Politiker verstehen die Jugend nicht mehr. Dabei waren sie doch selbst mal jung. Wir haben acht Spitzenpolitiker gefragt, ob sie sich daran eigentlich noch erinnern.

Katarina Barley

Abgeordnete im Europaparlament (SPD), 50 Jahre

ZEIT Campus ONLINE: Frau Barley, wie waren Sie mit 17 Jahren so drauf?

Katharina Barley: Bis ich 16 Jahre alt war, hatte ich eine ziemlich dicke Brille und eine Zahnspange. Dann bin ich beides etwa zeitgleich losgeworden. Mit 17 Jahren habe ich das Leben genossen, ich hatte einen großen Freundeskreis und habe viel Handball, Badminton und Tischtennis gespielt. 

ZEIT Campus ONLINE: Wie war die politische Lage damals?

Barley: Es war Mitte der Achtzigerjahre, die Umwelt- und die Anti-Atomkraft-Bewegung, aber auch der Kalte Krieg waren die prägendsten Themen.

ZEIT Campus ONLINE: Für welche Themen haben Sie gebrannt?

Barley: Zum einen für genau diese Themen. Mein Vater war Journalist, deswegen wurde bei uns zu Hause immer diskutiert. Zum anderen haben mich auch die Dinge vor Ort, kommunalpolitische Themen interessiert.

ZEIT Campus ONLINE: Sind Sie auch auf Demonstrationen gegangen?

Barley: Erst während meines Jurastudiums in Marburg, als ein altes Gebäudeensemble im Zentrum abgerissen und durch ein Hotel ersetzt werden sollte.

Katharina Barley mit etwa 17 Jahren im Schwimmbad © privat

ZEIT Campus ONLINE: Wovor hatten Sie Angst?

Barley: Vor allem, dass der Atommüll unsere Umwelt über Jahrhunderte verseuchen würde.

ZEIT Campus ONLINE: Was haben Sie sich für Deutschland oder die Welt gewünscht?

Barley: Ich habe mir gewünscht, dass Deutschland in der Welt eine vermittelnde Funktion einnimmt. An unserem Land konnte man die tiefen Narben erkennen, die Kriege hinterlassen. Mein Wunsch war es, dass wir diese Verantwortung in Politik umsetzen.

ZEIT Campus ONLINE: Was hat Sie damals an Politikern genervt?

Barley: Arroganz und ideologische Blindheit. Ich weiß noch, wie beschämend ich es fand, dass andere Politiker Willy Brandt wegen seiner unehelichen Geburt diffamierten. Ich hatte das Gefühl, viele haben ihre politischen Gegner persönlich dämonisiert.

Meine Großeltern waren zwar keine Nazis, aber es gab oft diese verharmlosenden Sprüche, wie "Es war ja nicht alles schlecht".
Katharina Barley

ZEIT ONLINE: Was haben Sie an den vorigen Generationen kritisiert?

Barley: Meine Großeltern waren zwar keine Nazis, aber es gab oft diese verharmlosenden Sprüche, wie "Es war ja nicht alles schlecht". Dafür habe ich meine Großmutter kritisiert. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das ungerecht war - meinen Großvater hätte ich viel mehr hinterfragen müssen. Er hat aber einfach nicht über die Zeit geredet.

ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie jemals in Ihrer Jugend rebelliert?

Barley: Meine Eltern waren Teil der 68er-Generation. Sie waren keine Hippies, aber sehr politisch und bei den Studentenprotesten aktiv. Ich hatte keinen Grund, gegen sie zu rebellieren, denn sie haben mir nie etwas verboten. Nur zwei Mal haben sie mich ernsthaft gebeten, etwas zu lassen, weil sie sich Sorgen gemacht haben.

ZEIT Campus ONLINE: Was war das?

Barley: Das eine war Trampen und das andere Motorradfahren. Ich machte gerade meinen Motorradführerschein, als mein Vater einen Motorradunfall hatte. Da haben mich meine Eltern gebeten, statt dem Motorrad lieber das alte Auto meines Vaters zu übernehmen.

ZEIT ONLINE: Was haben Ihre Eltern damals an Ihnen nicht verstanden?

Barley: Ich denke, dass meine Eltern meine Generation als deutlich unpolitischer erlebt haben als ihre eigene. Das ist bei 68ern ja klar.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie sich ernst genommen gefühlt?

Barley: Von meinen Eltern immer. Als ich noch sehr klein war, lief mal etwas über Amnesty International im Fernsehen. Ich habe nicht verstanden, warum die sich für Leute einsetzen, die im Gefängnis sind. Schließlich haben die ja etwas verbrochen. Mein Vater hat sich sehr viel Zeit genommen, mir das zu erklären.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie sich von Ihrer Jugend bis heute bewahrt?

Barley: Dass ich keine Angst davor habe, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Den Glauben daran, dass man Dinge verändern kann. Und dass die meisten Menschen einen guten Kern haben, an den man appellieren kann.

Interview: Stella Männer