Die mit den vielen Klicks – Seite 1

Auf YouTube oder Instagram sprechen sie über Politik. Sie erreichen Millionen und trotzdem kennt sie keiner. Wer sind die zehn einflussreichsten politischen Influencer?

YouTuberinnen und YouTuber wie Lisa Sophie Laurent oder Julien Bam sprechen auf ihren Kanälen über Politik und erreichen damit ein Millionenpublikum – die meisten haben trotzdem noch nie von ihnen gehört. Bei Rezo ist das mittlerweile anders: Über zwölf Millionen Mal wurde sein Video "Die Zerstörung der CDU" geklickt. Ein paar Tage später legt er mit 70 YouTubern nach. Wenige Tage später fordert die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Wahlkampfzeiten Regeln für politische "Meinungsmache" im Internet. Vor wem hat sie Angst? Seit ein paar Jahren gibt es immer mehr junge Menschen, die auf YouTube, Instagram oder Facebook über Politik reden. Wer sind die zehn einflussreichsten politischen Influencer? 

Der CDU-Zerstörer

Rezo (805.696 Abonnenten @youtube)

Mit seinem Video "Zerstörung der CDU" hat der YouTuber Rezo die CDU zwar nicht zerstört, aber ziemlich aufgewühlt. Auch weil er sich nach seiner 55-minütigen Kritik noch mit 90 anderen YouTubern zusammengetan hat, um davon abzuraten, CDU, CSU oder SPD zu wählen (von der AfD ist nur am Rande die Rede, das ist ja sowieso klar). Deren Klimapolitik sei untragbar, es müsse sich etwas ändern. Dabei hat sich der 26-Jährige bis vor Kurzem auf seinem Kanal eher weniger mit Politik beschäftigt. In einem Video aus dem letzten Jahr geht er mit einer anderen YouTuberin die "dümmsten Anmachsprüche" à la "Hey, ich bin Meister Proper, darf ich mal dein Becken schrubben" durch, in einem anderen macht er vor, wie es wäre,"wenn SCHULFÄCHER RAPPER wären". Dann kam Artikel 13 und sein "ich entlarve Propaganda zu Artikel 13"-Video, jetzt die Europawahl und sein CDU-Video. Mal gespannt, ob sich Rezo bald wieder mit schlechten Anmachsprüchen beschäftigt oder seine Politisierung von Dauer ist.

Der Einflussreiche

Julien Bam (5.383.293 Abonnenten @youtube)

Julien Bam ist seit Kurzem Unicef-Botschafter. In Kooperation mit Unicef drehte er eine Kurzdokumentation über seine Reise in die Slums von Bangladesch – um auf die dort herrschende Armut und die Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen und Spenden für die Menschen dort zu sammeln. Unicefs Begründung für die Partnerschaft: "Über seine Kanäle gibt er den Kindern von Bangladesch eine Stimme und macht dadurch besonders seine jüngere Fan-Community auf die Situation benachteiligter Kinder aufmerksam." Julien Bam zeigt den Wandel vieler YouTuber: Lange waren sie eher unpolitisch, dann kam die Debatte um Artikel 13 (dazu hat Julien Bam auch einen Disstrack veröffentlicht). Davor drehte der 30-Jährige aber vor allem Parodien, Musik- und Tanzvideos (er ist Breakdancer!) oder Videos, in denen er erklärt, wie man sich aus peinlichen Situationen rettet. Vielleicht in Zukunft auch solche, in denen er erklärt, wie das bei politischem Chaos funktioniert?

Der Stichwortgeber

LeFloid (3.030.209 Abonnenten auf  YouTube)

Er gilt als der politische YouTuber: LeFloid, der bürgerlich Florian Dietrich heißt und 2015 durch ein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel so richtig bekannt wurde. In den Medien hieß es damals, man merke, dass er kein Journalist sei. Er sei zu unkritisch, zu sehr Stichwortgeber. Vielleicht ist ein YouTuber, der zum ersten Mal mit der Bundeskanzlerin spricht, aber auch einfach ein bisschen zurückhaltender als ein ausgebildeter Journalist. In seiner Video-Reihe "LeNews" spricht der 31-Jährige im lockeren YouTube-Sprech über Politik, über den Artikel 13 oder über "Das DÜMMSTE, was man auf’m Flughafen-Klo machen kann". Sein Kanal ist eine Mischung aus Nachrichten und Unterhaltung. Wenn er nicht "LeNews" macht, dann Koch- oder Gamingvideos. Kritisiert wurde LeFloid nicht nur nach dem Merkel-Interview, sondern auch wegen schlechter Recherche. 2015 erzählte LeFloid in einem Video, Wladimir Putin habe gesagt, er wolle Beweise veröffentlichen, die belegen würden, dass die Amerikaner die Twin Towers selbst gesprengt hätten. Das hatte Putin aber nie gesagt. Die Info hatte LeFloid von zweifelhaften Websites ungeprüft übernommen. LeFloid entschuldigte sich zwar für den Fehler, das Video ist aber bis heute online.


