Wenn wir über Geld reden, geht es selten wirklich ums Geld. Sondern um Macht oder Sicherheit, sagt eine Paartherapeutin und gibt Tipps für den nächsten Streit.

In der Schlange vor der Eisdiele, im Kino und beim Wocheneinkauf: Wenn man mit Freunden unterwegs ist, steht man oft vor der Frage: Wer zahlt was? Spätestens, wenn Freunde eine WG gründen oder ein Paar in eine gemeinsame Wohnung zieht, lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Dann müssen Miete, Strom, Gas und eine Kaution bezahlt werden. Aber wie eigentlich? 50:50 oder einkommensabhängig? Von einem gemeinsamen oder von einzelnen Konten? Niemand will kleinlich rüberkommen, geizig schon gar nicht. Aber irgendwie muss man das Geld zusammenhalten. Karin Kutz arbeitet als Psychotherapeutin in Wendelstein bei Nürnberg. In ihrer Praxis hat sie schon oft erlebt, wie die Finanzen zum Streitthema wurden. Sie berichtet über Geld in Beziehungen und unsere Beziehung zum Geld.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Kutz, wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, bin ich meistens diejenige, die für andere Geld auslegt und es nicht zurückbekommt. Wie spreche ich an, dass mich das stört?

Karin Kutz: So offen wie möglich. Am besten, Sie schildern zuerst die Situation: "Wenn wir zusammen weggehen, war ich gern bereit, Geld auszulegen." Dann sollten Sie darüber sprechen, was es für Gefühle in Ihnen auslöst, so behandelt zu werden: "Aber im Moment bin ich ziemlich frustriert, dass ich das Geld nie wieder zurückbekomme." Das macht die anderen meistens betroffen und man kann am ehesten eine angemessene Reaktion erwarten.

ZEIT Campus ONLINE: Warum ist ein solches Gespräch über Geld eigentlich so unangenehm?

Kutz: Wenn man anspricht, dass jemand einem etwas schuldet, unterstellt man sich selbst geizig, kleinlich oder nicht hilfsbereit zu sein. Das sind Eigenschaften, die wir bei uns selbst nicht gern sehen und wir haben Angst, dass wir dann von anderen so wahrgenommen werden.

ZEIT Campus ONLINE: Das heißt, es geht nicht nur um die 11,60 Euro für das Burgermenü, sondern immer auch darum, was wir indirekt über die Freundschaft aussagen?

Kutz: Ja, genau. Das Thema Geld berührt die emotionalen Grundlagen einer Freundschaft. Vertrauen und Großzügigkeit zum Beispiel. Diese Eigenschaften scheinen mit der Bitte, Geld zurückzuerhalten oder den Restaurantbesuch abzurechnen, nicht zusammenzupassen.

ZEIT Campus ONLINE: Im Urlaub sagen meine Freunde "passt schon", dabei würde ich gern genau abrechnen. Wenn ich das anspreche, wirke ich ja spießig oder sogar wie eine schlechte Freundin.

Kutz: Erklären Sie, woher Ihr Bedürfnis kommt und was Sie vermeiden möchten. Das hilft den anderen, Ihre angebliche "Spießigkeit" einzuordnen und Verständnis aufzubringen.

ZEIT Campus ONLINE: Woher kommt es denn, dass wir so unterschiedlich mit Geld umgehen?

Kutz: Wie wir den Umgang mit Geld in unserer Familie erlebt haben, beeinflusst uns als Erwachsene. Stand der Familie genug Einkommen zur Verfügung? Wofür wurde es ausgegeben? Waren die Eltern sehr sparsam oder war der Umgang mit Geld großzügiger? Hat man als Kind mit dem Verhalten der Eltern diesbezüglich eher positive Erfahrungen gemacht, übernimmt man dieses Muster. Waren die Erfahrungen vor allem negativ, dreht man das Muster häufig ins Gegenteil um.

ZEIT Campus ONLINE: Auch in Paarbeziehungen ist Geld ein Streitthema. Was ist hier anders als in Freundschaften?

Kutz: In Liebesbeziehungen ist Geld besonders häufig ein Stellvertreterthema. Dann geht es nicht darum, ob man Geld für einen Restaurantbesuch ausgibt oder lieber zu Hause kocht, sondern häufig auch um das Bedürfnis nach Sicherheit. Der eine fühlt sich nur wohl, wenn er drei Monatsgehälter als Notgroschen zurückgelegt hat. Der andere ist damit zufrieden, wenn das Konto am Monatsende auf null steht. Solche Dinge spielen in Freundschaften keine Rolle. Oder es geht um Macht: Wer bestimmt wofür und wie viel Geld ausgegeben wird? Wer setzt sich mit seiner Meinung gegenüber dem Partner durch? Die Konflikte ums Geld zeigen oft, woran es in der Beziehung eigentlich hapert.

ZEIT Campus ONLINE: Zum Beispiel?

Kutz: Ein Ehepaar kam in meine Praxis. Sie ist momentan in Elternzeit, er arbeitet Vollzeit und verdient relativ gut. Seiner Meinung nach gibt seine Frau zu viel Geld für unnütze Dinge aus – zum Beispiel teure und hochwertige Kinderkleidung. Er ärgert sich darüber, dass sein hart verdientes Geld scheinbar verschleudert wird und dass am Monatsende nichts zurückgelegt werden kann oder das Konto sogar im Minus ist. Dahinter steht das Problem, dass seine Frau mit ihrem Selbstwertgefühl zu kämpfen hat. Sie war früher in ihrem Beruf sehr erfolgreich, hat selbst gut Geld verdient und fühlt sich jetzt wie eine Bittstellerin. Indem sie teures Spielzeug oder Markenkleidung für die Kinder kauft, wertet sie sich selbst indirekt auf.

ZEIT Campus ONLINE: Was hätten die beiden besser machen können?

Kutz: Beide haben es nicht geschafft, die neue Rollenverteilung vorher zu besprechen und damit gut umzugehen. Das heißt, es geht letztendlich gar nicht um das Geld, sondern darum, welche Veränderungen es in ihrer Beziehung gegeben hat, seit die beiden Kinder auf der Welt sind.

ZEIT Campus ONLINE: Aber das Thema Geld kommt bei Paaren ja meistens nicht erst mit dem Kinderkriegen auf. Oft ist die erste gemeinsame Wohnung der Zeitpunkt, über Finanzen zu reden. Dann drängt sich die Frage auf: Eröffnen wir ein gemeinsames Konto?

Kutz: Ich empfehle die Drei-Konten-Regelung. Jeder behält sein eigenes Konto und gemeinsam eröffnet man ein drittes, von dem dann die gemeinsamen Ausgaben bezahlt und Rücklagen für Urlaube oder Anschaffungen gebildet werden. Auf dieses Konto zahlen beide ein. Wie viel, würde ich nicht am Betrag festmachen. Stattdessen sollte man sich auf einen Prozentsatz einigen, sodass jeder von dem Geld, was er zur Verfügung hat etwa 70 bis 80 Prozent auf das gemeinsame Konto einzahlt. Wie hoch dieser Prozentsatz ist, hängt natürlich auch von der Höhe der Ausgaben ab. Das ist die gerechteste Lösung.