einer zentimeterdicken Staubschicht ächzten. Ich hatte sie in einer dunklen Ecke meines Jugendzimmers vergessen. "Nicht mal um eine Pflanze kannst du dich kümmern", sagte meine Mutter, als sie die dem Tod geweihte entdeckte. Sie war den Tränen nahe, der Ableger war eines ihrer "Babys", Bromelien blühen nur einmal im Jahr! Ich rollte mit den Augen, schrie so etwas wie: "Dann nimm sie halt wieder zu dir! Ich kann hier jetzt echt nicht noch eine Verpflichtung gebrauchen!" Türknallen, Protesttage eines Teenagers. 

Während meine Mutter in unserem Haus ein grünes Paralleluniversum erschuf, den "Dschungel", wie wir in unserer Familie heute noch sagen, wollte ich mit dem ganzen Pflanzengedöns nichts zu tun haben. Nicht während meiner Schulzeit, nicht während meines Studiums. Die Bitten meiner Mitbewohner, mich um ihre Monsteras und Gummibäume zu kümmern, watschte ich mit sarkastischen Kommentaren ab: "Wenn du willst, dass es deiner Pflanze wie meinem Bonsaibaum damals geht, klar gern!" Selten wurde ich danach noch einmal gefragt. Pflanzensitting ist eine ernste Sache, mit Pflanzeneltern ist nicht zu spaßen. 

Dabei überspielte mein Sarkasmus doch nur meine Versagensangst. Heimlich war ich längst neidisch darüber, dass es einige meiner Kommilitonen mit dem verantwortungsvollen Leben geschafft zu haben schienen. Mit dem Erwachsensein. Manche hatten im Studium gesagt: Wer frühstückt, hat sein Leben im Griff. Irrsinn, dachte ich. Wer sich um Pflanzen kümmern kann, tut es. Genau wie Kaninchen, Hunde oder Babys sind die schließlich von der Fürsorge ihrer Eltern abhängig. Wer Pflanzen hütet, übernimmt Verantwortung. Wer an Pflanzen denkt, interessiert sich nicht nur für sich selbst. Wer Pflanzen pflegt, schätzt die Schönheit von Mutter Natur.  

Nicht umsonst haben die Millennials die Pflanze nun als Statussymbol entdeckt. Eukalyptus, Monsteras und Calatheas sind der grüne Beweis gegen den ewigen Vorwurf, man könne nicht erwachsen werden. Pflanzenfürsorge will gelernt sein – und macht sich nicht von allein. Pflanzen ist ein zu optimierender Skill geworden. 2,2 Millionen Mal wird allein der Hashtag #urbanjungle auf Instagram verwendet. Darunter finden sich Hinweise, wie die Calathea richtig gedeiht und wie oft man die Echeverien gießen sollte. Welche Topfpflanze besser auf den Balkon gehört und welche man von dort lieber fernhält. Warum Pflanzen einen an die Verletzlichkeit der Erde erinnern und man besser mit ihnen als ohne sie lebt. Dazwischen Sinnsprüche unter Kakteen. Pflanzen sind zum nächsten Goal der urbanen Großstädter geworden, zwischen Altbauwohnung und erstem Kind.

Ich habe auf Instagram lange Zeit keinen einzigen Post mit einer Pflanze veröffentlicht. Nicht, weil ich es nicht gewollt hätte. Pflanzen machen sich sehr gut in so einem Instagram-Feed. Ich hatte schlicht Angst vor den Nachfragen: "Und wie geht’s der Pflanze so? Zeig doch mal. Lebt sie noch? Pics or it didn’t happen!" Lieber tat ich deswegen so, als würde ich weiterhin dem pflanzenlosen Leben frönen, unabhängig sein, mein Ding machen. Dass mir meine Freundin Judith zum Einzug in meine erste eigene Wohnung einen kleinen Gummibaum schenkte, behielt ich deswegen erst mal für mich. Sie sagte zwar, dass ich damit nicht viel falsch machen könne. Ein- bis zweimal gießen, dazu ein bisschen Licht, das würde reichen. Doch sicher fühlte ich mich nicht. Ich dachte an den Bonsaibaum und die Bromelie.