Franziska Giffey

Bundesfamilienministerin (SPD), 41 Jahre

ZEIT Campus ONLINE: Wie waren Sie mit 17 so drauf? 

Franziska Giffey: Ich sag mal so: Ich war schon eine fleißige Schülerin. Ich wollte gerne die Sachen, die ich anfange, gut machen. Ich hab mich um die Schulbibliothek gekümmert und war sehr wissbegierig. 

ZEIT Campus ONLINE: Wie war die Lage? 

Giffey: Das war 1995, also kurz nach dem Mauerfall. Ich bin in Frankfurt/Oder geboren. Das war eine aufregende Zeit. Wir haben zum ersten Mal eine Klassenfahrt ins Ausland gemacht, nach Österreich und dann im Jahr darauf nach London. Auf einmal war das alles möglich. 

ZEIT Campus ONLINE: Wofür haben Sie gebrannt? Wofür sind Sie auf die Straße gegangen? 

Giffey: Zu diesem Zeitpunkt war gerade die Deutsche Einheit vollzogen. Ich habe die Möglichkeiten, die es plötzlich gab, genutzt und war fasziniert davon, wie sich die Welt öffnete. 

Franziska Giffey, damals noch mit anderer Haarfarbe © privat

ZEIT Campus ONLINE: Wovor hatten Sie Angst? 

Giffey: Ich bin ja ein optimistischer Mensch. Das war ich auch damals schon. Ich habe die Zeit nach der Wende als großen Umbruch und Aufbruch erlebt. Auf der anderen Seite sind meine Eltern beide arbeitslos geworden. Das war nicht so einfach. Sie mussten sich neu orientieren, als ihre Betriebe abgewickelt wurden. 

ZEIT Campus ONLINE: Was haben Sie sich für Deutschland oder die Welt gewünscht? 

Giffey: Ich fand diese friedliche Revolution und die darauffolgende europäische Einigung außergewöhnlich und faszinierend. Das Zusammenwachsen der europäischen Staaten, Reisefreiheit, freie Meinungsäußerung, internationale Zusammenarbeit – ich habe mir gewünscht, dass das immer größer wird. Mich hat die europäische Idee damals sehr begeistert. 

ZEIT Campus ONLINE: Was hat Sie genervt an Politikern? 

Giffey: Die kamen mir natürlich weit, weit weg vor – besonders, wenn sie nicht verständlich gesprochen haben. Und uralt. Ich bin heute 41 Jahre alt und ich fühle mich überhaupt nicht so alt und so weit weg. Aber jemand, der heute 17 ist, spürt vielleicht auch eine große Entfernung zu über 40-Jährigen. Als Jugendministerin habe ich aber natürlich viel Kontakt mit Jugendlichen – und für mich ist das jedes Mal sehr aufschlussreich. Ich erlebe selbstbewusste, engagierte junge Menschen, die mitmachen und sich einbringen wollen. 

ZEIT Campus ONLINE: Was haben Ihre Eltern nicht an Ihnen verstanden? 

Giffey: Den Musikgeschmack. Ich hatte eine Gothic-Phase. Das konnten sie nicht ganz nachvollziehen. 

ZEIT Campus ONLINE: War das eine Rebellion? 

Giffey: Ach, Rebellion. Ich glaube, es ist ziemlich normal, dass man manchmal auch andere Sachen gut findet als die Eltern. Das gleich als Rebellion zu bezeichnen, finde ich übertrieben. 

Es gibt immer ein Davor und ein Danach: vor dem Mauerfall, nach dem Mauerfall. Das prägt total.
Franziska Giffey

ZEIT Campus ONLINE: Was haben Sie an den vorigen Generationen kritisiert? 

Giffey: Das muss man in dem Kontext von damals sehen: Da war alles voller Veränderung. Niemand war eingerichtet in einem seit Jahren bestehenden System. Das ist ja das Besondere an Ostbiografien: Es gibt immer ein Davor und ein Danach: vor dem Mauerfall, nach dem Mauerfall. Das prägt total. Wenn Sie mich fragen, wogegen ich rebelliert habe oder was ich kritisiert habe, dann kann ich darauf gar nicht antworten. Jugendkritik richtet sich ja häufig gegen etwas, das immer schon so läuft. Das war in meiner Jugend überhaupt nicht der Fall. Alles hat sich verändert. Und alle waren konzentriert darauf, mit der Veränderung gut umzugehen. Und an vielen Stellen ist das auch gelungen. Darauf können wir stolz sein.

ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie sich ernst genommen gefühlt? 

Giffey: Ich habe mich sehr ernst genommen gefühlt. Und auch sehr unterstützt von meinen Eltern und meiner Schule. Ich hatte sehr nette Lehrer, die Verständnis für uns hatten und gleichzeitig selbst in einer Umbruchsituation waren. Jemand, der vorher Staatsbürgerkunde unterrichtet hat, mit Karten, auf denen West-Berlin nur als weißer Fleck eingezeichnet war, musste jetzt auf einmal Politik, Geschichte und Geografie nach einem neuen System unterrichten. 

ZEIT Campus ONLINE: Was haben Sie sich von Ihrer Jugend bewahrt? 

Giffey: Die Begeisterungsfähigkeit für Neues und den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Und die Perspektive, dass auch, wenn sich Dinge ändern, es immer weiter geht und man mit dem, was man hat, versuchen sollte, das Beste zu erreichen.

Interview: Amna Franzke