Die politische große Schwester

Lisa Sophie Laurent (337.846 Abonnenten @youtube)

2017 interviewte Lisa Sophie Laurent Angela Merkel. Wie LeFloid musste sie sich danach anhören, zu seichte Fragen gestellt zu haben. Von sich selbst sagt die YouTuberin, sie sei die "große Schwester im Internet". Viele Fans würden ihr Fragen zu allen möglichen Dingen stellen, sie würde mit Rat zur Seite stehen. Sie spricht über Bodyshaming, das richtige Studium, Veganismus oder gibt Tipps zum Zeitmanagement. Und um Politik geht es auf ihrem Kanal natürlich auch: Vor der Europawahl kooperierte sie mit der Kampagne #diesmalwähleich und veröffentlichte ein Video, in dem sie erklärte, warum man zur Europawahl gehen sollte. Im April dieses Jahres drehte sie ein Video mit dem Titel "Politik überfordert mich". Und das, obwohl sie Politikwissenschaften studiert hat. Ihr Tipp an Zuschauer, die von der Politik überfordert sind: sich erst einmal einem Thema nähern, dass sie selbst betrifft.

Die Klima-Influencerin und die Polit-Clowns

Die Klima-Influencerin

Luisa Neubauer (33,1k Follower @instagram)

Sie ist die deutsche Greta Thunberg und das Gesicht der Fridays for Future Bewegung in Deutschland: Die 23-jährige Luisa Neubauer. Sie spricht bei den Klima-Streiks vor Tausenden Schülerinnen, sitzt bei Dunja Hayali auf der Couch oder schreibt Gastbeiträge für die SZ, die FAZ, die ZEIT. Auf Twitter postet sie für ihre fast 34.000 Follower, was sie beschäftigt, auf Instagram macht sie Live-Videos und Insta-Storys, oft von den Fridays-for-Future-Demos. Täglich steigt die Zahl ihrer Follower. Im Netz wird sie von denen, die sich sonst fürs Recht auf unbegrenztes Rasen stark machen, spöttisch als #langstreckenluisa bezeichnet. Auf ihrem Instagram-Account hatten sie Fotos von ihr unter anderem in Großbritannien, Tansania und Kanada entdeckt. Der Vorwurf: Sie würde Klimaschutz fordern, selbst aber unbekümmert durch die Weltgeschichte jetten.

Die Polit-Clowns

Nico Semsrott & Martin Sonneborn (100k/ 67,8k Follower @instagram)

Normalerweise haben Influcencer keine Sitze im EU-Parlament. Martin Sonneborn und Nico Semsrott nach der EU-Wahl am Sonntag schon. Die beiden sind zwar keine Influencer im klassischen Sinne und richtig jung sind sie auch nicht mehr (in einem Wahlkampfspot der Partei "DIE PARTEI" heißt es: "Was Europa jetzt braucht, sind mittelalte weiße Männer"), auf Instagram haben sie aber deutlich mehr Follower als alle anderen deutschen Spitzenkandidaten für die EU-Wahl. Ihr politischer Einfluss ist also sehr viel größer als die Wahlergebnisse der Satirepartei suggerieren. Mit Slogans wie #niemehrcdu fordern Semsrott und Sonneborn Ähnliches, wie die rund 70 YouTuber in ihrem Video nach der Debatte um Rezo: Wählt nicht CDU/CSU oder SPD. Semsrott sagte in einem Interview mit Tilo Jung, CDU und FDP seien für ihn nie in Frage gekommen, weil man eben nicht auf "Strafe, Erpressung und Gewalt setzen sollte". Und mit ihrem Wahlwerbespot "Letztwähler – eine Gefahr für Europa" schließt DIE PARTEI an die Forderungen nach der Senkung des Wahlalters mit Hinblick auf die Klimaproteste an. Semsrott sagt in diesem Video: "Wenn die Menschen in den ersten 18 Lebensjahren nicht wählen dürfen, sollten sie auch in den letzten 18 Lebensjahren nicht wählen."

