Als die 26 Kandidatinnen und Kandidaten von Volt Deutschland auf dem Parteitag im vergangenen November ihre Reden hielten, entwarfen sie alle ihre eigene Vision, ein bisschen zumindest: Manche sprachen über Frieden, Freiheit und Wohlstand, andere über ihren Wunsch nach einer europäischen Zivilgesellschaft oder einer politischen Union. Es ging um Partizipation, Gleichberechtigung, den Klimawandel, Migration, offene Grenzen und gemeinsame Außenpolitik. Ein Kandidat will Europa grüner, sozialer, toleranter und vereinter machen, eine Kandidatin die EU greifbarer, verständlicher, wirkungsvoller. Dazwischen immer wieder der Wunsch, Nationalismus und Populismus etwas entgegenzusetzen und Probleme gemeinsam zu lösen.

Wenn man Boeselager darauf anspricht, sagt er, er finde gut, wenn sich die Kandidatinnen einzelne Themen herauspicken, für die sie in der Kommunikation besonders stehen. Es gebe ja etwas, das alle zusammenhält: das europaweite Grundsatzprogramm, das die politische Richtung vorgibt und auf dessen Basis Wahlprogramme formuliert werden, für die Europawahl eben die Amsterdam Declaration. "Wenn wir dann ins Europaparlament kommen, werden wir alle für das gesamte Wahlprogramm stehen", sagt Boeselager.

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Die Amsterdam Declaration umfasst nur elf Textseiten. Und trotzdem verstärkt sie den Eindruck, dass es ganz schön schwierig ist, "eine neue Vision für Europa" zu entwickeln, wie es im Vorwort heißt. Denn wer sich heute mit der EU beschäftigt, muss sich mit allem beschäftigen: mit Wirtschaft und Finanzen, Arbeit und Handel, Sicherheit und Verteidigung, Sozial- und Umweltpolitik, Migration und Flucht, Bildung und Forschung, und nicht zuletzt mit den EU-Institutionen. Spätestens wenn es um Details geht, wird es nicht nur viel, sondern auch kompliziert. So fordert Volt zum Beispiel ein Eurozone+-Budget und eine europäische Körperschaftssteuer, eine europäische Arbeitsplattform, eine europäische KI-Initiative und eine europaweite CO₂-Steuer.

"Unsere Vision ist keine einfache Parole, weil wir ein komplexes System komplex umstrukturieren wollen."
Evelyn Steffens, Volt-Kandidatin für die Europawahl

Viele der Vorschläge und Forderungen finden sich auch in den Europawahlprogrammen anderer deutscher Parteien. So werben zum Beispiel sowohl die Union als auch die SPD für eine vereinheitlichte Körperschaftssteuer, die Grünen wollen einen "CO₂-Mindestpreis", die Linken eine "Kohlenstoffsteuer". Der Anspruch von Volt ist, all diese europäischen Themen zusammenführen und dabei konsequent auf europäischer Ebene zu bleiben. Doch das ist auch, was ihre Vision so schwer greifbar macht. Wie Evelyn Steffens, eine der Kandidatinnen, es beim Parteitag im November formulierte: "Unsere Vision ist keine einfache Parole, weil wir ein komplexes System komplex umstrukturieren wollen."

Man könnte auch sagen, Volt kämpft mit dem gleichen Problem wie die Europäische Union: Die Grundidee ist gut, aber die Details sind schwer zu vermitteln. Ihre Message ist weniger eingängig als das Nein zu Europa der EU-Skeptiker oder als das Hashtag "Europa ist die Antwort", mit dem die SPD ihren Europawahlkampf bestreitet. Am besten zusammenfassen lässt sie die Vision von Volt wahrscheinlich mit einem ihrer fünf Wahlplakatmotive: "Für ein vereinigtes Europa, wie wir es wollen", steht da. Die Frage ist, ob sich damit Wähler überzeugen lassen, insbesondere solche, die nicht sowieso schon von der europäischen Idee begeistert sind.

Wie kommt Volt an?

An dem Abend in Fürstenwalde wird Boeselagers Name viermal aus dem silbernen Weinkühler gezogen. Jedes Mal hat er dann die Möglichkeit, zwei der 56 Fragen zu beantworten. 60 Sekunden, um die Meinung seiner Partei zur Genehmigung von Glyphosat kundzutun. Oder 60 Sekunden, um Frage 40 zu beantworten: Sieht Ihre Partei einen Veränderungsbedarf bei der Ausgestaltung von Entscheidungsprozessen innerhalb der europäischen Union? "Eine sehr gute Frage", sagt Boeselager und erklärt, wie sich die Entscheidungsprozesse in der EU nach Meinung von Volt ändern müssen: Das EU Parlament soll mehr Rechte bekommen, der Europäische Rat beschränkt werden, perspektivisch eine europäische Regierung eingesetzt werden. Boeselagers Antworten transportieren mehr Inhalt als die vieler anderer Anwesender. Der Kandidat des Bündnis Grundeinkommen zum Beispiel bekommt auch dann noch Lacher und Applaus, als er zum fünften Mal sagt, er habe nur zu einer Frage etwas zu sagen.

Damian Boeselager steht mit Dieter Schulz, Kandidat der Neuen Liberalen, auf der Bühne im Parkclub Fürstenwalde. In dem silbernen Weinkühler vor ihnen liegen Zettel mit Fragen über Europa. © Constanze Kainz für ZEIT ONLINE

An den Straßenlaternen vor dem Parkclub hängen Wahlplakate von der ÖDP, von den Piraten und der Linken. Keines von Volt. "Ich hatte von der Partei noch nie gehört", sagt Manuela aus Fürstenwalde nach der Veranstaltung. Die 29-Jährige fand Boeselagers Auftreten gut, das Proeuropäische, ein netter Ansatz. Mit Boeselager ins Gespräch kommen will an diesem Abend keiner der Gäste. Auch die anderen Kandidaten stehen allein an den Stehtischen im Parkclub. Im Hintergrund läuft leise Musik, die Stuhlreihen werden abgebaut. Manuelas Freunde trinken ihr Bier aus und nicken, als ihre Freundin über Volt spricht. Vor allem den jüngeren Anwesenden hat Boeselagers Auftritt gefallen. Auch der 21-jährigen Isabelle. Wenn sie nicht schon Mitglied bei der FDP wäre, würde sie sich vielleicht bei Volt engagieren, sagt sie: "Ich finde ihre Themen gut und der europäische Gedanke ist so wichtig."

Die Volt-Vision, die draußen ankommt, ist weniger komplex als das, was hinter den Kulissen entworfen wird. Nach außen wirkt Volt vor allem wie die Pro-Europa-Partei. Vielleicht ist das besser so.