Der Politik-Nachhilfelehrer

MrWissen2go (969.769 Abonnenten @youtube)

"Von Politik habt ihr keine Ahnung? Und was in der Zeitung steht habt ihr noch nie verstanden? Macht nichts, dafür habt ihr jetzt ja mich!" 2012 veröffentlicht Mirko Drotschmann sein erstes YouTube-Video, seitdem macht der 33-Jährige als MrWissen2Go Erklärvideos zur Ära Adenauer oder über Aliens, zur Europawahl oder dem "Politik-Skandal in Österreich" – mit vielen Hintergrundinformationen und Erklärungen, meist sehr sachlich, manchmal kommentierend. Das ist dann aber klar gekennzeichnet. Wenn man bei seiner Zielgruppe nachfragt, kommen Beschreibungen wie: schlau, differenziert und krass informativ. Er behandle Themen, die man auch bei einer Klassenarbeit in Geschichte oder Sozialkunde gebrauchen könne. Und er weiß, wovon er spricht: Mirko Drotschmann hat Geschichte und Kulturwissenschaften studiert, danach ein Volontariat beim SWR gemacht. Er war Reporter bei der Kinder-Nachrichtensendung logo, was sich darin zeigt, dass er komplexe Dinge ganz einfach erklärt. Seit 2017 ist sein YouTube-Kanal Teil von funk, dem jungen Angebot von ARD und ZDF.

Die Anti-Influencer und der Branchenjournalist

Der Branchenjournalist

Herrnewstime (378.942 Abonnenten @youtube)

"So, moin moin", begrüßt Herrnewstime seine Zuschauer in der Regel. Kurz nachdem die EU-Urheberrechtsreform beschlossen wurde, veröffentlichte er ein Interview mit dem Europa-Abgeordneten Axel Voss. Weniger Interview als hitzige Diskussion, in der YouTuber und Politiker einander ständig ins Wort fielen. Dass Voss am Anfang des Gesprächs noch sagte, "Bitte regen Sie sich nicht zu sehr auf", half wohl nicht. Später sagte Herrnewstime der VICE: "Das war Interview-technisch keine Meisterleistung von mir." Wenn man durch Herrnewstimes Upload-Feed scrollt, muss man sehr genau hinschauen, um Videos zu finden, in denen es nicht um Artikel 13 geht. Angefangen hat Herrnewstime 2014, vor allem mit Nachrichten aus der Internetvideo-Szene. Mit der EU-Urheberrechtsreform wurden die Nachrichten eher zu Anti-Artikel-13-Videos. Nach Rezos CDU-Kritik, hat auch Herrnewstime Videos zu der Partei veröffentlicht und darin klargemacht, was er von ihr hält: ziemlich wenig. Zwischenzeitlich wird er richtig laut.

Der Naive

Tilo Jung (241.570 Abonnenten @youtube)

Bevor Tilo Jung Onlinejournalist wurde, hat er es mit BWL und Jura versucht, aber beides abgebrochen. Seit 2013 veröffentlicht er seine Interview-Serie "Jung & Naiv – Politics for the Indifferent". In den Interviews gibt er sich gegenüber seinen Gesprächspartnern aus der Politik – er hat schon mit Sigmar Gabriel von der SPD und Beatrix von Storch von der AfD gesprochen – als jung und naiv. Jung ist er mit 33 Jahren auch, naiv keineswegs. Der Interviewte wird immer geduzt, das Interview in voller Länge veröffentlicht, die Sprache einfach gehalten. Er will erklären, wie Politik funktioniert, weil das die Massenmedien nicht mehr machen, sagt er in einem Interview mit dem Blog selbstdarstellungsucht.de. Auch in der Bundespressekonferenz stellt er deshalb "naive Fragen", die er dann auf jungundnaiv.de und YouTube mit dem Titel "Bundesregierung für Desinteressierte" veröffentlicht. Zum Stellen von naiven Fragen war Tilo Jung auch schon in der Ukraine, Israel und Palästina.

Die Anti-Influencer

Spaceradio (1.143.846 Abonnenten @youtube)

Fabian Rieck und Steven Schuto sollte man lieber nicht als Influencer bezeichnen – ein Video von Spaceradio heißt "Wir sind KEINE INFLUENCER". Was sie stört: Der Begriff ist zu allgemein. "Als würden alle Menschen im Internet dasselbe machen." Was sie machen: Videos zu tagesaktuellen Themen, zur Diskussion ums Rezo-Video zum Beispiel. Ihre persönliche Meinung lässt das Duo in vielen Videos durchklingen. Zur CDU und Artikel 13 sagen sie: "Wir sind einfach n‘ bisschen pissed." Über Ursula von der Leyen und ihre Berater: "Kein Plan von Nichts". Aber nicht nur die CDU wird bearbeitet, Videos drehen sie zum Beispiel auch über die Fridays-for-Future-Bewegung oder das Anti-Kinderkriegen-Manifest von Verena Braunschweiger. Das findet das Duo auch nicht gut: "Das, was die liebe Verena da redet, ist absolut zum Speien!" Auf ihrem Comedy-Kanal "Spacefrogs" gibt es außerdem Sketche, auf "Space Gaming" zum Beispiel Videos zu virtueller Realität. Sehr flott und abgespaced.